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Feuilleton

Buchenwald auf der Bühne

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Viktor Frankls einziges Bühnenstück in einer Bearbeitung von Jürg Amman im Wiener Odeon-Theater.

Ein Engel nimmt die Gestalt eines SS-Mannes an und foltert einen KZ-Häftling zu Tode. Die ungeheuerliche Deutung des Leids und der Qualen all jener, die in Konzentrationslagern vergast, erschossen, erschlagen oder sonstwie ermordet wurden, als göttliche Prüfung, das ist die zentrale These des einzigen Theaterstücks aus der Feder des nicht unumstrittenen Neurologen und Psychiaters Viktor E. Frankl: "Synchronisation in Birkenwald", 1946 in einer Art Rausch niedergeschrieben, nun zu sehen in einer anspruchsvollen Produktion von Art Phalanx im Wiener Odeon. Die Aufführung will, so Regisseur Stefan Weber, Frankls auf die Spitze getriebenen Willen zum Sinn "zur Diskussion stellen" und "hinterfragen".

Es ist ein Lehrstück im Brechtschen Sinn, das hier in einem KZ-Modell in Szene gesetzt wurde. Der Schweizer Schriftsteller Jürg Amann hat zwar in seiner Bearbeitung die philosophische Überlast in Gestalt der das Geschehen kommentierenden Philosophentrias Sokrates, Kant und Spinoza etwas gemindert, die von Frankl eröffneten Metaebenen - das Bühnengeschehen wird als Spiel angesprochen und das Publikum auf den großen, göttlichen Zuschauer hingewiesen - hat er hingegen belassen. Zwei bekannte Anliegen Frankls nehmen leider weniger Platz ein: die Verneinung der Kollektivschuld und das Gebot des Verzeihens. Dabei wären gerade diese zwei Punkte eine Diskussion wert.

Am stärksten ist "Synchronisation in Birkenwald", wenn das Buchenwald-Lied gesungen wird oder wenn die Häftlinge (unter anderen Helmut Gebeshuber und Helmut Bohatsch) beziehungsweise der SS-Scherge (Katrin Thurm) beklemmende Episoden aus dem Lageralltag erzählen - da freilich hat Amann Zitate aus anderen Werken Frankls eingearbeitet, um das Stück noch mehr zu einem Stück über Frankl zu machen. Denn Frankl, der ja selbst drei Jahre im Konzentrationslager verbrachte, hat sich als Franzl (Stephan Wolf-Schönburg) im Stück verewigt. Besonders eindringlich kommt dessen Schuldgefühl des Überlebenden zum Ausdruck - ein Gefühl, das Frankl gegenüber seinem in Theresienstadt verhungerten Vater empfand.