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75 Jahre DIE FURCHE

Klettersteiggeher am Marmolada-Westgrat in den Dolomiten - Klettersteiggeher am Marmolada-Westgrat in den Dolomiten. - © Wolfgang Machreich
Lebenskunst

Gehend, steigend, kletternd ankern

1945 1960 1980 2000 2020

Die Gebrüder Grimm haben es beschrieben, Viktor Frankl und die Ökomedizin geben ihnen recht: Natur und Bewegung schaffen Inseln der Askese und Refugien des Ausgleichs.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Gebrüder Grimm haben es beschrieben, Viktor Frankl und die Ökomedizin geben ihnen recht: Natur und Bewegung schaffen Inseln der Askese und Refugien des Ausgleichs.

Von den antiken Philosophen über Jesus bis Hape Kerkeling, davor und danach und immer gilt: Wenn nichts mehr geht, dann geh! Und ist es nicht möglich, sich gehend, laufend, steigend auf den Weg zu machen, der Enge zu entkommen, den psychischen und physischen Kerkern zu entfliehen, dann hilft Viktor Frankls „Trotzmacht des Geistes“, um es hinaus in die Weite, hinauf in die Höhen zu schaffen. Rudi Reif, Frankls Kletterlehrer in den Wiener Hausbergen, hat es dem Begründer der Logotherapie vorgemacht. Im Dezember 1938 flüchtete der Jude Reif mit seiner Frau vor den Nazis. Die Kriegswirren machten das als Zwischenstation gedachte Shanghai zur Endstation – Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen inklusive. Um diese zu stillen, der trostlosen Situation im Flüchtlingsgetto zu entkommen, sich aufzurichten und zu stärken, stieg Reif im Geiste den „Wiener Neustädter Steig“, eine der damals schwierigsten Klettereien auf der Rax. „Hirnklettern“ nannte er diese alpinen Visualisierungen und fand sein Steigen im Geist selbst „ganz meschugge“. Aber es half ihm die Zeit als Flüchtling in der Fremde zu überstehen – bis er nach geglückter Heimkehr sich in der Realität wieder an seinen geliebten Felsen festmachen konnte.

Gesunder Stress an der Leistungsgrenze

Auch Viktor Frankl nützte dieses Klettern im Geiste als mentale Seilhilfe in aussichtslosen Situationen während seines Leidenswegs durch vier Konzentrationslager. „Tatsächlich verdankte er sein Überleben dieser Selbstanwendung einer zentralen Technik seines Therapiekonzepts, die auf der exklusiv menschlichen Fähigkeit beruht, sich von sich selbst und äußeren Bedingungen geistig distanzieren und auf diese Weise frei Stellung beziehen zu können“, schreiben Michael Holzer und Klaus Haselböck in ihrem Buch „Berg und Sinn“, in dem sie Frankls Klettertouren nachsteigen und ihr Suchen nach Griffen und Tritten im Fels mit Frankls Sinnsuche und Sinnfinden verbinden. Und so wie Frankl die Grenzen seiner Wissenschaft erweiterte und bahnbrechend Neues in der Psychotherapie schuf, so kletterte er auch bei seinen Touren bis an die Leistungsgrenze. „Die physische Erschöpfung, das Ausreizen körperlicher Kapazitäten auf dem Berg“, schreiben Holzer/Haselböck, „war für Frankl der gelebte Ausdruck seiner tiefen therapeutischen Überzeugung, dass der Mensch nicht nur nach Spannungsfreiheit sucht, sondern, im Gegenteil, auch dynamische Anspannung, gesunden Stress, für seine seelische Ausgeglichenheit braucht.“