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DIE HILFE FuR DIE SCHWACHEN

„Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleidung besitzt oder der täglichen Nahrung entbehrt, es sagt aber einer von euch zu ihnen: Geht hin in Frieden, erwärmt und sättigt euch, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie für ihren Körper brauchen, was nützt das?''' Heute gibt es — da ist niemand, der es nicht wüßte — auf ganzen Kontinenten unzählige Männer und Frauen, die vom Hunger gequält werden; unzählige Kinder, die unterernährt sind, so daß viele noch im zarten Alter sterben; daß die körperliche und geistige Entwicklung der übrigen in Gefahr ist; daß ganze Landstriche zu düsterster Hoffnungslosigkeit verurteilt sind.

Aufrufe von tiefster Sorge sind schon ergangen. Der Appell von Johannes XXIII. wurde herzlich aufgenommen41'. Wir selbst haben ihn in Unserer Weihnachtsbotschaft von 196 3 50 wiederholt und von neuem zugunsten Indiens im Jahre 1966“. Der Kampf gegen den Hunger, den die Internationale Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) führt und worin sie vom Heiligen Stuhl ermutigt wird, wird hochherzig unterstützt. Unsere Caritas Internationalis ist überall am Werk, und viele Katholiken steuern unter Führung Unserer Brüder aus dem Episkopat bei und setzen sich voll und ganz ein, um den Notleidenden zu helfen, und weiten so mehr und mehr den Kreis ihrer Nächsten.

Aber das kann, ebensowenig wie die privaten und öffentlichen Investitionen, die Geschenke und Leihgaben, nicht reichen. Denn es handelt sich nicht nur darum, den Hunger zu besiegen, die Armut einzudämmen. Der Kampf gegen das Elend, so dringend und notwendig er ist, ist zu wenig. Es geht darum, eine Welt zu bauen, wo jeder Mensch, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Abstammung, ein volles menschliches Leben führen kann, frei von Versklavung von seiten der Menschen oder einer Natur, die noch nicht recht gemeistert ist; eine Welt, wo die Freiheit nicht ein leeres Wort ist, wo der arme Lazarus an derselben Tafel mit dem Reichen sitzen kann52. Das fordert von diesem ein hohes Maß an Hochherzigkeit, große Opfer und unermüdliche Anstrengungen. Jeder muß auf sein Gewissen hören, das eine neue Forderung für unsere Zeit erhebt. Ist er bereit, mit seinem Geld die Werke und Aufgaben zugunsten der Ärmsten zu unterstützen? Mehr Steuern zu zahlen, damit die öffentlichen Stellen ihre Entwicklungshilfe intensivieren können? Höhere Preise für die Importe auszurichten, damit die Erzeuger gerechter verdienen? Notfalls seine Heimat zu verlassen, wenn er jung ist, um den jungen Nationen in der Entwicklung zu helfen?

Pflicht zur Solidarität Die Pflicht zur Solidarität der einzelnen besteht auch für die Völker. „Es ist eine schwere Verpflichtung der hochentwickelten Länder, den aufstrebenden Völkern zu helfen53.“ Diese Lehre des Konzils muß verwirklicht werden. Wenn es auch richtig ist, daß jedes Volk die Gaben, die ihm die Vorsehung als Frucht seiner Arbeit geschenkt hat, an erster Stelle genießen darf, so kann trotzdem kein Volk seinen Reichtum für sich allein beanspruchen. Jedes Volk muß mehr und besser produzieren, einmal, um seinen eigenen Angehörigen ein menschliches Leben zu gewährleisten, dann aber auch, um an der solidarischen Entwicklung der Menschheit mitzuarbeiten. Bei der wachsenden Not der unterentwickelten Länder ist es also durchaus als normal anzusehen, wenn die reichen Länder einen Teil ihrer Produktion zur Befriedigung der Bedürfnisse der anderen abzweigen, und es ist auch normal, daß sie Lehrer, Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler ausbilden, die ihr Wissen und Können in den Dienst der Armen stellen.

Es sei noch einmal wiederholt: Der Uberfluß der reichen Länder muß für die armen sein. Die Regel, die einmal zugunsten der nächsten Angehörigen galt, muß heute auf die Gesamtheit der Weltnöte angewandt werden. Die Reichen haben davon den ersten Vorteil. Tun sie es nicht, so wird ihr hartnäckiger Geiz das Gericht Gottes und den Zorn der Armen erregen, und unabsehbar werden die Folgen sein. Würden sich die heute blühenden Kulturen in ihrem Egoismus verschanzen, so verübten sie einen Anschlag auf ihre höchsten Werte; sie opferten den Willen, mehr zu sein, der Gier, mehr zu haben. Und es gälte von ihnen das Wort vom Reichen, dessen Ländereien so guten Ertrag gaben, daß er hierfür keine Verwendung wußte. „Gott aber sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern5.“

Damit diese Anstrengungen einen vollen Erfolg zeitigen, dürfen sie nicht verstreut und aus GeltungS'7ucht und Machtstreben einander entgegengesetzt sein. Die Situation verlangt Programme, die aufeinander abgestimmt sind. Ein Programm ist mehr und besser als eine Hilfe, die zufällig zustandekommt, die dem guten Willen der einzelnen überlassen ist. Das setzt, Wir haben bereits darauf hingewiesen, vertiefte Studien voraus, Festlegung der Ziele, Bestimmung der Mittel, Zusammenfassung der Kräfte, um den augenblicklichen Nöten und den voraussehbaren Erfordernissen zu begegnen. Mehr noch: ein Programm übersteigt die Gesichtspunkte des rein wirtschaftlichen Wachstums und des sozialen Fortschritts: es gibt dem Werk, das getan werden soll, Sinn und Wert. Indem es sich um die Strukturen der Welt kümmert, bringt es den Menschen erst recht zur Geltung.

Man muß aber noch weiter gehen. Wir verlangten in Bombay die Errichtung eines großen Weltfonds, der durch einen Teil der für militärische Zwecke ausgegebenen Gelder aufgebracht werden sollte, um den Allerärmsten zu helfen85. Was für den unmittelbaren Kampf gegen das Elend gilt, hat seine Bedeutung auch für die Entwicklungshilfe. Nur eine weltweite Zusammenarbeit, deren gemeinsamer Fonds ihr Symbol und ihr Mittel wäre, würde es erlauben, unfruchtbare Rivalitäten zu überwinden und ein fruchtbares und friedliches Gespräch unter den Völkern in Gang zu bringen.

Ohne Zweifel können daneben auch bilaterale und multilaterale Verträge bestehen: sie geben die Möglichkeit, die Abhängigkeitsverhältnisse und Bitterkeiten, die noch als Folgen der Kolonialzeit geblieben sind, durch Freundschaftsbeziehungen auf dem Boden juridischer und politischer Gleichheit zu ersetzen. Eingebettet in Programme weltweiter Zusammenarbeit wäre sie über jeden Verdacht erhaben. Da Mißtrauen der Empfänger würde abgebaut. Sie brauchten sich weniger vor manchen Äußerungen eines sogenannten Neokolonialismus fürchten, der unter dem Schein finanzieller und technischer Hilfe politischen Druck und wirtschaftliches Übergewicht ausübt, um eine Vormachtstellung zu verteidigen oder zu erobern.

Wer sähe nicht, daß ein solcher Fonds manche Vergeudung, die aus Furcht oder Stolz geschieht, verhindern würde? Wenn so viele Völker Hunger leiden, wenn so viele Familien in Elend sind, wenn so viele Menschen in Unwissenheit dahinleben, wenn so viele Schulen, Krankenhäuser, richtige Wohnungen zu bauen sind, dann ist jede öffentliche und private Vergeudung, jede aus nationalem oder persönlichem Ehrgeiz gemachte Ausgabe, jedes die Kräfte erschöpfende Rüstungsrennen ein unerträgliches Ärgernis. Wir müssen das anprangern! Mögen Uns doch die Verantwortlichen hören, bevor es zu spät ist!

Es ist daher unbedingt notwendig, daß zwischen allen ein Gespräch beginnt, zu dem Wir in Unserer ersten Enzyklika „Ecolesiam Suam“M aufgerufen haben. Ein solches Gespräch zwischen den Geldgebern und den Empfängern ermöglichte es, die Größe der Beiträge festzusetzen, nicht nur nach Hochherzigkeit und Bereitschaft der einen, sondern auch nach den wirklichen Bedürfnissen und Verwendungsmöglichkeiten der anderen. Die Entwicklungsländer liefen nicht mehr die Gefahr, von Schulden erdrückt zu werden, deren Abzahlung ihren ganzen Gewinn verschlingt. Zinsen und Laufzeit der Anleihen könnten so geregelt werden, daß es für die einen wie die anderen erträglich ist: man könnte einen Ausgleich schaffen zwischen den umsonst gegebenen Geschenken, den niedrig verzinsbaren Anleihen und der Laufzeit der Amortisation. Garantien für eine geplante und wirksame Verwendung könnten den Geldgebern gegenüber übernommen werden. Denn es kann sich nicht darum handeln, Bequemlichkeit und Ausbeutung zu unterstützen. Die Empfänger könnten verlangen, daß man sich nicht in ihre Politik einmische, daß man ihre soziale Ordnung nicht in Unordnung bringe. Sie sind souverän, und es ist ihre Sache, die eigenen Angelegenheiten selbst zu führen, ihre Politik selbst zu bestimmen, sich frei einer Gemeinschaft ihrer Wahl zuzuwenden. Es geht also darum, eine freie Zusammenarbeit zustande zu bringen, eine wirksame Partnerschaft der einen mit den anderen, in gleicher Würde, um eine menschliche Welt zu bauen.

Eine solche Aufgabe scheint unmöglich zu sein in Ländern, wo die tägliche Existenzsorge das gesamte Dasein der Familie in Beschlag nimmt, so daß man gar nicht auf den Gedanken kommen kann, Vorbereitungen für ein weniger elendes Leben in der Zukunft zu treffen. Aber gerade diesen Männern und Frauen muß man helfen; sie muß man überzeugen, daß sie selbst ihr Vorankommen in die Hand nehmen und schrittweise die Mittel dazu erwerben müssen. Dieses gemeinsame Werk kann nicht ohne gemeinsame zähe und mutige Anstrengung geschehen. Aber jeder sei davon überzeugt: es geht um das Leben der armen Völker, es geht um den inneren Frieden in den Entwicklungsländern, es geht um den Frieden der Welt.

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