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75 Jahre DIE FURCHE

Bibliothek Stuttgart - © Foto: iStock / Zhang Shu
Wissen

Geisteswissenschaft: Die letzte Bastion

1945 1960 1980 2000 2020

250 Jahre nach Hegels Geburt sind die Geisteswissenschaften in Bedrängnis geraten. Doch gerade heute sind ihre Leistungen neu zu würdigen. Das zeigt sich sogar in Medizin und Psychotherapie.

1945 1960 1980 2000 2020

250 Jahre nach Hegels Geburt sind die Geisteswissenschaften in Bedrängnis geraten. Doch gerade heute sind ihre Leistungen neu zu würdigen. Das zeigt sich sogar in Medizin und Psychotherapie.

Dampfmaschine, Röntgenstrahlen, Penicillin, unzählige Erfindungen, großartige Entdeckungen und hoffentlich auch bald ein Impfstoff gegen Corona lassen sich am Konto naturwissenschaftlicher Forschung verbuchen. Es ist einleuchtend, dass der empirische und analytische Geist der Naturwissenschaften für viele Sternstunden der Menschheit verantwortlich ist. Und dabei auch viel Leid und Übel verhindert hat, indem Infektionskrankheiten und andere Plagen ausge­rottet wurden. Was die Geisteswissenschaften im Vergleich dazu leisten beziehungsweise was der Nutzen und Wert von Philosophie, Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft & Co. genau ist, das wird vielen Zeitgenossen immer unklarer. Speziell jenen, die herablassend von „Orchideenwissenschaften“ sprechen.

Wer den Begriff der Geisteswissenschaft geprägt hat, ist unklar. Ein erster Beleg des Wortes findet sich 1787 in der Schrift „Wer sind die Aufklärer?“ eines Anonymus. Ausgebreitet und langsam etabliert hat sich der Terminus dann ab 1883 durch die Schrift „Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und ihrer Geschichte“ aus der Feder des deutschen Lebensphilosophen Wilhelm Dilthey. Von ihm stammt auch die berühmte Formel: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“, mit der er die Psychologie, die er den Geisteswissenschaften zurechnet, von den Naturwissenschaften abgrenzt.

Der Gegenstand, mit dem sich die letzteren beschäftigen, ist die Natur im weitesten Sinne: Sie kann untersucht, beobachtet und vermessen werden. Manche Vorgänge können kausal abgeleitet und als Spezialfall einer generell gültigen Gesetzmäßigkeit aufgefasst werden. Das naturwissenschaftliche Begreifen ist seinem Objekt gegenüber neutral eingestellt und für die Persönlichkeitsentwicklung des jeweiligen Forschers, Schülers oder Studenten von geringer Bedeutung.

Gefahren der Bilderflut

Bei den Geisteswissenschaften ist genau das Gegenteil der Fall. Da sie sich mit den Erzeugnissen des menschlichen Geistes beschäftigen, verfahren sie nicht nur anders, sondern haben sie auch einen anders gearteten Sinn. Was der Mensch hervorbringt – Bauten, Kunstwerke, literarische Zeugnisse, philosophische und religiöse Texte – kurz, die Kultur und Geschichte, in der Menschen leben und sterben, kann, soll und muss durch verstehendes Einfühlen erschlossen werden – also indem man sich nachvollziehend in den jeweiligen Entstehungszusammenhang der Bauten, Kunstwerke, Texte etc. hineinversetzt.

Wer das 21. Jahrhundert verstehen möchte, muss in die Geschichte blicken; wer die eigene Kultur begreifen will, tut gut daran, sich mit fremden Ethnien und deren Lebenspraxis zu beschäftigen; und wer sich wünscht, der metaphysischen Obdachlosigkeit unserer Zeit etwas entgegenzuhalten, wird vielleicht bei den religiösen Virtuosen, in den Traktaten der Mystiker fündig. Diese Art der Forschung und Wissensvermittlung ist alles andere als neutral. Vorausgesetzt, es wird dabei nicht die Asche der Tradition angebetet, sondern das lebendige Feuer der Kultur weitergegeben.