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Volle Hörsäle, leere Taschen, keine Frauen

Mit vielen Widrigkeiten kämpfen Hochschüler im Laufe ihrer universitären Ausbildung. Damit soll nach der ÖH-Wahl Ende Mai endlich Schluss sein, sind sich Studentenvertreter einig.

Zweiundzwanzig Stufen gilt es zu erklimmen, will man die Aula der Universität Wien erreichen. Doch die Stiege am Hauptportal des altehrwürdigen Gebäudes an der Wiener Ringstraße ist bei Weitem nicht die schwierigste Hürde, die Studierende im Laufe ihres Universitätslebens zu überwinden haben. An vielen "Baustellen" drückt Studierende der Schuh: Überfüllte Hörsäle, ausgebuchte Pflichtseminare, prekäre Arbeitsverhältnisse ohne Versicherungsschutz und Rechtssicherheit sowie geplante Zugangsbeschränkungen bereiten ihnen große Sorgen - oder zumindest ihren gewählten Vertreterinnen und Vertretern in der Österreichischen Hochschülerschaft, die in rund vier Wochen, vom 26. bis zum 28., Mai neu gewählt wird.

"Den Studierenden fehlt es vor allem an Geld!", sagt Sophie Wollner, stellvertretende Vorsitzende der ÖH Uni Wien und Spitzenkandidatin vom Verband Sozialistischer Studentinnen und Studenten Österreichs ( VSStÖ) für die bevorstehende bundesweite Wahl. Viele ihrer Kommilitonen hätten Schwierigkeiten damit, sich das Leben neben dem Studium zu finanzieren. Gerade mit den Unterhaltszahlungen der Eltern gäbe es oft Probleme. "Ich bekam damals von meinem Vater, mit dem ich nur wenig Kontakt hatte, keinen Unterhalt bezahlt, während er dazu verpflichtet gewesen wäre. Doch Studienbeihilfe konnte ich vergessen, weil mein Vater zu viel verdient. Bei der zuständigen Behörde sagten sie mir, er muss für meinen Unterhalt aufkommen", berichtet die 24-jährige ehemalige Kunstgeschichtestudentin Caro B. aus Wien, die ihr Studium mittlerweile trotz fehlender Unterstützung ihres Vaters abgeschlossen hat.

Arme Studenten

"Viele Studenten fallen um ihren Unterhalt um, weil die meist geschiedenen Väter sich weigern, ihrer Pflicht nachzukommen. Doch wer zieht schon gegen seine Eltern vor Gericht, um sie zu verklagen?", fragt Wollner. Die aktuelle Situation sei ungenügend, weil das Studenten von ihren Eltern abhängig mache. "Deshalb fordern wir ein Grundstipendium für alle Studierenden von 770.- Euro im Monat, finanziert durch eine Vermögenssteuer", so Wollner.

Das Studium müsse endlich leistbar werden, verlangt Markus Hauser von den Österreichischen Fachschaftslisten (FLÖ). "Studenten brauchen mehr finanzielle Förderung, damit sie schneller studieren können und nicht mehr 20 bis 30 Stunden die Woche arbeiten gehen müssen", sagt Hauser. "Wir wollen eine Inflationsanpassung der Studienbeihilfe, außerdem sollte die Studienbeihilfe altersabhängig sein. Denn je älter Studenten werden, umso mehr Geld brauchen sie auch."

"Das System der Studienbeihilfe läuft ja bereits gut, auch wenn es einige Schwächen gibt und der Bezieherkreis ausgeweitet gehört", findet Norbert Köck, Bundesobmann der Aktionsgemeinschaft (AG). Studienpläne müssen so organisiert sein, dass sich Arbeit und Studium besser vereinbaren lassen. "Wir brauchen eine Sommer- und Winteruniversität, also zusätzliche geblockte Lehrveranstaltungen im September und Februar", fordert Köck, denn "berufstätige Studenten können den Besuch solcher Seminare leichter organisieren".

Vor allem mit der sogenannten Mindeststudiendauer gäbe es Probleme, meint Sigrid Maurer, Spitzenkandidatin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS). "Wer für einen Studienabschnitt oder für sein Bachelor-Studium länger braucht, als es die Mindeststudiendauer vorsieht, verliert den Anspruch auf Familien- und Studienbeihilfe", erklärt Maurer. "Früher gab die Mindeststudiendauer an, wie lange man für ein Fach studieren muss, damit man es wirklich begriffen hat. Wer damals mit einem Abschnitt in seinem Jus-Studium vor der Mindeststudiendauer fertig war, brauchte eine extra Genehmigung, um weiterstudieren zu dürfen."

So wie vielen Studierenden fehle aber auch den Universitäten selbst jede Menge Geld, sind sich Studentenvertreter aller Richtungen sicher. "Deswegen plant Wissenschaftsminister Hahn auch Zugangsbeschränkungen - seine Lösung für volle Hörsäle und überbelegte Seminare. Dabei ist Österreich jetzt schon Schlusslicht: Unsere Akademikerquote liegt bei nur 18 Prozent, der OECD-Schnitt ist 27 Prozent", sagt Wollner. Wenn es mehr Studierende gibt, müsse man eben auch mehr Lehrveranstaltungen anbieten, fordert die VSStÖ-Spitzenkandidatin. Doch Hahn habe mit dem Finanzminister schlecht verhandelt, außerdem sei er "angfress'n" wegen der teilweisen Abschaffung der Studiengebühren im vergangenen September, vermutet Wollner. Mit der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem an den heimischen Universitäten bestehe außerdem die Gefahr, dass nicht jeder automatisch einen Master machen könne, befürchtet Wollner. "Auf Bildung hat jede und jeder ein Anrecht", ist Sigrid Maurer von der GRAS überzeugt, die sich ebenfalls gegen Zugangsbeschränkungen zum Masterstudium ausspricht. "Hier zeigt sich die Ökonomisierung der Universitäten, denen es nur noch darum geht, brauchbare Absolventen für die Wirtschaft zu produzieren."

"Gläserne Decke"

Und noch ein Problem sei akut an den österreichischen Universitäten, zeigt ein Blick in die Wahlprogramme: die mangelnde Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen an den Unis sowie die berühmte "gläserne Decke", an die viele Frauen stießen, die sich für eine Laufbahn als Wissenschafterin entscheiden. Ein Blick in aktuelle Statistiken zeigt ein eindeutiges Bild: Obwohl mittlerweile 58 Prozent der Studierenden weiblich sind und 54 Prozent der Absolventen, liegt der Anteil an weiblichen Universitätsprofessoren bei 14 Prozent, beim wissenschaftlichen Mittelbau liegt der Anteil an Frauen bei rund einem Drittel. Auch auf eine weibliche Rektorin müssen Studierende wohl noch längere Zeit warten, nachdem die Vizerektorin der Medizinischen Universität Innsbruck, Margarethe Hochleitner, trotz hervorragender Qualifikation nun doch nicht zur Rektorin bestellt wurde. "Eine Frau wird eher Papst als in Innsbruck Rektorin", wird Hochleitner in der APA zitiert.

Eine Vermutung liegt nahe: Die vielen Stufen an der Wiener "Hauptuni" und anderswo bringen Studenten zwar regelmäßig ins Schwitzen, die großen Hürden am Weg zum Abschluss aber liegen anderswo.

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