"Trotzdem ja zum Leben sagen"

Die Furche: Was unterscheidet die Logotherapie und Existenzanalyse von anderen Therapieformen?

Alfried Längle: Die Logotherapie ist eine sinnzentrierte Beratungs- und Behandlungsform. Der Unterschied zu anderen Richtungen ist, daß in der Logotherapie und Existenzanalyse mit der Entscheidungsebene gearbeitet wird. In der Logotherapie, die mehr eine beraterische, abklärende Form ist, geht es um eine lebenswerte Ausrichtung trotz aller Probleme und Schwierigkeiten. Man könnte sie am bestem mit dem Buchtitel Frankls, ihres Begründers, umschreiben: "trotzdem ja zum Leben sagen". Dagegen ist das Ziel der Existenzanalyse, also des psychotherapeutischen Vorgehens, breiter und auf Aufarbeitung angelegt. Es ließe sich in den Satz fassen: "mit Zustimmung leben".

Die Furche: Was versteht die Logotherapie unter "Sinn"?

Längle: Sinn wird definiert als die wertvollste Möglichkeit der Situation. Existentieller Sinn ist also das, was in einer konkreten Situation als das "jeweils Beste" angesehen wird.

Die Furche: Wie kann die Logotherapie Menschen bei der Sinnsuche unterstützen?

Längle: Wenn etwa jemand an der Sinnlosigkeit seines Lebens leidet, suchen wir als Logotherapeuten nach möglichen Werten in seinem Leben.

Die Furche: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Längle: Ich denke an einen Patienten, der in seinem Beruf sehr erfolgreich war. Er empfand aber sein ganzes Leben als hohl und leer. Wir haben in etwa 20 Sitzungen herausgearbeitet, daß das zum Teil mit seinem Vater zusammenhing, der immer hohe Anforderungen an seinen Sohn gestellt hat. Der Patient ist daher von Jugend an unter Druck gestanden. Das hat ihm die Freude am Leben genommen. Er lernte mit Hilfe der Therapie, sich von seinem Vater abzugrenzen und sich mehr für das zu entscheiden, was er selbst als wertvoll und gut empfand, etwa sein Hobby. Nachdem der Mann gelernt hatte, seine persönlich als positiv empfundenen Werte umzusetzen, fühlte er wieder Sinn in seinem Leben aufkommen. Die Sinnlosigkeitsgefühle haben also einen Sinn gehabt: sie haben ihn vor einer größeren Verfremdung bewahrt.

Wenn gewisse Voraussetzungen stimmen, dann kann man sogar in sehr kurzer Zeit dem Leben eine sinnvolle Wendung geben. Ein Kollege aus Amerika hat mir beispielsweise den Fall eines 70jährigen chinesischen Patienten erzählt, der akut selbstmordgefährdet war. Er hatte am Tag davor die Diagnose "unheilbarer Krebs im Endstadium" erfahren. In dem Krankenzimmer waren, wie das bei chinesischen Familien üblich ist, drei Generationen um das Krankenbett versammelt. Der Patient war das Familienoberhaupt. Mein Kollege hat diesem Patienten gesagt: "Sie wissen, daß Sie bald sterben müssen. Alle, die hier in diesem Raum versammelt sind, wissen das ebenfalls. Und alle, die wir hier sind, werden auch einmal sterben müssen. Und wir alle schauen jetzt auf Sie, wie Sie diese Situation meistern, weil wir von Ihnen etwas lernen wollen." Der Patient hat von dieser Stunde an die letzten zwei Wochen seines Lebens wieder die Funktion als Familienoberhaupt übernommen, ohne Depressionen und Selbstmordgedanken. Sein Leben war wieder sinnvoll geworden. Der Mann hatte wieder eine Aufgabe bekommen: Vorbild für seine Familie zu sein.

Die Furche: Welchen Stellenwert hat die Logotherapie und Existenzanalyse im Vergleich zu anderen Therapieformen in Österreich?

Längle: Wir sind eine junge Ausbildungsrichtung, unser Verein besteht erst seit 17 Jahren. Trotzdem sind wir bereits ein mittelgroße Gruppe. Das Interesse an dieser Therapieform hat sowohl bei Patienten als auch bei Ausbildungskandidaten der Psychotherapie sehr zugenommen.

Die Furche: Ist die Suche nach dem Sinn heute wieder aktuell?

Längle: Ja. Vor zehn Jahren war die Frage nach dem Sinn nicht so präsent, derzeit nimmt die Nachfrage zu - wie auch die Suche nach Erfüllung und spirituellen Zusammenhängen.

Die Furche: Ist die Logotherapie für manche Menschen eine Art Ersatzreligion?

Längle: Das kann passieren, das müssen wir Logotherapeuten selbstkritisch sehen. Solche Auswüchse gibt es natürlich immer, weil es immer Menschen gibt, die nach einem sicheren Halt suchen und nun meinen, in der Logotherapie einen solchen zu finden. Diese Menschen verkünden etwa, daß das Leben immer einen Sinn hat. Das wäre aber eine religiöse Aussage. Die wissenschaftliche Logotherapie sagt nur, daß das Leben für jeden Menschen zu jeder Zeit einen Sinn haben kann. Das heißt, es ist dem Menschen grundsätzlich möglich, einen Sinn zu finden. Logotherapie soll und darf nie Religionsersatz sein. Das wäre zu schade für die Religion und für die Reifung des Menschen.

Die Furche: Gibt es Überschneidungen zwischen der Religion und der Logotherapie?

Längle: Beiden geht es natürlich um das Thema Sinn. Die Logotherapie kann aber auf keine Verkündigung zurückgreifen und beschäftigt sich daher mit der Sinnsuche auf eine andere Weise als die Religion. Logotherapie fragt nach dem existentiellen Sinn. Das heißt, was ich persönlich zum Sinn in meinem Leben beitragen kann, etwa in Form von Aktivitäten, die ich setzen kann, und Problemen, die sie blockieren. Die Religion beschäftigt sich mit dem ontologischen Sinn, also dem, was durch den Schöpfer vorgegeben ist. Darüber weiß die Logotherapie nichts auszusagen. Diese zwei Sinnkategorien müssen wir auch für die Praxis getrennt halten. Wenn jemand beispielsweise in einem Rollstuhl sitzt, so bringt es wenig, zu fragen, welchen Sinn diese Behinderung hat. Das kann kein Mensch wissen, denn das ist der ontologische Sinn, da müßten wir Gott fragen. Alles andere wären nur menschliche Interpretationen. Das Interessante ist aber, daß es für das Leben gar nicht so entscheidend ist zu wissen, welchen Sinn es hat, behindert zu sein. Viel wichtiger ist die Frage, wie ich damit umgehe. Das ist der existentielle Teil der Sinnfrage. Daneben ist die Existenzanalyse und Logotherapie aber eine Richtung der Psychotherapie, die nicht den Fehler machen will, die Religion zu tabuisieren.

Die Furche: Logotherapie wird auch bei Schwerkranken und Sterbenden angewendet. Wie kann sie hier helfen?

Längle: Das ist ein großes Anwendungsgebiet der Logotherapie, weil es hier natürlich zentral um die Sinnfrage geht, beim Schwerkranken wie beim Helfer übrigens auch. Das Problem ist, daß in der schweren Krankheit nur noch ein schmaler Spalt von Möglichkeiten übrigbleibt, dem Leben eine sinnvolle Wende zu geben. Für uns Existenzanalytiker und Logotherapeuten ist nicht primär das Sterben von Interesse, sondern wie dieser Weg gegangen wird. Im "Wie" des Erleidens und im "Für-Wen" des Ertragens kann auch für Sterbende noch eine Möglichkeit liegen, Sinn zu finden. Darin kann die Logotherapie Menschen begleiten und unterstützen. Man kann beispielsweise noch etwas Gutes tun, indem man versucht, seinen Angehörigen Leid abzunehmen. Wir beobachten oft, daß krebskranke Menschen ihre Angehörigen trösten und ihnen Mut machen und damit etwas Sinnvolles tun.

In der Innerlichkeit, zu der uns das Leiden zwingt, ist es wichtig, sich treu zu bleiben im Einklang mit sich selbst. Eines der tröstlichsten Dinge im Sterben ist, wenn man in diesen schweren Stunden mit sich im Reinen ist. In den schwersten Stunden des Lebens kommt unsere tiefste Haltung zum Leben zum Ausdruck. Denn wenn wir zum Leben wirklich ja gesagt haben, dann haben wir auch zum Sterben und zum Leiden ja gesagt. Denn beides gehört zum Leben.

Das Gespräch führte Monika Kunit VERANSTALTUNG Wenn der Sinn zur Frage wird Vortrag von Alfried Längle; anschließend Podiumsdiskussion.

Freitag, 28. April, 19 Uhr, Wappensaal des Wiener Rathauses ZUR PERSON Ein Schüler Frankls Der Wiener Mediziner und Psychologe Alfried Längle (49) ist Vorsitzender der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse. Die Logotherapie, begründet vom Wiener Psychiater Viktor Frankl, hat sich neben der Psychoanalyse Freuds und der Individualpsychologie Adlers als "dritte Wiener Schule" etabliert. Der Mensch, so Frankls Ansatz, sei vor allem ein "sinnsuchendes und sinnsetzendes Wesen" und keine "Triebmaschine", die vorgegebenen biologischen Mustern gehorche. Alfried Längle, ein Schüler Frankls, hat nun einen Band mit Anleitungen, Gedanken und Anregungen zum Thema "Sinnspuren" herausgegeben. Sinnspuren, dem Leben antworten. Von Alfried Längle, NP-Buchverlag, Wien 2000,öS 145,-/e 10,54,-.

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