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Es gibt keine Gelehrten mehr

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„Geisteswissenschaft“ wird durch „Kulturwissenschaft“ ersetzt. Die Geisteswissenschaftler haben die Neubestimmung ihrer Funktion versäumt.

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„Geisteswissenschaft“ wird durch „Kulturwissenschaft“ ersetzt. Die Geisteswissenschaftler haben die Neubestimmung ihrer Funktion versäumt.

Max Weber ließ im Jahre 1919 seine berühmten Reden über Wissenschaft und über Politik als Beruf in einer Reihe erscheinen, welche den Titel „Geistige Arbeit als Beruf“ trägt. „Geistesarbeiter“ war damals eine gängige Berufsbezeichnung. Laut Meyers Lexikon aus dem Jahre 1927 verstand man darunter „Personen, die in ihrem Beruf geistige Arbeit leisteten, geistig schöpferisch oder geistig vermittelnd tätig sind“. In vielen Ländern Europas gab es Vereine der „freien geistigen Berufe“, und in Paris war der Sitz ihres internationalen Verbandes. Man muß hervorheben, daß damals auch Ingenieure, Journalisten, höhere Beamte und Offiziere diesem Verband angehörten.

Im Laufe des Jahrhunderts sind die „Geistesarbeiter“ verschwunden, und mit ihnen die „Gelehrten“, jene besondere Spezies, die sich öffentlich, das heißt im Auftrag des Gemeinwesens und mit öffentlichen Mitteln, oder privat aus eigenem Interesse und mit eigenen Mitteln an einer Universität - und auch außerhalb - der Pflege des Geistes durch Forschung, Lehre, Vorträge und Veröffentlichungen widmete. Nun ist auch das Ende der „Geisteswissenschaften“ angesagt. In Bälde werden die „Geisteswissenschaften“ durch „Kulturwissenschaften“ ersetzt werden, so steht es im Entwurf des neuen Studiengesetzes. Es greift einen Begriff auf, der im Dritten Reich bereits jene Disziplinen der Philosophischen Fakultät bündelte, die sich von den Naturwissenschaften unterscheiden. Was bedeutet dieser, heute vom Bundesministerium für Wissenschaft, Verkehr und Kunst dekretierte Wandel der Terminologie?

Es fällt auf, daß die Namensänderung bisher kommentarlos zur Kenntnis genommen worden ist. Den „Geisteswissenschaften“ weint offenbar niemand eine Träne nach. Namen sind ohnedies Schall und Rauch, meinen die einen. Die anderen reden von einer schweren Krise, in der sich die Geisteswissenschaften nun schon seit geraumer Zeit befänden. Ist aber die Umbenennung schon der Ausweg? Die dritten hingegen schreiben ihnen im Haus der Wissenschaften besondere Aufgaben zu und nennen diese „kompensatorisch“: der Mensch lebt eben nicht von Brot allein; Reservoir kollektiver Erinnerungen; und waren nicht vor langer., langer Zeit gerade diese AVissenschaften mit den schönen Künsten gepaart? Wer erinnert sich noch daran?

Kommen wir zur Gegenwart. Die willkürliche Namensänderung und der internationale Diskurs über die Geisteswissenschaften sind in der Tat Symptome einer Krise. Wie tief sie reicht, sollen fürs erste einige Beobachtungen aus dem Alltag der Geisteswissenschaftlichen Fakultäten illustrieren (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Krise ist dramatischer, als man gemeinhin annimmt, wie ein vergleichender Blick in den EU-Verbund zeigen kann. Man setze die Zahl der Inskribierten in jeder Studienrichtung in Relation zu jener der Absolventen, und die Zahl der Absolventen in Relation zur Zahl der Lehrenden, der Habilitierten und der Nichthabilitierten. Oder man nehme die Anzahl der Prüfungen in einer Lehrveranstaltung, in einer Studienrichtung. Man hat erst jüngsthin hierzulande begonnen, solche Rechenmanöver anzustellen. In den USA, in England, in den Niederlanden und anderwärts werden solche Kalkulationen ständig durchgeführt und dienen allen,Betroffenen - Studenten, Lehrkörper, Administratoren und Bildungspolitikern - zur Bichtschnur ihres Verhaltens und Handelns. Ein wesentlicher Teil der Bewertung und Einstufung der Gesamtleistung von Instituten und Einzelpersonen, Evaluation genannt, beruhen auf solchen Berechnungen. Wie weit sie hierzulande gediehen sind und gedeihen, ob und welche Schlußfolgerungen daraus gezogen werden, läßt sich jetzt noch nicht abschätzen.

In einer solchen Hinsicht erscheint die Situation der Geisteswissenschaften tatsächlich bedenklich zu sein. Das kann man an meiner Wirkungsstätte in Graz sehen. Die Studienrichtung Geschichte ist eine der größten im Hause. Im Jahre 1995/96 waren 427 Personen in der Sparte „Lehramt“ und 688 in der Sparte „Diplom“, also insgesamt 1.115 Studenten inskribiert. Zusätzlich wurden 230 Studenten ausgewiesen, die an ihrer Dissertation arbeiteten. Im gleichen Jahr schlössen zehn Studenten das Lehramtsstudium als erste, 14 als zweite Studienrichtung ab. Das Diplomstudium als erste Studienrichtung beendeten 24 Studenten, als zweite Studienrichtung drei, und 13 schlössen ab mit Geschichte als Teil eines Kombinationsfaches. Also beendeten insgesamt 34 Personen ihr Studium mit Geschichte als erster Studienrichtung. Den Grad eines Doktors erhielten neun Studenten. Es mag noch interessieren, daß die Zahl der Studienanfänger jährlich zwischen 120 und 160 liegt, und daß der gesamte ständige und nichtständige Lehrkörper zirka 70 Personen, davon zirka 35 Habilitierte, umfaßt - wahrscheinlich eine besonders günstige Personalkonstellation. Für andere Studienrichtungen sind die Produktionszahlen, wenn man so sagen darf, ebenso wenig erbaulich: zwei, drei, sechs, elf und 23 Lehramtsabschlüsse, und in ähnlicher Größenordnung die Zahl der Diplomabschlüsse. Mit dem Doktorat steht es noch schlechter: vier Doktoratsabschlüsse in der einen, ein oder zwei in anderen Studienrichtungen, manche weisen gar keinen aus. Soweit ein kleiner Ausschnitt aus dem Rechnungsbuch der Geisteswissenschaften.

Den einen mag dieses Ergebnis als eine höchst notwendige Anpassung an den Stellenmarkt erscheinen. Es ist aber nicht nur ein Thema der Ril-dungsökonomie. Niemand käme auf den Gedanken, Soziologie und Volkswirtschaftslehre als „Orchideenfächer“ zu bezeichnen, weil sie im erwähnten Stichjahr nicht einmal zehn Diplomabschlüsse und keinen Doktoratsabschluß aufweisen. Daraus kann man schließen, daß der Stellenwert einer Studienrichtung nicht ausschließlich ökonomisch bestimmt ist. Nur den Geisteswissenschaften werden „Orchideenfächer“ zugeschrieben, den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften hingegen nicht. Gar nicht zu reden von Medizin und Technik.

Diese Gegenüberstellung zeigt, wie gering der Stellenwert ist, den die Öffentlichkeit heute den Geisteswissenschaften insgesamt zubilligt. Von 1849 (in Österreich) bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts leiteten sie Sinn, Zweck und Sozialprestige von ihren Aufgaben im Rildungswe-sen, insbesondere im Ausbildungsgang der Gym - nasiallehrer, her. Nur wenige Fächer waren davon ausgenommen, nur wenige Studenten beschritten abseits davon andere Pfade. Andererseits brachten viele Dozenten und Professoren direkt „aus der Schule“ mit dem dort notwendigen Konzept des ganzen Faches auch pädagogische Erfahrung und pädagogisches Engagement mit auf die Universität. Man muß heute zur Kenntnis nehmen, daß der sekundäre Bildungssektor als Berufsziel für Studenten wie auch als Bekrutierungsboden für akademische Lehre und Forschung weithin abhanden gekommen ist. Längst schon sind Stufen aus der Leiter, die die mittlere mit der höheren Institution verbindet, herausgebrochen.

Was sich hier auftut, ist der Funktionsschwund der Geisteswissenschaften als Folge des Bückzugs all dessen, was man als allgemeine Bildung beschreiben, aber nicht genau definieren kann: Weitergabe kultureller Überlieferung, Orientierung in Zeit und Raum, daraus abgeleitet Menschenkenntnis und Verhaltensweisen, Flucht aus Enge und Routine der Erwerbswelt in die Sphären des Geistigen, und vor allem Verständigung über soziale und nationale Grenzen hinweg mithilfe eines Schatzhauses an Bildern, Erzählungen und Melodien; ein gemeinsames Bezugssystem, ein gemein-sames Wertsystem. In diesem Zusammenhang sieht der Kunsthistoriker Ernst Gombrich die Aufgabe der Geisteswissenschaften haltung und Schaffung, ErRevision kultureller Überlieferung“; Reichtum und Identität einer Kultur beruhten darauf, in welchem Maße sie sich ihrer Voraussetzungen und Vorstufen bewußt bleibe und den Willen und auch die Fähigkeiten besitze, sich mit diesen auseinanderzusetzen.

Sind aber die Geisteswissenschaftlichen Fakultäten heute noch solche Institutionen zur Weitergabe von kulturellen Traditionen? Wohl kaum. Was wird die Umbenennung bringen?

Allerorten findet man eine größtmögliche Aufsplitterung der Lehre, fast spiegelbildlich der Forschung; in-folge'dessen ein zwar vielfältiges, aber weithin unübersichtliches Studienangebot, dessen Abstufungen mehr auf dem Papier der Studienordnungen als in der Wirklichkeit der Lehre anzutreffen sind; eine weitgehende Absage an die Vermittlung und die damit einhergehende Überprüfung verbindlicher Restände an Fertigkeiten, Kenntnissen und Einsichten; geringer Praxisbezug und größtenteils passives, skriptenorientiertes Lernen und Wiedergeben von Gelerntem ohne Herausforderung durch eine eigenständige, verbindliche Lektüre; weitgehendes Fehlen von Anforderungsprofilen, von allgemeinen Leistungsanreizen und von objektiven Instrumentarien der Selektion, wobei die Absenz von eigenen Studienprogrammen für Diplomanden und Disser-tanten gravierend ist; die hoch individualisierte Retreuung verhindert nicht, daß zuhauf Diplomarbeiten, Dissertationen und auch Habilitationen unvollendet bleiben.

Den einen sind die geraden Wege des geringsten Widerstandes genauso geebnet wie den anderen die -verschlungenen Pfade einer viel zu langen Studiendauer. Die Begleiterscheinungen sind Flucht in den Relativismus des Studienangebots, weit verbreitete Orientierungs- und Ziellosigkeit unter dem Mantel individueller Selbstverwirklichung, Studienabbruch und schließlich Minderung der Qualifikation. Es gäbe Forschungsprojekte, die im internationalen Feld höchste Aktualität besäßen, jedoch mangels geeigneter Mitarbeiter nicht durchgeführt werden können.

Was ist zu tun? Patentrezepte gibt es nicht mehr, auch keinen Leo von Thun-Hohenstein, der wie anno 1849 mit kühner Entschlossenheit und großartigem Entwurf aus dem Ausland übernimmt und adaptiert, was sich dort bereits bewährt. Wir können nur hoffen, daß die Fakultäten den ihnen durch das neue Studiengesetz überantworteten Handlungsspielraum nützen: für eine Neubestimmung ihrer Funktion in einer sich rasant wandelnden Welt. Werden sie sich der Herausforderung stellen, neben dem Lehramt vermehrt anwen-dungsorientiertes Wissen zu vermitteln für all jene, die notwendigerweise mehr nach Erwerbswissen als nach dem Erwerb von Wissen streben? Das ,kann doch nicht verwerflich sein.

Aber ist es das, was die „Geistes-“ in „Kulturwissenschaften“ verwandeln soll? Wie werden sie dennoch an der Überzeugung Giambattista Vicos, eines ihrer Begründer an der Schwelle zur Moderne vor zirka 250 Jahren, festhalten, daß es ein göttliches Vergnügen sei, in all unserer Vergänglichkeit und Beschränktheit die Welt der Völker und Menschen in all ihrer weiten Ausdehnung und großartigen Vielfalt über die Räume und Zeiten hindurch in Ideen zu betrachten? In göttlichen Ideen, wie der Neapolitaner sie nannte.

Die Autorin, wirkliches Mitglied der Osterreichischen Akademie der Wissenschaften, ist seit 1976 Professorin für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Graz.

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