Totalitätsansprüche - © Collage: Rainer Messerklinger (mit baranozdemir, PeopleImagesr &narvikk, alle iStock)
Religion

Totalitätsansprüche durchkreuzen

1945 1960 1980 2000 2020

Erinnerung an Papst Pauls VI. hellsichtige Worte aus 1971: „Büro­kratischer Sozialismus, technokratischer Kapitalismus und autoritäre Demokratie zeigen, wie schwierig es ist, das Menschheitsproblem zu lösen, in Gerechtigkeit und Gleichheit zusammenzuleben.“

1945 1960 1980 2000 2020

Erinnerung an Papst Pauls VI. hellsichtige Worte aus 1971: „Büro­kratischer Sozialismus, technokratischer Kapitalismus und autoritäre Demokratie zeigen, wie schwierig es ist, das Menschheitsproblem zu lösen, in Gerechtigkeit und Gleichheit zusammenzuleben.“

Die multiplen gesellschaftlichen Krisen der Ökologie und der Ökonomie, von Politik und sozialem Zusammenhalt verlangen nach tiefreichenden Lösungsansätzen. Die katholische Soziallehre betont, dass dafür eine Gesinnungsreform mit einer Zuständereform verbunden werden muss. Es geht darum, uns mit Liebe auf die Welt zu beziehen und soziale Gerechtigkeit strukturell in der Gesellschaft zu verankern. Davon sind wir in Öster­reich, Europa und andernorts heute weiter entfernt als noch in den 1970er-Jahren, zu einer Zeit, als Paul VI. den Aufbruch von 1968 begrüßte, als Zeichen des Protests gegen eine „tiefverwurzelte Krankheit“, wie er schrieb. Die soziale Ungleichheit hat seit den 1980er-Jahren deutlich zugenommen, der Konsumismus ist zum globalen Leitbild geworden. Die repressive Tendenz des Neoliberalismus ist in vielen Ländern, so auch in Europa, in einer autoritären und egoistischen Politik zu sich gekommen. Dieser Trend ist Ausdruck einer fortdauernden gesellschaftlichen „Krankheit“ des Konformismus und der Spaltung. Genau deshalb sind die Worte von Paul VI. aus dem Jahr 1971 im digitalisierten Autoritarismus des angebrochenen 21. Jahrhunderts so aktuell wie damals, allerdings mit noch drängenderem Ton: „Bürokratischer Sozialismus, technokratischer Kapitalismus und autoritäre Demokratie zeigen“, so fasst Paul VI. zusammen, „wie schwierig es ist, das Menschheitsproblem zu lösen, in Gerechtigkeit und Gleichheit zusammenzuleben.“

Drei Totalitätsansprüche

Der digitalisierte Autoritarismus entwickelt sich auf der Grundlage dreier Totalitätsansprüche. Sie hemmen die Entfaltung des ganzen Menschen. Erstens ist die dominante Form der Ökonomie von allseitiger Konkurrenz geprägt und orientiert sich vorrangig am Wachstum der Profite und der Warenproduktion anstatt am guten Leben aller. Sie droht den ganzen Menschen in Beschlag zu nehmen ‒ von der Kindheit bis ins hohe Alter, von der Arbeit bis zur Freizeit, vom öffentlichen Leben bis in die verborgenen Winkel der Privatheit. Schon das Schulsystem wird an der Ökonomie der Konkurrenz, einer einseitig gefassten Effizienz und am quantitativen Wachstum ausgerichtet. Dieser Druck intensiviert sich im Erwachsenenleben noch und entlässt den Menschen danach oft nicht in den Ruhestand, sondern auf ein soziales Abstellgleis.
Damit verbunden ist, zweitens, der Totalitätsanspruch der Technologie. Vom Menschen zwar geschaffen, erscheint sie doch immer mehr als eigengesetzliches System und wird so vom Werkzeug zum Lebensmedium oder von einer Partnerin zu einer Herrin. Das Leben in den Industriestaaten des Nordens, mehr noch aber in der Weltmacht China, ist einer umfassenden Überwachung vielfach erschreckend nahe.

Dies wird wesentlich dadurch möglich, dass technologische Systeme die gesellschaftliche Kommunikation und wirtschaftlichen Austauschprozesse bestimmen. Das Panoptikum des Marktes und seines Konkurrenzdrucks wird so durch technologische Kontrolle ergänzt. Soziale Kontakte werden über Facebook und andere Netzwerke erfasst, für kommerzielle Zwecke weiterverarbeitet und von Geheimdiensten in unkontrollierter Weise genutzt. Der chinesische Staat sammelt Daten zu sozialem Wohlverhalten, um die Kreditwürdigkeit zu prüfen und Mobilität zu gewähren oder einzuschränken.

Schließlich tritt drittens zu den ökonomischen und technologischen Totalitätsansprüchen, die einander bestärken, noch ein umfassender Herrschaftsanspruch der Kultur hinzu, der die Entfaltung des ganzen Menschen einengt. Die Kultur gewinnt einen herrschaftlichen Charakter, wo sie als ein einheitliches, geschlossenes System von Bedeutungen, Gewohnheiten, Normen und Wünschen erscheint oder vorgestellt wird, das die Einzelnen bestimmt oder bestimmen soll. So erschafft die Imagination „echte Österreicher“ oder „richtige Europäerinnen“, die es in der Realität nicht gibt. Menschen, die in Österreich oder Europa leben, unterscheiden sich ganz erheblich voneinander. Ein Anspruch auf Echtheit oder die richtige Identität bleibt willkürlich. Dennoch wird aus solchen Imaginationen häufig eine soziale Norm abgeleitet, auf die sich die reale Vielfalt und Veränderlichkeit der Lebensweisen und Identitäten reduzieren soll.

Es geht darum, uns mit Liebe auf die Welt zu beziehen und soziale Gerechtigkeit strukturell in der Gesellschaft zu verankern.

Auch die individuelle Autonomie bleibt unter der Prämisse einer Kultur, die einen totalisierenden Anspruch auf den ganzen Menschen stellt, meist nur Schein. Immer mehr agieren nämlich die Einzelnen wie auf einer sozialen Bühne, müssen sie Kreativität und Authentizität vor möglichst vielen anderen darstellen, das Selbst für andere sichtbar entwickeln ‒ und das in möglichst gutem, wenn nicht perfektem Licht. Dabei zeigt sich: Die vermeintlichen Singularitäten im Lebensstil, der Kunst und der Persönlichkeit regiert die immer gleiche Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Das Abweichende gilt zwar oft als „authentisch“, als Ausweis von „Kreativität“. Dies aber in der Regel nur insoweit, als es auch von anderen, die über einen hohen sozialen Status verfügen, oder aber von einem breiten Publikum gebührlich anerkannt wird. Behauptete Einzigartigkeit oder „Selbstverwirklichung“ sind deshalb oft Ausdruck des Konformismus.

Die drei Totalitätsansprüche der Gegenwart entsprechen nicht einer totalen Herrschaft, wie sie Hannah Arendt analysierte. Eher schon fasst sie der Begriff des technokratischen Paradigmas, den Papst Franziskus vorschlägt. Anstelle einer vielseitigen Verbundenheit zwischen den Menschen, Tieren und Pflanzen tritt in diesem Paradigma eine Welt der Spaltungen, schreibt Franziskus. Darin sollen sich die Subjekte des Lebens in Räume und Zeiten der Homogenität einpressen und entlang einer Dimension der Kontrolle und der Steigerung ausrichten.

Durchkreuzen und neu verbinden

Die vielfachen Krisen der heutigen Welt wurzeln in den drei Totalitätsansprüchen einseitiger Effizienz, intensivierter Kontrolle und imaginierter Gemeinschaft. Wir müssen deshalb die falschen Einheiten der Ökonomie, der Technologie und der Kultur, so meine ich, durchkreuzen. Wo umfassende ökonomische Effizienzkriterien in Anschlag gebracht werden, sollten Art und Weise der Produktion und Verteilung demokratisch ausgehandelt werden ‒ eine Grundforderung der katholischen Soziallehre. Das geschieht in demokratischen Genossenschaften und anderen Formen einer Solidarischen Ökonomie. Anstatt fast alle Kommunikations- und Informationsflüsse hochgradig zentralisierten Netzen zu überlassen und technologische Apparaturen als gesellschaftlichen Standard durchzusetzen, sollten diejenigen Orte und Zeiten erweitert werden, wo Menschen sich solchen Normen entziehen können und automatisierte Routinen unterbrochen werden dürfen. Das kann nur in sozialen Welten gelingen, die zugleich die einheitlichen Effizienzkriterien einer Ökonomie verabschieden, die auf den Markt hin verkürzt und durch die Konkurrenz reguliert wird. Dann auch würde der doppelte Totalitätsanspruch von Kultur seinen sozialen Rückhalt verlieren, nämlich in den komplementären Formen der normierten Differenz vermeintlicher Singularitäten, wie für die Postmoderne charakteristisch, und der imaginierten Einheit der Tradition, wie von retromodernen Strömungen beschworen.

Es wäre gefährlich, schreibt Paul VI. 1971, den Versuch einer Lösung des politischen Problems der modernen Gesellschaft mit den Mitteln der Utopie zu missachten. Denn die Utopie ist die mögliche Wirklichkeit jenseits von totalisierenden Systemen. Die Bewegungen für eine Solidarische Ökonomie und für Gemeingüter, die Kämpfe für eine klimagerechte Welt, eine Gesellschaft ohne patriarchale Unterdrückung und ohne Rassismus, die Bewegungen für ein Zusammenleben ohne tödliche nationale Grenzen, die sich dafür einsetzen, dass der globale Norden seine historische Schuld am Süden wiedergutmacht ‒ das sind die Utopien von heute, die das technokratische Paradigma und seinen Autoritarismus überwinden könnten.

Der Autor ist Schasching-Fellow an der Katholischen Sozialakademie Österreichs (KSÖ); arbeitet dort zu sozial-ökologischer Transformation und Solidarischer Ökonomie im Lichte von „Laudato si“

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