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Arbeitsmarkt prägt die Forschungsziele

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Die Universitäten befriedigen die Wünsche von Gesellschaft und Wirtschaft nicht. Fachhochschulen könnten eine belebende Konkurrenz sein.

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Die Universitäten befriedigen die Wünsche von Gesellschaft und Wirtschaft nicht. Fachhochschulen könnten eine belebende Konkurrenz sein.

Der Begriff „Bildung” ist wie kaum ein anderer von einer Vielfalt unterschiedlicher Erwartungshaltungen geprägt: Praktisch jede gesellschaftspolitisch relevante Gruppe verfügt über ein eigenes Bildungsprogramm und setzt damit mehr oder weniger deutliche Akzente für ihre bildungspolitischen Ambitionen. Schnell sind die jeweiligen Schlagworte bei der Hand: „Bildungspolitik ist Gesellschaftspolitik” oder „Bildungspolitik ist Wirtschaftsförderung” und immer wieder findet man auch ein Bildungsverständnis, daß sich der traditionsreichen Unterscheidung zwischen „freyen und unfreyen Künsten” verpflichtet fühlt.

Sprachlich haben wir uns von diesen Begriffen wohl verabschiedet und neigen heute eher zur Trennung zwischen „akademischer und beruflicher Bildung”. Der Gegensatz ist jedoch auch heute noch deutlich spürbar und vernachlässigt, daß sich im Ijaufe der letzten 150 Jahre eine ganze Reihe berufsorientierter Disziplinen zu anerkannten Studienrichtungen „gemausert” haben. Dabei ist die Vorstellung, daß wahre Wissenschaft frei von Zwecken und Verwertungsinteressen sein muß (und darf), da ihr ausschließliches Ziel die reine Erkenntnis ist, für immer weniger Studienrichtungen gültig. Dem entsprechend droht auch der Auftrag der Universität, „Bildung durch Wissenschaft” zu vermitteln, zur blanken Worthülse zu verarmen.

Das klassische Selbstverständnis der Hochschulen und Universitäten als Hort der reinen Wissenschaft bedarf also einer Neubestimmung.

Das derzeit noch gültige Allgemeine Hochschul-Studiengesetz (AHStG) definiert bereits den Bildungsauftrag der Hochschulen als „wissenschaftliche Berufsvorbildung”. Einige Studienrichtungen haben dies ernst genommen, viele jedoch aus Unvermögen unbeachtet gelassen. Egal ob man sich nun darüber freut oder nicht, muß man doch zur Kenntnis nehmen, daß dem Bildungswesen in den letzten Jahren in Bewußtsein der Öffentlichkeit und Politik ein größerer instrumenteller Wert zugewiesen wurde: Bildung dient der Sicherung und Weiterentwicklung der - I Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, sie schafft die Voraussetzungen für eine hohe Erwerbsquote in der Bevölkerung, sie vermag das Risiko von Arbeitslosigkeit zur verringern, leistet eine Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Integration der Jugend und dient nicht zuletzt der Sicherung des sozialen Friedens.

Angesichts dieser lediglich illustrativen Vielfalt von Erwartungen an Bildung und universitäre Bildung im besonderen, liegt auf der Hand daß nicht jede Studienrichtung im gleichen Maße zur Bealisierung aller Wünsche aus Wirtschaft und Gesellschaft beitragen (können). Wenn man jedoch wissenschaftsexterne Erwartungshaltungen an die universitäre lehre als berechtigt anerkennt, so sind gewisse Schwerpunktsetzungen erforderlich. Dabei kann es nicht um eine zentralistische Angebotsplanung gehen, sondern um ein intensiveres Bemühen der Universitäten, die Vor- und Nachteile ihrer Bildungsangebote gegenüber den Konsumenten (also in erster Linie Studierwilligen und dem Arbeitsmarkt) transparenter zu machen.

Da der Zugang zu österreichischen Universitäten für inländische Studienberechtigte praktisch unbeschränkt möglich ist, eröffnet sich den Maturanten ein „Schlaraffenland” mit mehr als 300 Ausbildungsmöglichkeiten. Die Abstimmung dieses Angebots mit den Wünschen der Studienbewerber ist dabei keineswegs einfach. Wenn es ein legitimes Anliegen der Studienbewerber sein darf, einen adäquaten Bildungsgang auszuwählen, so müssen Informationen über die Arbeitsmarktlage der Absolventen für die Angebotsplanung auf Hochschulebene eine wichtige Bolle spielen.

Dies gilt nicht nur bei der Entscheidung über Einführung oder Auflassung einzelner Studienrichtungen, sondern auch für die Ressourcenzuteilung. Hier ist es erforderlich, jene Akzente zu setzen, die den' Anliegen der Studienbewerber vor dem Hintergrund der beruflichen Möglichkeiten für Absolventen entsprechen. Schon ein erster Blick auf die bestehenden Studienangebote legt den Verdacht nahe, daß hier manches nicht stimmen kann: So ist die Berufsstätigkeit von Historikern im täglichen Leben auf Geschichtslehrer beschränkt und dennoch findet man eine nicht alltägliche Vielfalt historischer Studienrichtungen, die von der Alten Geschichte und Altertumskunde über die Ur- und Frühgeschichte bis hin zur Orientalischen Archäologie reichen. Demgegenüber kreieren Betriebswirtschafter ihre Berufe offensichtlich in „Eigenregie” denn hier findet man mit einer einzigen Studienrichtung das Auslangen.

Weitere wertvolle Hinweise erhält man durch eine studienrichtungsspezifische Gegenüberstellung der jährlichen Zahlen von Studienanfängern, Studierenden und Absolventen mit der Anzahl der erwerbstätigen Absolventen, die auch für den Laien beträchtliche Unausgewogenheiten erkennen läßt: Sollten sämtliche Studierende der Theaterwissenschaften, Publizistik, Pädagogik oder Psychologie ihr Studium tatsächlich abschließen und eine einschlägige Beschäftigung finden, so müßte sich die wirtschaftliche Infrastruktur unseres Landes grundlegend ändern. Dies ist erstens nicht wahrscheinlich und zweitens wohl auch nicht von der Mehrheit der Bevölkerung gewollt.

Öffnung der Universitäten

Überlegungen dieser Art haben im Hochschulbereich nicht zuletzt durch den vom Wissenschaftsministerium im Vorjahr ausgesendeten Entwurf des neuen Universitäts-Studien-Gesetzes an Bedeutung gewonnen. Dieser Entwurf sieht unter anderem eine Öffnung der Universitäten gegenüber den Anliegen der außer-universitären Welt vor. Als Grundlage der Studienplanerstel-lung soll von „Verwendungsprofilen” ausgegangen werden, damit die berufliche Verwertbarkeit der im jeweiligen Studium zu erwerbenden Kenntnisse und Fertigkeiten besser vorbereitet werden kann.

Daß eine derartige Orientierung an den Gegebenheiten des Arbeitsmarktes auf wissenschaftlichem Niveau möglich ist, wird zur Zeit durch den Fachhochschulsektor demonstriert. Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Studienplans sind dort die beruflichen Aufgabenstellungen, mit denen sich die späteren Absolventen auseinanderzusetzen haben. Ferner bildet der Nachweis sowohl einer hinreichenden Zahl an Studieninteressenten als auch einer gesicherten Arbeitsmarktlage für Absolventen eine notwendige Voraussetzung für die Genehmigung des Studiengangs. Trotz dieser harten Auflagen wachsen die ursprünglich zarten FH-Studiengänge mittlerweile zu ansehnlicher Größe heran und werden bald den Universitäten Konkurrenz machen. Manche universitäre Studienrichtungen werden davon aber nichts spüren, denn eine FH-Konkurrenz in ihrer Disziplin wäre nicht einmal in der Lage, die Auflagen für das Genehmigungverfahren zu erbringen. Diese geschützten Disziplinen bleiben das, was sie immer waren, nämlich „akademisch”.

Der Autor ist stellvertretender Geschäftsführer und Fachbereichsleiter für Bildungsplanung im Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft.

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