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Spurensucher des Sinns

1945 1960 1980 2000 2020

Der Arzt Viktor Frankl beschrieb eine Ursehnsucht des Menschen: die Erfahrung eines sinnhaften Lebens. Der Zweite Frankl-Weltkongress in Wien präsentierte sein Werk im Licht heutiger Herausforderungen.

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Der Arzt Viktor Frankl beschrieb eine Ursehnsucht des Menschen: die Erfahrung eines sinnhaften Lebens. Der Zweite Frankl-Weltkongress in Wien präsentierte sein Werk im Licht heutiger Herausforderungen.

Befragt man das Lebensgefühl unserer Zeit, fällt es nicht schwer, darin auch eine resignative Stimmungslage auszumachen: "Menschen haben den Eindruck, bloß Spielball von Einflüssen und globalen Zusammenhängen zu sein, gegen die sie als Einzelne nichts auszurichten vermögen", sagt Alexander Batthyany, Vorstand des Viktor Frankl Instituts in Wien. "Das schürt Frustration und Hilflosigkeitsgefühle, in die leicht psychische Erkrankungen hineinwuchern können." Batthyany sieht darin genau jene Befindlichkeit, die der berühmte Wiener Psychiater Viktor Frankl als "existenzielles Vakuum" beschrieben hat, und verweist auf internationale Studien, die von einem zunehmenden Gefühl der Entmutigung und Sinnlosigkeit berichten.

"Die gesundheitlichen Auswirkungen darf man nicht unterschätzen, vor allem in einer Zeit, in der psychische Erkrankungen ohnehin auf ein alarmierendes Niveau hochschnellen", betont Batthyany. Eine eben veröffentlichte Studie bei amerikanischen Kriegsveteranen etwa zeigt, dass die Anfälligkeit für psychische Störungen stark mit dem zugrunde liegenden Lebensgefühl zusammenhängt und die Erfahrung eines sinnhaften Lebens einen Schutzfaktor für erfolgreiches Altern darstellt.

Weltweite Rezeption

Dass Frankls Ideenwelt auch heute ungebrochen aktuell erscheint, verdeutlichte der Zweite Internationale Kongress für Logotherapie und Existenzanalyse, der vom 15.-18. Mai in Wien stattfand. Rund 350 Teilnehmer aus 30 Ländern kamen im Billrothhaus der Gesellschaft der Ärzte zusammen, um heutige Anwendungen von Frankls Lebenswerk zu diskutieren. Dieses hat mittlerweile nicht nur in Medizin und Psychotherapie, sondern auch in Philosophie und Pädagogik, Prävention und Altenbetreuung, Organisationsund Unternehmensberatung Früchte getragen. Von der weiten Ausstrahlung dieses Werks zeugte nicht zuletzt das Kongresspublikum aus aller Welt, das Frankls Witwe Eleonore bei ihren Grußworten mit "Standing Ovations" die Ehre erwies.

Der in Wien-Leopoldstadt in einer jüdischen Familie geborene Frankl hatte in der Zwischenkriegszeit persönliche Kontakte zu Sigmund Freud und Alfred Adler unterhalten, distanzierte sich aber bald von deren Theorien und begründete mit der Logotherapie eine Sinn-orientierte, humanistische Form der Psychotherapie. Wie Freud und Adler trug er somit entscheidend dazu bei, dass Wien heute als "Weltstadt der Psychotherapie" beworben werden kann.

Den Begriff der Logotherapie hatte Frankl erstmals 1926 verwendet und ihm 1933 die ergänzende Bezeichnung der "Existenzanalyse" hinzugefügt, um auch die philosophische Dimension seiner therapeutischen Überlegungen zum Ausdruck zu bringen.

Als Frankl, der aufgrund des NS-Terrorregimes seine Familie verloren hatte, als HolocaustÜberlebender an der Fortsetzung seines Werkes arbeitete, erhielt es eine bislang ungeahnte authentische Kraft. Nach der Erfahrung der NS-Konzentrationslager wurde Frankls schöpferischer Elan zum lebendigen Zeugnis seiner Theorie. Seine 32 Bücher, die in 26 Sprachen übersetzt wurden, erreichten Millionenauflagen. Das berühmteste davon trägt den Titel "Trotzdem Ja zum Leben sagen": Die Library of Congress in Washington zählt es heute zu einem der zehn einflussreichsten Bücher Amerikas.

"Freisein ist der negative Aspekt eines Phänomens, dessen positiver Aspekt Verantwortlichsein heißt", hat Frankl stets betont. Tatsächlich passen Kernbegriffe seines Werks wie Freiheit und Verantwortung, Sinn-Suche und Selbstverwirklichung gut zu den heutigen Herausforderungen einer hochmodernen, aber brüchigen globalisierten Welt, die durch rasanten technologischen und sozialen Wandel geprägt ist. Für den US-Journalisten Michael Ryan, der in Wien als prophetisch anmutender Mitbegründer der sich auf Frankl berufenden "Freedom &Peace Foundation" auftrat, hat die Weltsicht des österreichischen Psychiaters ein geradezu einzigartiges Potenzial universeller Akzeptanz: "Frankls Lehren reichen quer durch alle Kulturen, Ethnien und Religionen", sagte Ryan, der in der Logotherapie "eines der besten Heilmittel für das weltweite Krebsleiden der Hoffnungslosigkeit, Wut und Verzweiflung" sieht.

Auch in die Seelsorge ist Frankls Werk eingeflossen. Wie die Logotherapie als Grundlage einer "weltlichen Spiritualität" fungieren könnte, erörterte der rumänische Theologe János Vik. Frankls Menschenbild sei "weltbewusst" im Hinblick auf die eingemahnte soziale und politische Verantwortung, zugleich aber "spirituell", wenn man Sinn und die damit assoziierten Werte mit Frankls Schülerin Elisabeth Lukas als "spirituelles Angebot" versteht. Logotherapie sei jedoch kein Religionsersatz, denn sie bewegt sich mit ihrem theoretischen Rahmen an der Grenze vor der weltanschaulichen Aufgabelung in eine theistische und atheistische Weltsicht.

Viktor Frankl-Museum geplant

Mehr als 50 Jahre hat Viktor Frankl in der Mariannengasse in Wien-Alsergrund gelebt. Dort findet sich heute das Viktor Frankl Zentrum, dessen kleine Ausstellung jährlich von rund 10.000 Besuchern besichtigt wird. Zu seinem 10-jährigen Bestehen hat das Frankl Zentrum nun größere Räumlichkeiten gleich neben der Privatwohnung des Arztes erworben. Dort soll im Herbst das weltweit erste Viktor Frankl-Museum eröffnet werden; am 5. Juni gibt es dafür eine Benefizveranstaltung.

"Das kommende Jahrhundert wird der Suche nach Sinn gewidmet sein", hatte Frankl einst prophezeit. Als Großvater war er immer schwer zu beschenken, erinnerte sich seine Enkelin Katharina Ratheiser anlässlich der Frage, was er sich wohl für seinen 105. Geburtstag (2010) gewünscht hätte: "Vielleicht die Gewissheit, dass seine visionären Ideen auch noch im neuen Jahrtausend, das er nicht mehr erlebt hat, Verbreitung finden und für die Menschen heilsam und hilfreich sind."

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