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Bollwerk Universität

1945 1960 1980 2000 2020

Architektur, Pharmazie, Biologie, Informatik und Wirtschaft: Bewerbern für diese fünf Studienrichtungen könnten bald umfangreiche Aufnahmeverfahren bevorstehen. In Medizin und Psychologie gibt es damit bereits Erfahrungen.

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Architektur, Pharmazie, Biologie, Informatik und Wirtschaft: Bewerbern für diese fünf Studienrichtungen könnten bald umfangreiche Aufnahmeverfahren bevorstehen. In Medizin und Psychologie gibt es damit bereits Erfahrungen.

Der Saal ist zum Bersten voll - und es ist ganz still. Die Mädchen und Burschen sitzen gedrängt in den Bänken. Sie blicken gebannt auf die Zahlen, die der Beamer an die Wand wirft, und machen sich Notizen. Am Sprecherpult steht kein Professor, sondern ein junger Mediziner. Er rührt auf der Bildungsmesse "Best"(Beruf, Studium und Weiterbildung) in der Wiener Stadthalle die Werbetrommel für die Medizin-Vorbereitungskurse des Lerninstituts IFS. Nach langen Ausführungen über die Inhalte des neuen Aufnahmetests kommt er zum Punkt: "Nur 15 Prozent aller Kandidaten erhalten einen Studienplatz in Medizin. Aber 45 Prozent unserer Kursteilnehmer schaffen es", betont der selbstbewusste Nachwuchs-Mediziner. Die Schüler mit den ernsten Gesichtern nicken beeindruckt.

Kampf um Studienplätze artet aus

Ein Blick zurück: Für das Medizinstudium wurden schon im Jahr 2006 Eignungstests an den medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck eingeführt. Der Andrang ist enorm: Im Vorjahr haben sich über 8.000 Bewerber österreichweit um einen der rund 1.500 Medizin-Anfängerplätze bemüht. Wer durchfällt, muss ein Jahr lang auf seine nächste Chance warten.

Nur an einer der drei österreichischen Medizin-Unis dürfen die Bewerber zum Test antreten. Seit 2011 müssen sie sich schon bei der Prüfungsanmeldung für einen Studienort entscheiden. Denn die Möglichkeiten, den Studienplatz zu tauschen, trieb kuriose Blüten: "Tausche meinen Medizinerplatz in Innsbruck gegen einen in Wien. Dafür zahle ich dir 10.000 Euro sowie deine Wohnungsprovision und Kaution. Solche Angebote sind damals kursiert", berichtet die Wiener Medizin-Studentin Hannah Wechsler.

Die Unsicherheit unter den Medizin-Interessenten ist spürbar: Ab heuer gibt es neue, erstmals einheitliche Testverfahren an allen drei Standorten. Die 17-jährige Katarina Nikolic plant bereits jetzt den Besuch eines IFS-Kurses. "Bei so vielen Bewerbern und so wenigen Plätzen möchte ich mich möglichst früh und gut vorbereiten", sagt sie. Die Kurskosten von 600 Euro werden ihre Eltern bezahlen. Sie haben ihr zum Medizinstudium geraten. Zur Absicherung will sich die Gymnasiastin mit serbischen Wurzeln auch an Medizin-Unis in Serbien und Ungarn bewerben: "Falls ich den Test in Österreich nicht schaffe, habe ich dort noch immer Chancen auf einen Platz." Für das deutschsprachige Medizinstudium an der Semmelweis Universität Budapest gibt es keinen Aufnahmetest. "Dort kann ich mit meinen guten Schulnoten in den naturwissenschaftlichen Fächern punkten", sagt Nikolic.

Inzwischen bewirbt der junge Mediziner am Podium lautstark Vorbereitungskurse für den Aufnahmetest in Psychologie. Auch in diesem populären Fach ist der Studienzugang bereits seit 2005 reglementiert. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem: Nur knapp ein Drittel der österreichweiten Bewerber konnte im Vorjahr einen Studienplatz für Psychologie ergattern.

Aufnahmeverfahren noch fraglich

Aufnahmeverfahren soll es nun auch in den fünf neuen Fächergruppen Architektur, Pharmazie, Informatik, Biologie und Wirtschaft geben. Denn allein in den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der Studienanfänger um 15 Prozent erhöht (siehe Kasten unten). Die mehrstufigen Verfahren werden aus Online-Registrierung, Self-Assessment-Test sowie einem Aufnahmetest bestehen.

Für gewisse Fächer sind auch Motivationsschreiben geplant. "Der heurige Maturajahrgang wird mit der Neuregelung komplett überfallen, die Fristen sind zu kurz" kritisiert Janine Wulz vom Vorsitzteam der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Diese befürchtet, dass tausende junge Menschen im Herbst vor verschlossenen Türen stehen könnten. "Dass die Aufnahmeprüfungen nur einmal jährlich stattfinden, verschärft die Situation zusätzlich", meint Wulz.

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) sieht die Lage entspannter: "Wir haben die Obergrenzen für die Studierendenzahlen so hoch angesetzt, dass es in den meisten Fächern zu keinen Aufnahmeverfahren kommen dürfte." Man müsse in den betroffenen Studienrichtungen berücksichtigen, dass die Kapazitäten begrenzt sind: "Es wäre verlogen, jungen Leuten vorzumachen, sie könnten aus der gesamten EU zu uns studieren kommen", so Töchterle gegenüber der FURCHE. Es sei im Interesse aller, Grenzen zu definieren. "Sonst leiden sowohl Lehrende als auch Studierende in Massenfächern."

Der Wissenschaftsminister versteht die neue Regelung als Kompromiss: "Einerseits beklagt die links stehende ÖH sämtliche Zugangsregelungen. Andererseits sind manchen Rektoren die festgelegten Aufnahmezahlen zu hoch. Wir liegen hier in der Mitte und können beiden Seiten nur ein wenig Rechnung tragen. Das ist das Los der Politik." Töchterle betont, dass neue Professuren geplant sind, womit sich das Betreuungsverhältnis an den Instituten verbessern sollte.

Schon seit 2011 gibt es an allen Unis, die keine Zugangsbeschränkungen haben, eine Studieneingangs-und Orientierungsphase (STEOP): Nur wer diese besteht, darf sein Studium im gewählten Fach fortsetzen. Wer jedoch zwei Mal durchfällt, muss das Studium oder die Universität wechseln. "Durch Knockout-Prüfungen sollen hohe Studierendenzahlen reduziert werden. Multiple-Choice-Tests sind nicht geeignet, um die besten Leute herauszufiltern", kritisiert Peter Grabuschnig, Generalsekretär der ÖH.

Der Österreichische Wissenschaftsrat hingegen fordert, dass Universitäten die Option haben sollten, die Aufnahmeverfahren auf alle Disziplinen auszuweiten. In den Fächern Medizin und Psychologie sollte es zusätzlich Aufnahmegespräche geben: "Die Persönlichkeit, auf die es ja auch ankommt, gibt sich in Tests nicht zu erkennen", sagt der Vorsitzende Jürgen Mittelstraß.

Mindeststudiendauer unmöglich schaffbar

Zurück zur "Best"-Messe: Am Pharmazie-Stand der Uni Wien drängen sich viele Interessenten. Der Prüfungstermin im September für angehende Pharmazeuten steht bereits fest. 686 Studienplätze sind zu vergeben. "Angesichts unserer begrenzten Kapazitäten im Labor ist diese Obergrenze immer noch viel zu hoch gegriffen. Es gibt ja nur 176 Laborplätze pro Semester", kritisiert Studienassistentin Cornelia Hengel.

Die Wartezeiten für die umkämpften Laborplätze seien mittlerweile enorm, gerade bei den Anfängern. Zu den vielen Pharmazeuten würden immer mehr Mediziner hinzukommen : "Wenn sie in ihrem Fach warten müssen, belegen sie zur Überbrückung gerne Kurse bei den Pharmazeuten."

Als Hengel vor einigen Jahren zu studieren begann, war die Situation nicht vergleichbar: "Wir waren zwischen 200 und 300 Erstsemestrige." Schon damals gab es versteckte Ausleseverfahren: "Die Prüfungen, die wir als Voraussetzung für Laborplätze benötigten, gestalteten die Lehrenden so schwer, dass viele durchrasselten. Zudem wurden die Bewerber für das Labor nach Noten gereiht. Dank guter Prüfungsergebnisse hatte die Pharmazeutin kaum mit Wartezeiten zu kämpfen.

Ihren jungen Kollegen ergeht es anders : Die Studiendauer in Pharmazie beträgt im Schnitt 16 Semester. "Eine Mindeststudiendauer von neun Semestern ist durch die Wartezeiten längst nicht mehr schaffbar", erzählt Hengel. Doch eine lange Studiendauer bedingt den Verlust von Beihilfen: Studienbeihilfe erhalten junge Menschen aus sozial förderungswürdigen Familien nur, wenn sie die vorgegebene Mindeststudiendauer um maximal ein Toleranzsemester überschreiten. Den Anspruch auf Familienbeihilfe verlieren alle Studierenden, sobald sie pro Abschnitt mehr als ein Toleranzsemester länger benötigen. Endgültig Schluss mit der Familienbeihilfe ist mit Vollendung des 24. Lebensjahres. "Deshalb müssen viele neben dem Studium arbeiten. Aber im lernintensiven Pharmazie-Studium ist nur eine geringfügige Beschäftigung möglich", weiß die junge Frau aus eigener Erfahrung.

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