6992497-1986_49_10.jpg
Digital In Arbeit

Die Armen sind das Maß der Wirtschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Hirtenbrief zum Thema Wirtschaft: „Ja, dürfen's denn des?“, könnte man als gelernter Österreicher fragen. Oder mischen sich die US-Bischöfe in etwas, was sie nichts angeht?

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Hirtenbrief zum Thema Wirtschaft: „Ja, dürfen's denn des?“, könnte man als gelernter Österreicher fragen. Oder mischen sich die US-Bischöfe in etwas, was sie nichts angeht?

Wir erwarten und begrüßen eine Debatte über unsere wirtschaftlichen Empfehlungen“, liest man im Hirtenbrief der US-Bischöfe. Nun, diese Debatte gibt es und es wurde nicht an Kritik gespart (Seite 8 und 9). Soll man diese Auseinandersetzung als inneramerikanisches Gerangel betrachten und daher das Dokument ad acta legen? Durchaus nicht. Es enthält Aussagen zu Grundsatzfragen, die wert sind, auch in Westeuropa bedacht zu werden.'

Da ist zunächst die Frage: Wie autonom ist überhaupt die Wirtschaft? Nur in sehr beschränktem Maße, ist die Antwort der Bischöfe. Das wirtschaftliche Geschehen sei einfach viel zu eng mit unser aller Leben verflochten, als daß man es davon losgelöst betrachten könnte.

„Es beeinflußt, was Menschen für sich und ihre Lieben erhoffen. Es betrifft die Art, wie sie in der Gesellschaft zusammenarbeiten und miteinander umgehen. Es hat Einfluß auf ihren Glauben an Gott.“

Wer kann das in Abrede stellen in einer Zeit, die vom Slogan „Shopping macht happy“ (für ein Einkaufszentrum im Süden von Wien) geprägt ist? Oder in der eine Wiener Tageszeitung folgenden Text unter ein Büd vom Maiaufmarsch in Wien setzte: „Am Rathausplatz verkündete der Bundeskanzler die Frohbotschaft vom Aufschwung“ — die Frohbotschaft!

Wurde die Wirtschaft nicht zunehmend in die Rolle des Heüs-bringers gedrängt? Aber nicht nur das: Hat sie nicht auch die Rolle des Wertesetzers übernommen? Die Untersuchung „Ethos und Religion bei Führungskräften“ belegt dies auch mit Zahlen. Paul Zulehner und Franz Xaver Kaufmann fassen die Ergebnisse ihrer Befragung folgendermaßen zusammen:

„Was im Kommen ist, ist stärkere Ich-Zentrierung und innerhalb dieser... noch einmal eine eingeengte Aufmerksamkeit auf Erfolg, Güter und Genuß. Zumindest bei der gesellschaftlichen Elite entpuppt sich somit der vielgepriesene Wertewandel eher als ein geschickt verschleierter Ego-Trip.“

Man kann eine solche Entwicklung bedauern und sie als unabänderlich zur Kenntnis nehmen. Man kann sie kritisieren und moralische Appelle vom Stapel lassen. Oder man kann — wie es die US-Bischöfe tun - grundsätzliche Fragen an eine Wirtschaft richten, die ja nicht nur diese Unzukömmlichkeiten erzeugt.

Denn die Liste der mit der Wirtschaft verbundenen Probleme ist ja nicht gerade kurz: Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Auflösung der Familie, Massenarmut (vor allem in der Dritten Welt)...

„Die Christen sind — so wie alle Menschen — dazu aufgerufen, klarzustellen, in welchem Maß sowohl die wirtschaftliche Praxis als auch die wirtschaftlichen Strukturen ihre moralischen Leitvorstellungen fördern oder untergraben.“

Die Bischöfe erklären sich somit nicht, nur für den einzelnen, sondern auch für die Strukturen zuständig. Das Dokument hält somit ausdrücklich die Priorität der Botschaft Christi vor der abweichenden Realität fest. Christen dürfen sich nun einmal nicht damit zufrieden geben, daß in der Wirtschaft derzeit der Zwang der harten Fakten herrsche. Auch die Wirtschaft und ihre Spielregeln müssen sich die Frage gefallen lassen, wie sehr sie zum umfassenden Heil des Menschen beitragen.

„Das fundamentale moralische Kriterium für alle wirtschaftlichen Entscheidungen, politischen Maßnahmen und Institutionen ist: Sie müssen im Dienste aller, besonders der Armen stehen.“

Und damit sind wir bei jenem Maß, das die US-Bischöfe mit einer Konsequenz an unsere Wirtschaft anlegen, die betroffen macht: der Dienst an den Armen.

Und zwar nicht nur an den Armen im eigenen Land. In einer Zeit der intensiven weltwirtschaftlichen Verflechtung tragen wir auch Verantwortung für das Elend in der Dritten Welt. Wir dürfen nicht zufrieden sein mit unserem Wohlstand, wenn hunderte Millionen im Elend leben!

Die Herstellung gerechter Zustände, das ist der Maßstab, der an unser Wirtschaften anzulegen sei. Und wie gerecht ein Zustand ist, entscheide sich daran, wie mit den Armen, mit allen Armen, denen, die sich nicht selbst helfen können, umgegangen wird.

Diese Gerechtigkeit mahnt die Würde jedes Menschen ein, der am wirtschaftlichen Geschehen beteiligt ist, sie äußert sich in angemessenen Arbeitsbedingungen, einem angemessenen Entgelt, in der Möglichkeit, die Grundbedürfnisse befriedigen zu können.

Das ist nicht Einkommensnivel-lierung um jeden Preis, wohl aber die Aufforderung, sich nicht neben der blanken Armut häuslich im Wohlstand einzurichten. Und tun wir das nicht mehr oder weniger alle?

Milde Gaben allein sind keine Lösungen, stellen die US-Bischöfe fest. Es geht um grundsätzliche Veränderungen. „Die Zusammenballung der Privilegien, die heute existiert, wurzelt viel eher in institutionellen Gegebenheiten, die Macht und Wohlstand weitaus weniger gleich verteilen, als sich dies durch unterschiedliches Talent oder verschiedenartigen Arbeitseifer ergeben würde.“

Woraus sich die Schlußfolgerung ableitet: „Als einzelne und als Nation sind wir daher aufgerufen, eine fundamentale Option für die Armen zu machen. Die Verpflichtung, die soziale und wirtschaftliche Tätigkeit von der Warte der Armen und Ohnmächtigen aus zu bewerten, ist Ausfluß des unbedingten Gebots der Nächstenliebe.“

Klingt utopisch, nicht wahr? Und ist, sobald es sich in konkreten Forderungen niederschlägt, auch kritisierbar (Seiten 8 und 9). Wie viele praktische Probleme lassen sich da nicht ins Treffen führen? Keine Frage.

Und dennoch: Eine Wirtschaft, die derart leistungsfähig geworden ist wie die unsere, die so viel Reichtum und Macht entstehen ließ, die aber auch eine zunehmende Ungleichverteilung ihrer Segnungen bei gleichzeitigem Aufbrauch der Lebensgrundlagen verursacht, muß wieder grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Sie muß sich legitimieren, ob sie ihrem eigentlichen Auftrag, dem Wohl jedes Menschen zu dienen, gerecht wird. Und da hilft keine Argumentation mit Wachstumsraten und Durchschnittseinkommen, vor allem dann, wenn der Abgrund zwischen den Extremwerten wächst.

Besonders angesprochen sind die Entscheidungsträger. Sie können sich nicht auf das Wirken eherner Gesetze berufen: „Die Wirtschaft ist keine Maschine, die nach unabänderlichen Gesetzen funktioniert. Und die in ihr tätigen Menschen sind nicht Objekte, die von ökonomischen Kräften hin- und herbewegt werden.“

Eigentümern und Managern wird ihre Verantwortung — nicht nur im eigenen Unternehmen — in Erinnerung gerufen. Sie „haben nicht selbst das Kapital geschaffen, über das sie verfügen, vielmehr von der Arbeit vieler anderer profitiert.“ Wirtschaftliche Spielregeln und Gesetze sollten diese Verantwortlichkeit fördern und nicht behindern.

Dennoch sei es nicht Aufgabe der Kirche, ein bestimmtes Wirtschaftskonzept zu entwerfen und zu fördern, stellt das Papier fest. Wohl aber gelte es, eine Vision zu vertreten: Gott hat die Menschen zu einem „Reich der Wahrheit und des Lebens, der Gnade und der Heiligkeit, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“ berufen.

„Diese Hoffnung ist nicht naiver Optimismus, der meint, es gebe einfache Formeln für eine gerechte Gesellschaft... Sie basiert auf dem Wissen, daß Gott in der Welt wirkt...“

Für die säkularisierte Welt der Wirtschaft müssen solche Sätze zunächst wie fromme Träumereien klingen. Sie könnten aber jene nachdenklich stimmen, die spüren, daß die auch hierzulande propagierte Wende („Mehr Leistung“ und „weniger Staat“) die überhandnehmenden wirtschaftlichen Probleme nicht lösen wird.

Die Zitate stammen aus dem dritten und letzten Entwurf des Hirtenbriefes.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau