Alfried Längle - © Foto: privat

Alfried Längle: „Dem Alltag fehlt die Theatralik“

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Corona „Ja zum Leben“: Krisen kreativ zu bewältigen, ist ein zentrales Anliegen der Therapie nach dem Arzt und KZ-Überlebenden Viktor Frankl. Alfried und Silvia Längle über die wilden 60er Jahre, unmodische Bildung und die heutige Sinnsuche.

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Corona „Ja zum Leben“: Krisen kreativ zu bewältigen, ist ein zentrales Anliegen der Therapie nach dem Arzt und KZ-Überlebenden Viktor Frankl. Alfried und Silvia Längle über die wilden 60er Jahre, unmodische Bildung und die heutige Sinnsuche.

Am 27. März feiert Alfried Längle seinen 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass wird der ehemalige Mitarbeiter von Viktor Frankl die Coronakrise in einem Pressegespräch aus existenzieller Sicht beleuchten. Die FURCHE hat ihn vorab in seiner Wiener Praxis getroffen – und seine Frau Silvia gleich mit dazu gebeten.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie bislang die psychische Verarbeitung der Pandemie – und wie sehen Sie die Anti-Corona- Demonstrationen in diesem Kontext?
Alfried Längle: Zunächst dominierte Angst, nun gibt es eine chronische Belastung verbunden mit Depressivität und Vereinsamung. Durch Vereinsamung und erlebter Enge kann es auch zu hysterischen Reaktionen kommen. Durchaus denkbar, dass die Anti-Corona-Demos etwas damit zu tun haben und sich einzelne Gruppierungen damit Luft verschaffen. Hysterie kann aus der Unerträglichkeit von Einengungen der äußeren Welt und von Vereinsamung herrühren, gerade wenn es schwer ist, in Begegnung zu sein. Und wenn man sich coronabedingt nicht mehr in Szene setzen kann, kann sich die Theatralik des Alltags leicht in hysterischen Versammlungen entladen.

Am 27. März feiert Alfried Längle seinen 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass wird der ehemalige Mitarbeiter von Viktor Frankl die Coronakrise in einem Pressegespräch aus existenzieller Sicht beleuchten. Die FURCHE hat ihn vorab in seiner Wiener Praxis getroffen – und seine Frau Silvia gleich mit dazu gebeten.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie bislang die psychische Verarbeitung der Pandemie – und wie sehen Sie die Anti-Corona- Demonstrationen in diesem Kontext?
Alfried Längle: Zunächst dominierte Angst, nun gibt es eine chronische Belastung verbunden mit Depressivität und Vereinsamung. Durch Vereinsamung und erlebter Enge kann es auch zu hysterischen Reaktionen kommen. Durchaus denkbar, dass die Anti-Corona-Demos etwas damit zu tun haben und sich einzelne Gruppierungen damit Luft verschaffen. Hysterie kann aus der Unerträglichkeit von Einengungen der äußeren Welt und von Vereinsamung herrühren, gerade wenn es schwer ist, in Begegnung zu sein. Und wenn man sich coronabedingt nicht mehr in Szene setzen kann, kann sich die Theatralik des Alltags leicht in hysterischen Versammlungen entladen.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: Welche Sinnmöglichkeiten lassen sich in dieser Pandemie entdecken?
Silvia Längle: Wichtig ist die Fähigkeit des Annehmen-Könnens. Es macht einen Riesenunterschied, wie man das Betroffensein – wirtschaftlich, beruflich, gesundheitlich – annehmen kann. Und das hängt vom Halt ab, den man im Leben hat. Es gibt aber nicht wenige Menschen, die den Rückzug im Lockdown positiv erlebt haben. Auch ich habe die Ruhe genossen. Bei weniger Verpflichtungen konnte ich mich mal Sachen widmen, für die sonst keine Zeit bleibt. Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft, und es fühlt sich an wie eine neue „alte“ Erfahrung, wenn das Tempo einmal gedrosselt wird. Wir kennen dieses Lebensgefühl von früher. Wir sind ja beide im Vorarlberg der 1950er-Jahre noch in einer beschaulichen Ruhe aufgewachsen. A. Längle: Dass es auch mit ruhigerem Rhythmus geht und man dabei Lebensqualität gewinnt, ist mir eine wichtige Erfahrung dieser „Beschränkungszeit“. In Therapiegruppen habe ich nicht selten gehört: „Nach dieser Erfahrung möchte ich anders leben“. Was bleibt, ist die Einsicht, dass unser Leben viel unsicherer ist als gedacht. Die satte Sicherheit, die wir über Jahrzehnte erlebt haben, ist einer Ernüchterung gewichen. Es ist uns klarer geworden, dass man den Alltag zu sehr in einem Gefühl der Täuschung verbringt: nämlich, dass man glaubt, das Leben sei heute völlig gesichert und dass alles immer so weiter gehen wird.

DIE FURCHE: Ein existenzieller Trugschluss!
A. Längle: Und das hat uns das Leben jetzt auf die Augen gedrückt! Es ist schon in Ordnung, diese harten Begrenzungen und Verunsicherungen für die Zeit einer Beschäftigung auf die Seite zu stellen. Aber vor dem Zubettgehen sollte man sich bewusst machen: Das war ein Tag meines Lebens und der kommt nicht wieder. Das Leben wird enden. Und dass es viel früher enden kann, als wir üblicherweise zu denken wagen, hat uns Corona gezeigt. Die Pandemie hat uns die Brüchigkeit und Endlichkeit unserer Existenz wieder ins Bewusstsein gerufen. Und zugleich eine Ermutigung gegeben, dass wir damit gut leben können. Dass wir uns trotz aller Abgründe über diesen Tag freuen können, den ich auch in dieser Corona-Zeit geschenkt bekommen habe.

Die Anti-Corona-Demos könnten eine hysterische Reaktion auf erlebte Enge und Vereinsamung sein.

Alfried Längle

DIE FURCHE: Wenn man an die drohende Klimakrise denkt, wird es den jüngeren Generationen gar nicht mehr leicht möglich sein, so „seinsvergessen“ zu leben. Denn es gibt unangenehme Erkenntnisse, denen man sich nur schwer verschließen kann: Selbst wenn ich meinen eigenen Lebensstil ändere, wird das nichts an den CO₂-Emissionen in Indien oder China ändern. Was kann man tun, um hier nicht in eine resignative Haltung zu verfallen?
S. Längle: Die jüngeren Generationen haben nicht mehr diese Unbeschwertheit, die für uns in den 1960er- und frühen 70er-Jahren noch selbstverständlich war. Damals stand uns die Welt offen; heute sind die Erwartungen begrenzter. Man steht mehr vor der Frage, ob man als einzelner überhaupt etwas bewirken kann. Manchen macht das Druck, weil sie mehr möchten. Andererseits wird der Spielraum des eigenen Wirkens heute im Alltag bewusster gelebt: Was man isst, wie man wohnt, welche Baustoffe oder welche Kosmetik man verwendet, etc. Diese Fragen haben wir uns damals noch gar nicht gestellt. Die Begrenztheit von Erdöl ist gerade mal zum Thema geworden. Heute wird wohl mit einer rücksichtsvolleren Haltung gegenüber der Umwelt gehandelt.
A. Längle: Hier ist es wichtig, den realistischen Spielraum zu erkennen. Und dann darauf zu schauen, wie ich angesichts der äußeren Umstände stimmig mit mir selbst leben kann. Wenn ich meine Entscheidungen in bestmöglicher „Abstimmung“ treffe, dann ist das mein Beitrag. Das überwindet Passivität und Ohnmachtsgefühle. Ich kann mein Einkaufsverhalten verändern, meine Urlaubspläne anpassen, meine Beziehung verbessern, und dabei ich selber sein. Hier einen Beitrag zu leisten ist für die heutigen Jungen das, was zu unserer Zeit die Träume von den großen, weltrevolutionären Veränderungen waren.
S. Längle: Da gab es ja Mao und den Kommunismus! (lacht)
A. Längle: Wir hatten das Gefühl, wir können die Welt auf den Kopf stellen! Heute ist die Jugend bescheidener geworden.
S. Längle: Und das ist kein Verlust, sondern eine gute Entwicklung. Die Bewusstheit, den eigenen Spielraum nutzen zu können, schafft ganz entschieden Lebensqualität.

DIE FURCHE: Seit den 1960er Jahren ist die Welt aber auch immer funktionaler geworden, und sogar das Privatleben wurde zunehmend ökonomisiert. Zugleich ist es im digitalen Zeitalter immer schwieriger, authentisch zu sein. Heute gibt es einen noch nie dagewesenen Druck, das eigene Leben bestmöglich zu präsentieren und womöglich auch zurechtzubiegen...
A. Längle: Der Mensch und seine Bedürfnisse haben sich nicht gewandelt, nur die sozialen Umstände und technologischen Mittel. Der Mensch hat heute viel mehr Möglichkeiten. Dieses Freier-Werden ist ein psychologischer Hintergrund für den Neoliberalismus, der sich z.B. in der Wirtschaft niederschlägt. Und auch in der Gestaltung der Beziehungen: Man lässt sich heute viel leichter scheiden, und aufgrund der gewonnenen Unabhängigkeit kann man sich das als Frau auch eher leisten. Oder denken Sie ans Reisen, Essen, die Unterhaltung: Keine Generation vor uns hatte je so viele Möglichkeiten. Einen Weg durch diese Fülle an Möglichkeiten zu finden und dabei nicht das quälende Gefühl zu haben, etwas zu verpassen – dafür braucht es vor allem Persönlichkeitsbildung.

Silvia Längle - © Foto: privat

Silvia Längle

Silvia Längle stammt wie ihr Mann Alfried aus der Region Feldkirch in Vorarlberg. Nach dem Studium der Physik und Wissenschaftstheorie in Innsbruck, München und Wien widmete sie sich ihrer Familie mit vier Kindern und absolvierte eine Therapieausbildung im Bereich der Existenzanalyse. Sie arbeitet heute als Psychotherapeutin in freier Praxis in Wien und ist Lehrsupervisorin und -ausbildnerin sowie Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE-Int).

Silvia Längle stammt wie ihr Mann Alfried aus der Region Feldkirch in Vorarlberg. Nach dem Studium der Physik und Wissenschaftstheorie in Innsbruck, München und Wien widmete sie sich ihrer Familie mit vier Kindern und absolvierte eine Therapieausbildung im Bereich der Existenzanalyse. Sie arbeitet heute als Psychotherapeutin in freier Praxis in Wien und ist Lehrsupervisorin und -ausbildnerin sowie Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE-Int).

S. Längle: Mit dieser neuen Freiheit umzugehen ist die große kulturelle Aufgabe unserer Zeit. Allein die Inhalte im Internet sind grenzenlos. Um zu selektieren, braucht es Bildung und Orientierung. Wir sind die erste Generation, die in diesen technologischen Umbruch hineingewachsen ist – und wir müssen jetzt persönlich, aber auch als Gesellschaft die Regeln erst finden, wie wir mit diesem Mehr an Freiheit vernünftig umgehen können.
A. Längle: Dafür braucht es auch die Schulen. Es braucht mehr Bildung als Wissen, weil der Computer ohnehin fast alles besser weiß. Sich der Informationsflut gewachsen zu fühlen, sie geistig tragen zu können, das geht nur mit Bildung. Sich bescheiden können mit dem, was man heute unter tausenden Möglichkeiten ausgewählt hat: Mehr kann man ohnehin nicht „essen“ und „verdauen“ als das eine, auf das ich mich wirklich einlasse. Um in dieser Situation nicht nervös zu werden, braucht es die Lehrperson auch als Vorbild, die menschliche Werte vorlebt und „sich selbst“ ist.

DIE FURCHE: Das klingt nach einem sehr unmodischen Bildungsideal. Da fällt mir die Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) ein, die einmal kritisiert hat, die Schule produziere am Markt vorbei. Wo sehen Sie die Schule im Spannungsfeld von Bildung und beruflicher Fitness?
S. Längle: Man kann doch Schülerinnen und Schüler gar nicht ausschließlich auf den Markt hin vorbereiten, denn dieser verändert sich viel zu schnell. Solide Fachausbildungen sind die Grundlage, denn man muss beruflich ja ohnehin schon lebenslang lernen. Was im Bildungsweg auf der Strecke bleibt, ist die Notwendigkeit, sich selbst als menschliches Wesen zu verstehen und mit sich selbst umgehen zu können. Das müsste als schulische Grundausbildung viel stärker vermittelt werden. Der Lebenslauf der meisten Menschen ist heute nicht mehr durch Traditionen geschient, und genau das ist die neue Herausforderung für die Jugend: Prioritäten zu setzen und selbst zu werten, was einem wichtig ist. Es geht also viel mehr um Persönlichkeitsentwicklung.

DIE FURCHE: Früher haben die „großen Erzählungen“ den Sinn des Lebens vorgegeben, vor allem die Religion. Doch in der modernen Welt wurde auch die Sinnfindung zunehmend individualisiert. Viele Menschen kämpfen nun mit einer metaphysischen Obdachlosigkeit.
A. Längle: Der Mensch kann ohne Glauben nicht leben, weil wir die letzten Zusammenhänge nicht wissen können. Da glaubt jeder Mensch, auch Atheismus ist ein Glaube. Denn den Sinn des Lebens – woher wir kommen, wohin wir gehen, warum wir da sind – können wir mit Wissen nicht finden. Hier gibt es eben nur Ahnung, Spekulation, Philosophie und Glaube. Religion vermittelt u.a. die Form, den Glauben gemeinschaftlich zu leben. Die Religion ist aber heute großen Veränderungen unterworfen, zumindest was das Christentum betrifft. Im Rahmen der größeren Freiheit entsteht die Tendenz, sich nichts mehr vorschreiben zu lassen. Man löst sich aus den institutionellen Vorgaben. Das ist ein Erneuerungsprozess des christlichen Abendlandes, eine gesellschaftlich hochinteressante Entwicklung, die natürlich mit Verlust und mancher Verzweiflung verbunden ist, aber auch mit Befreiung.

Alfried Längle - © Foto: privat

Alfried Längle

Alfried Längle war ein Schüler von Viktor Frankl (1905–1997), dem Begründer der Logotherapie, und hat darauf aufbauend maßgeblich die heutige Existenzanalyse als Psychotherapie entwickelt. Längle ist Psychotherapeut, klinischer Psychologe, Arzt für Allgemeinmedizin und psychotherapeutische Medizin in Wien sowie Professor an der HSE-Universität Moskau und SFU Wien, Dozent am Institut für Psychologie der Uni Klagenfurt und Leiter der „Existential Training & Leadership Academy“.

Alfried Längle war ein Schüler von Viktor Frankl (1905–1997), dem Begründer der Logotherapie, und hat darauf aufbauend maßgeblich die heutige Existenzanalyse als Psychotherapie entwickelt. Längle ist Psychotherapeut, klinischer Psychologe, Arzt für Allgemeinmedizin und psychotherapeutische Medizin in Wien sowie Professor an der HSE-Universität Moskau und SFU Wien, Dozent am Institut für Psychologie der Uni Klagenfurt und Leiter der „Existential Training & Leadership Academy“.

DIE FURCHE: Aber führt diese Loslösung von traditionellen Vorgaben nicht genau in das „existenzielle Vakuum“, das bereits Viktor Frankl beschrieben hat?
A. Längle: Nur wenn man traditionell lebt und davon ausgeht, dass kategoriale Werte zu befolgen seien. Geht man hingegen von jenem Wertebegriff aus, den die Existenzanalyse propagiert, also einem persönlichen Wertebegriff, der auf dem Erleben des Wertvollen beruht, dann führt das zu einer authentischeren Lebenshaltung. Und die führt eben nicht ins Vakuum, sondern zur persönlichen Erfüllung. Wenn ich erlebe, dass mich etwas emotional berührt oder gar ergreift, wird es wie von selbst wertvoll – zum Beispiel eine berufliche Tätigkeit, Konflikte gemeinsam mit dem Partner zu lösen, etc. Mit einer solchen personal begründeten Lebensweise kann man dem existenziellen Vakuum vorbeugen.

DIE FURCHE: Rund um den Weltfrauentag wollte ich Sie, Frau Längle, auch nach dem weiblichen Blick auf die Existenz fragen: Wie steht es heute um die Selbstverwirklichung der Frauen?
S. Längle: Ich bin froh, dass sich in den letzten Jahrzehnten auf breiter Ebene ein neues weibliches Selbstbewusstsein entwickelt hat. Für mich persönlich war das selbstverständlich: Beim Studium der Physik in den 1970er-Jahren war ich zwar oft die einzige Frau in einer Gruppe; der Anteil der Studentinnen in diesem Fach lag damals bei weniger als zehn Prozent. Doch ich habe mich als Frau immer frei und autonom gefühlt. Das war schon bei meiner Mutter so: Sie war als Zahnärztin, die in den 1930er-Jahren studiert hat, eine starke, unabhängige Frau. In der Geschichte gab es immer schon Frauen, die diese Freiheit für sich nie in Zweifel gezogen haben.

Mit der neuen Freiheit gut zu leben, ist die große kulturelle Aufgabe unserer Zeit.

Silvia Längle

DIE FURCHE: Ist das neue Geschlechterverhältnis eine Quelle für psychische Probleme, wie manchmal behauptet wird?
A. Längle: Nur für die Männer (lacht).
S. Längle: Es braucht Männer, die sich in diese Ebenbürtigkeit einfügen: eine Partnerschaft auf Augenhöhe, das müssen beide bewerkstelligen. Die ganze Gesellschaft ist derzeit in einem Suchprozess. Das „Gendern“ der Sprache soll ebenso dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein zu verändern. Vielleicht wird es noch weitere Stufen geben müssen, bis man auch in der Sprache eine neue Form findet, um diese Ebenbürtigkeit auszudrücken. Widerstand gehört in diesem Prozess dazu – er ist der Sand im Getriebe, damit man wach bleibt und nicht zu schnell mit halben Sachen zufrieden ist.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie eigentlich das ideale Geschlechterverhältnis?
A. Längle: Der Mensch ist Person mit Körper und psychischen Bedürfnissen. Das Person-Sein ist geistig und im Gegensatz zu den körperlichen und psychischen Prozessen ungeschlechtlich; das heißt „ich ganz persönlich“ bin weder männlich noch weiblich. Auf dieser geistigen Ebene sind wir nicht triebhaft, oder auch nicht neurotisch; da sind wir in unserem Wesen zutiefst wir selbst. Männlich oder weiblich sind nur Einkleidungen dieses Wesenskerns. Silvia hat einen ausgezeichneten Blick für diese personale Ebene; das hat uns von Anfang an verbunden. So haben wir uns gefunden. Wir hatten daher nie ein Thema mit geschlechtsbezogenen Überhöhungen oder Zurückstellungen – auch nicht in der Hausarbeit (lacht).
S. Längle: Ja, zum Glück sind wir nie in solche Irritationen hineingeraten!

DIE FURCHE: Die Rede vom menschlichen Wesenskern ist naturwissenschaftlich aber nicht haltbar. In der Gehirnforschung wird in letzter Zeit oft darauf hingewiesen, dass es einen solchen Kern gar nicht gibt...
A. Längle: Die Gehirnprozesse bilden die Grundlage, aus der das Geistige hervorgeht. Es „emergiert“, aber es lässt sich dort nicht direkt nachweisen. Juri Gagarin hat den lieben Gott auch nicht im Weltall angetroffen. Die Naturwissenschaften können das nicht feststellen, weil sie sich nur mit den materiellen Voraussetzungen beschäftigen. Wer ich eigentlich bin, ist sogar für mich selbst nicht verfügbar. Ich kann mir nicht vorgeben, was mein Gewissen als richtig oder falsch ansieht, was ich als schön oder hässlich empfinde etc. Das sind personale Ereignisse, die mir aus einer Unbewusstheit zukommen. Insofern bin ich mir ständig selbst Geschenk.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

FURCHE-Navigator Vorschau