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Die Kälte der Technopolitik

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Der politische Macher glaubt, er müsse sich aus den Sinnfragen der Menschen heraushalten. Das ist sein folgenschwerster Irrtum.

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Der politische Macher glaubt, er müsse sich aus den Sinnfragen der Menschen heraushalten. Das ist sein folgenschwerster Irrtum.

Fortsetzung von Seite 14

Die Effizienzreligion der Macher weist aber eine noch viel tiefere Problematik auf: Die eigentliche Tragödie ist ihr verkürzter Umgang mit der Realität. Diese Diagnose mag befremden, gelten doch die Macher als ausgeprägte „Realos”. Aber ihr Umgang mit Informationen, Wissenschaft und Kultur, mit der ganzen Wirklichkeit im Sinne der Fülle des Lebens, mit Denkweisen und Weltinterpretationen, die mit Re flexion und Sensibilität, Offenheit und Breite zu tun haben, mit den kulturellen und lebensweltlichen Produkten, Erfahrungen und Denkweisen, mit den Botschaften der Kunst und der Religionen ist von Ausblendung und Abwehr, Verdrängung und Instrumentalisierung gezeichnet.

Damit fehlt es der Macherpolitik, von den „Inputs” her betrachtet, an allen Voraussetzungen, aus denen sich eine neue Politik konstituieren könnte: es fehlt an einer politischen und ökonomischen Theorie der Gegenwart, einer Philosophie der Politik, einem ethischen Grundkonzept, einem Verfahren der Erfassung und Verarbeitung jener Grundwahrheiten, um die es auch in der Politik letztlich geht, einer offene Methode der Erfassung der Lebenswirklichkeiten. Dieses Manko unterstützt den ohnehin übermächtigen Unwillen der Macher zur Veränderung und führt zu einer einseitigen und salopp-selbstverständlichen Parteiergreifung für die Herrschaft der Märkte, des Geldes, der Technik und der Systemrationalisierung. Aber wen kann das erstaunen? Technopolitik will ja gar keine grundlegende Wende in Politik und Gesellschaft. Sie folgt der Prämisse, es gäbe einen für die Menschen akzeptablen linearen Entwicklungspfad, eine mit hoher Wahrscheinlichkeit unzutreffende Annahme. Was dann? Wie verantwortet sie sich, wenn die große Mehrheit der intellektuellen, kulturellen, religiösen, künstlerischen und wissenschaftlichen Eliten recht hat, die eine radikale Wende verlangen, die bestehende Trends einer fundamentalen Kritik unterziehen und davon ausgehen, daß die erforderliche Wende ohne weitreichende Bewußtseinsänderungen nicht verwirklichbar ist?

Das Machertum hält es nicht für nötig, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Darin kommt zum Ausdruck, daß ihm der gebotene Respekt vor der Eigenständigkeit und den Autonomieansprüchen der Wissenschaften, der Religionen, der Philosophie und der Kunst abhanden gekommen ist. Anstatt sich mit diesen Teilen der Gesellschaft und deren besonderen Denk- und Interpretationsverfahren auf gleicher Ebene, geduldig und mit einer gewissen Bescheidenheit zu vernetzen, steht die Technopolitik für ein imperiales Verhältnis zu ihnen. Sie sieht sich dazu legi-timiert, die Karte der Macht auch gegen kognitive, kulturelle und spiritelle Substanzen einzusetzen.

Damit überscheitet sie aber letzte Grenzen. Keine, auch keine demokratisch abgesicherte politische Macht, darf sich anmaßen, auf Wissen mit Macht zu antworten, die Würde des Menschen oder die spirituellen Dimensionen seiner Existenz unter Hinweis auf einen politischen Auftrag zu verletzen.

Technopolitik glaubt, auf die Wahrheiten der Kultur als einer Erfassung der zentralen Dimensionen des Seins, auf das offene Hinhören auf die Kunst, als dem empfindlichsten und überlebenswichtigen Sensorium für die eigentlichen Qualitäten des Humanums und des Kosmos verzichten zu können. Von dort würde sie andere Signale vernehmen als das Gemurmel der Stammtische und die Spiegelungen der bizarren spätkapitalistischen Warenzivilisation in den Meinungsumfragen.

Andre Heller hat vor wenigen Tagen in einem vielbeachteten Interview Viktor Klima darauf hingewiesen, „daß man sich auch fortwährend mit ziemlich extremen Erfahrungen und avantgardistischen Positionen vernetzen muß, um zu verstehen, was die Welt tatsächlich bedeutet, in der man lebt”. Ein Ausländer ist ein Ausländer. Ist er das? Oder liefern nicht die beklemmenden Darstellungen eines T. C. Boyle in seinem Buch „America”, in dem er die Konfrontation eines liberalen Humanisten mit der konkreten Wirklichkeit des Fremden in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit beschreibt, Stoff genug, um Möglichkeiten zu erschließen und Wirklichkeitsdeutungen herbeizuführen, die aus dem Gefängnissen der Medienmaschinen und der abstrakten Agres-sivität der Massen herausführen?

Die Technopolitik weigert sich, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Erkenntnisverfahren der Kunst, der in-terpretativen Soziologie, der „Seelsorge”, einen ganz anderen Zugang zur politisch relevanten Welt und zu den Möglichkeitsdimensionen des Menschen liefern als die abstrakte Entscheidungslogik, die zwischen den Pfeilern der Finanzmärkte, der volkswirtschaftlichen Kennziffern, der Indikatoren der Sozialstaatskrise, der Verteilungsziffern navigiert.

Technopolitik interessiert auch nicht, was die Meisterdenker der Zeit aus der Realität und den unermessli-chen Schätzen der Denk-, Schrift- und Kulturgeschichte in Konfrontation mit der verwirrenden Realität des Heute synthetisieren. Sie bleiben ohne Resonanz. Ein Beispiel aus diesem unerschöpflichen Fundus:

Der Schriftsteller Peter Sloterdijk meint, für die geschichtlich hochmo-biliserte Menschheit stehe eine längerfristige Zukunft nur dann noch offen, wenn sie ihr bisher gültiges historisches Drehbuch revidiert und posthistorisch aus der Rolle fällt. Er stellt die Frage, ob die alteuropäische heils-, Vernunft-, integrations- und entlastungsgeschichtliche Weltkon -zeption tatsächlich außer Kraft gesetzt und durch ein neues, ausdrücklich nicht-geschichtemachendes Welt-zeitschmema neutralisiert werden kann. Was halten die Macher davon? Was von den Überlegungen eines Vi-rilio, Baudrillard, Illich, Marcuse, Ca-pra, Gehmacher, Beck, Willke, Rif-kin, Gorz, Sana, Giddens, Küng und unzähligen anderen?

Die These der Macher, Politik kön ne (ja solle) sich aus den Grund- und Sinnfragen heraushalten, kann für die heutige Zeit nicht mehr gelten. Mit dieser Prämisse irren sie am folgenschwersten. Die Macher selbst sind es, die im Bündnis mit den Märkten und der technologischen Entwicklung ständig Entscheidungen über existen -tielle und grundlegende Fragen der menschlichen Zivilisation, der Kultur und der Lebensweisen treffen - oder unterlassen.

Politik hat sich heute in die Grundfragen der menschlichen Existenz unentrinnbar verstrickt. Diese lauern hinter jeder noch so banalen Facette der Tagespolitik. Die Kräfte, als deren großer Protektor und Beschleuniger der Staat heute auftritt, kolonialisie-ren erstmals in totaler Weise das Private. Mit einem neuen virtuellen, dro-genhaften Glückskonzept will der außer Kontrolle geratene Cyberkapitalismus die Zustimmung der Menschen zu einem entfremdeten, passi-vistischen Lebensmodell erwirken -und zerstört, quasi als externer Eff-fekt, das Soziale, die Natur und die autonomen Lebenswelten und sogar die „Wirklichkeit”.

Das Dreieck aus Technopolitik, Technologie und globalisiertem Kapital kann nicht mehr so tun, als sei es glucks- und lebensneutral. Die von Staat und Wirtschaft zu verantwortenden Produkte sitzen mit uns allen in den Wohnzimmern, in den Gehirnen, in den intimsten Details des täglichen Lebens, sie fressen sich in der Seele fest. Politik hätte die Aufgabe, Markt und Technik in die Schranken zu weisen und wieder für ein dem Menschen erträgliches Gleichgewicht zu sorgen.

Wie soll sie das aber bewerkstelligen, wenn sie zu allen wesentlichen Themen schweigt und die Hilfen von Kultur und Wissenschaft ausschlägt?

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