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Dr. med., EU-Praxis, englisch, chinesisch

Was tun mit Jus?

Florian Keschmann, Vorsitzender der Fakultätsvertretung Jus, sitzt etwas ratlos hinter seinem Stand bei der Juristenmesse „Success 1997". Im Wiener Juridicum herrscht schon seit geraumer Zeit gedämpfte Stimmung. Anwaltspräsident Klaus Hoffmann skizziert die Situation: „Seit dem Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst ist der Arbeitsmarkt sehr angespannt. Der Spruch ,Als Jurist, findet man immer was' gilt heute nicht mehr."

Florian würde gerne nach dem Studium als Konzipient in eine Anwaltskanzlei gehen, doch er weiß, „diese Stellen sind knapp". Anwälte können heute aus bis zu 80 Bewerbern auswählen. Die Studenten, die jetzt vor ihrem Abschluß stehen, trifft es besonders hart, wurde ihnen doch vor dem Beginn ihres Studiums noch eine sichere Karriere in Aussicht gestellt.

Doch die Lage ist nicht hoffnungslos, wenn man einmal begriffen hat, „daß das Jus-Studium alleine zuwenig ist", ermuntert die Leiterin des Akademiker-Arbeitsmarktservices, Gertrude Aumüllner. „Zusatzqualifikation" heißt das Zauberwort. Für entsprechend gerüstete Juristen gibt es einen Hoffnungsmarkt, etwa im Immobilienbereich oder bei Hausverwaltungen. Gefragt sind auch jene, die betriebswirtschaftliche Kenntnisse in den Beruf einbringen können. Ebenso empfehlenswert sind Zusatzkenntnisse in Arbeits- und Sozialrecht (Personalberater!), im Steuer-, Umwelt-, Medien- und EU-Recht.

Gerade der EU-Bereich mit seinem komplizierten Förderungssystem bringt den Studenten von heute einen entscheidenden Vorteil gegenüber den bereits berufstätigen Juristen, die sich diese Zusatzkenntnisse meist mühsam erst nebenher aneignen müssen, meint Thomas Barmüller, Jurist und Abgeordneter des Liberalen Forums. Ein Jahr beziehungsweise eine Ferialpraxis im Ausland, vorzugsweise in Brüssel, erhöhen die Chancen weiter (siehe dazu Teil 7 der Serie). Wer es ganz genau wissen will, kann nach dem Studium auch noch einen post-graduate Lehrgang für Euro-Jus an der Donauuniversität in Krems (N.Ö.) absolvieren.

„Sehr gute Aussichten" haben Juristen auch bei der Bewerbung für den höheren diplomatischen Dienst, meint eine Sprecherin des Außenministeriums. 1996 hat man 35 Kandidaten aufgenommen, darunter elf Juristen. Voraussetzungen: Sprachen, historische und völkerrechtliche Kenntnisse.

Lehramtsstudium

Die Lehramtsstudenten treffen die jahrelangen Wartezeiten auf einen Job an einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) bei weitem nicht so überraschend wie ihre Kollegen von den juridischen Fakultäten. Im Gegenteil: „Gerade diese Leute sind sehr flexibel", meint Gertrude Aumüllner.

Grundsätzlich müsse man aber zwischen den einzelnen Lehramtsstudien unterscheiden. Chemiker, Physiker oder Mathematiker haben nach wie vor keine Probleme unterzukommen. Arbeitslos sind vor allem die Absolventen von Sprachstudien beziehungsweise die angehenden Deutschoder Geschichtelehrer (siehe dazu auch Seite 4).

Wer sich nicht auf eine Karriere in der Wirtschaft umschulen, oder als Taxifahrer die Fahrgäste mit Musil-oder Kafkakenntnissen verblüffen will, dem stehen noch andere Möglichkeiten offen: Norbert Griesmayer, Deutsch-Didaktiker an der Uni Wien, kann Interessierten das Ijehramtsstu-dium in ein bis zwei Jahren sogar empfehlen. Mit dem Jahr 2000 beginnt nämlich ein verstärkter Pensionierungsschub an Österreichs Schulen, 2005 soll gar wieder ein Lehrermangel herrschen!

Wer nicht so lange warten will, hat in Berufsbildendeil fiöheren Schulen (BHS) außerhalb Wiens durchaus noch eine Chance auf eine Anstellung. Absolventen, die unbedingt ans Gymnasium wollen, sollten über Urlaubsund Karenzvertretungen versuchen, sich an einer Schule bekannt zu machen.

Grundsätzlich gilt aber auch hier: jede nützliche Zusatzqualifikation (Jugendbetreuung, Sprachlehrer für Ferienkurse, aber auch Kenntnisse in Buchhaltung etc.) bringt Pluspunkte. In Wien, so heißt es beim Stadtschulrat, wird schon ab nächsten Herbst zusätzlich qualifizierten Bewerbern der Vorzug gegenüber denjenigen auf der Warteliste gegeberl.

Besonders gute Aussichten haben auch jene, die eine sogenannte „Deutsch als Fremdsprache" (DaF)-Ausbildung an der Uni machen, und bereit sind, Österreich für längere Zeit zu verlassen. Heimische Lektoren oder Lehrbuchredakteure sind bei ausländischen Universitäten und Verlagen weltweit gesuchte Leute!

Medizin

Gesucht werden auch Mediziner, die ins Ausland gehen wollen, zum Beispiel als Entwicklungshelfer. Im Inland sollte längst bekannt sein, daß es für Ärzte nicht mehr rosig aussieht. Die Wartezeiten auf einen Turnusplatz - in Wien zwei bis drei Jahre, in den Bundesländern kürzer - überbrücken die Universitätsabgänger noch mit Nebenjobs, wie Labor- oder Ordinationshelfer(innen). Die Situation nach der dreijährigen Turnus-Ausbildung gleicht dann einem Flaschenhals. Die Ärztekammer spricht von 1.500 bis 1.600 fertig ausgebildeten Ärzten pro Jahr, die auf den Arbeitsmarkt drängen - bei 300 frei werdenden Kassenvertragsstellen. Ausbildungsplätze für Fachärzte sind sowieso rar. Im Februar waren folglich immerhin 462 Ärzte österreichweit beim Arbeitsamt vorgemerkt.

Gute Chancen sieht Jobexpertin Aumüllner für Mediziner noch im Kur- oder Pflegebereich. Durch eine Novelle im Arbeitnehmerschutzgesetz werden in den kommenden Jahren außerdem zunehmend Arbeitsmediziner in Österreich gesucht. Ausbildungsinstitute dafür gibt es in Linz und in Klosterneuburg bei Wien.

Grundsätzlich geht der Trend hin zu mehrQualität, ist der-Dekan der Wiener medizinischen Fakultät, Universitätsprofessor Wolfgang-Sctetz, überzeugt. Das Erwerben von Zusatzqualifikationen empfiehlt Schütz in so unterschiedlichen Bereichen wie Psychologie, Management oder Fremdsprachen.

Der Arzt von morgen wird noch härtere Qualitätstests über sich ergehen lassen müssen. Die Dissertation und wissenschaftliches Arbeiten könnten bald die Voraussetzung für einen Spitalsjob werden.

Eine Zusatzausbildung, von der viele Schulmediziner bisher wenig bis gar nichts wissen wollten, ist die Alternativmedizin, etwa Kurse in Akupunktur oder Homöopathie. Auch das praktische Arbeiten in Krankenhäusern, als Krankenpfleger oder als OP-Schwester, bringt nicht nur Geld in die strapazierte Studentenbörse, sondern wichtige Erfahrungen.

Zum Abschluß noch ein Tip von Arbeitsmarktexpertin Aumüllner: „Ich kann nur jedem empfehlen, das zu studieren, was ihn interessiert und ihm Spaß macht. Ein Studium nur wegen angeblich guter Karriereaus-sichten auszuwählen, kann - siehe Jus - ins Auge gehen. Viel wichtiger ist es, bereits während des Studiums die Arbeitsmarktlage zu beobachten und sich mit entsprechenden Zusatzqualifikationen fit zu machen."

Teil 7 vom.24. April 1997: Welche Studienrichtungen bieten Chancen?

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