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Widerstand aus der Warteschlange

Nächtelanges Anstellen, überfüllte Hörsäle, Gedränge im Seminar: Trotz 5.000 Schilling Studiengebühr bleibt das Service vieler Institute wie ehedem.

Diesmal war der Aktionismus ungewollt: Rund 500 Studierende machten vergangene Woche die Nacht zum Tag und verwandelten das alte Wiener AKH in einen Campingplatz. "Schon um 18 Uhr sind die ersten dagewesen und um sechs Uhr hat der Hof einem Feldlager geglichen," erzählt Margarete Rubik, Vorstand des belagerten Anglistik-Instituts. In Schlafsäcke gehüllt warteten die Erstsemestrigen darauf, sich des morgens in die Listen der "Sprachübung 1" einzutragen. Vier dieser Übungen sind für sie im ersten Abschnitt verpflichtend. Den 500 Erst-inskribenten stehen jedoch nur 339 Plätze zur Verfügung, klagt Magdalene Reinberg, eine der Wartenden: "Wer nicht hineinkommt oder in einer Übung durchfällt, ist automatisch nicht mehr in der Mindestzeit."

Das nächtliche Schauspiel hat Tradition. Seit Jahren wird auf die schlechte Ausstattung des Instituts hingewiesen - ohne Erfolg. Diesmal sollte es anders kommen. Mehrere Reporter hatten von den Dösenden Fotos geschossen. Auf Grund der Presseberichte werde der zuständige Dekan nun "mit aller Kraft versuchen, aus den Reserven des Rektors Geld flüssig zu machen," freut sich Rubik. Nicht zuletzt würden ja die Studierenden mit 5.000 Schilling (363 Euro) zur Kasse gebeten und hätten einen Anspruch auf gutes Service.

Gebremst studieren

Während die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) im Rahmen der aktuellen "Protestwoche gegen den Bildungsabbau" die Schlafsack-Aktion medienwirksam wiederholte und Studierende auf der Rampe der Wiener Universität campen ließ, ist um das Recht auf universitäre Leistungen ein Streit entbrannt. SP-Wissenschaftssprecher Erwin Niederwieser verlangt, die "von den Regierungsparteien versprochene Einklagbarkeit von Universitätsleistungen" umzusetzen. Neben der ÖH sieht Niederwieser auch Studierendenanwalt Josef Leidenfrost gefordert. Doch dieser zeigt möglichen Klagen die kalte Schulter: "Mit dem Bezahlen der Studiengebühr erhält man nicht automatisch das Recht zum Besuch einer ganz bestimmten Lehrveranstaltung." Auch nicht für solche mit beschränkter Teilnehmerzahl, erklärt Leidenfrost. Eine Klage sei deshalb kaum von Erfolg gekrönt - anders als an den Fachhochschulen, wo konkrete Ausbildungsverträge abgeschlossen würden.

Ein Recht auf Einklagbarkeit kann man auch im Bildungsministerium nicht erkennen. "Die 5.000 Schilling sind nur ein Bruchteil der Kosten, die für einen Studierenden pro Jahr aufgewendet werden, nämlich 130.000 Schilling," rechnet der für Universitäten zuständige Sektionschef Sigurd Höllinger vor. "Deshalb wurde auch der Begriff ,Studienbeitrag' und nicht ,Gebühr' gewählt, weil die Studierenden nur einen kleinen Beitrag leisten." Wie viele allerdings auch von dieser verhältnismäßig kleinen Summe von einer Inskription abgeschreckt werden, ist noch offen. Die Schätzungen reichen je nach Universität von zehn bis 30 Prozent Hörerminus. Erst mit Stichtag 30. November will man die Zahlen präsentieren.

Indes sollen den Inskribenten "Studiengebührenkredite" zu Sonderkonditionen und ein zweiprozentiger Zinszuschuss des Bundes die widerwillige Zahlung erträglicher machen. Nichts desto trotz lassen sich die Studiosi Zeit. Wurde die Zahl der aktiven Studierenden im letzten Jahr auf 165.000 geschätzt, so haben Ende September laut Bildungsministerium erst rund 100.000 inskribiert. Offensichtlich missgönnen manche dem Ministerium, vorzeitig in den Genuss von Zinsen zu kommen ...

Wie groß das statistische Minus auch immer ist - in einem gibt sich Rektorenchef Georg Winckler, keinen Illusionen hin: "Die Zahl der Aktivstudenten wird sich nicht ändern. Das heißt die Belastung bleibt gleich." Starker Tobak für Anglistik-Chefin Margarete Rubik. Freilich war sie vorgewarnt. So seien die Zahlen in den höhersemestrigen Kursen überraschenderweise gestiegen und nicht gefallen. "Das sind Leute, die jahrelang pausiert haben und nun verstärkt wiederkommen wollen," stellt Rubik fest und sieht die Rede vom "Scheinstudenten" als "Gefasel" entlarvt.

Eines leisten die neuen Zahlen aber sehr wohl: Sie bescheren Österreich einen besseren Platz in der internationalen Universitätsstatistik. Statt mit 130.000 Schilling schlagen sich heimische Studierende nun mit 170.000 Schilling pro Jahr beim Steuerzahler zu Buche; statt 14 beziehen nun 25 Prozent der Studierenden (insgesamt 43.000) eine Beihilfe; und für den Uniabschluss brauchen künftige Akademiker statt 7,4 nur mehr 6,5 Jahre. Damit rangieren sie immerhin im europäischen Mittelfeld, betont Bildungsministerin Elisabeth Gehrer nicht ohne Stolz.

Abseits der aufpolierten Zahlen sieht der Alltag an manchen Instituten jedoch trübe aus. Wo Sand im Getriebe ist, weiß Studierendenanwalt Josef Leidenfrost nur zu gut. Bis zu 50 Mal pro Halbtag läutet sein Telefon. Wurde er anfangs meist mit Problemen beim Zahlen der Studiengebühren konfrontiert, so erreichen ihn mittlerweile Beschwerden über fehlende Ressourcen an einzelnen Instituten. Über diese "schwarzen Schafe" hüllt er freilich den Mantel der Verschwiegenheit.

Warnung vor Studium

Ein Blick auf die Homepage des Wiener Instituts für Psychologie sorgt jedoch für klare Sicht: Dort wendet sich Vorstand Klaus Kubinger in einem flammenden Appell an potenzielle Hörer: "Wenn Sie als künftige Studenten der Psychologie die begründete Erwartung haben sollten, Sie zahlten für Ihr Studium und könnten dafür ein entsprechendes ,Service' erwarten, muss ich Sie enttäuschen." Rund 800 Hartgesottene haben sich weder davon noch von selten geöffneten Sekretariaten oder spartanischer Diplomarbeitsbetreuung abschrecken lassen. Den insgesamt 6.800 Studierenden stünden nur 45 Lehrende gegenüber, klagt Kubinger. "Das ist gegenüber Deutschland ein Betreuungsverhältnis von 1:10."

Eine Reaktion auf seinen Warnschrei erhielt der Institutsvorstand jedenfalls postwendend: Studierendenvertreter drohten in einem Brief mit rechtlichen Schritten, falls die vorgeschriebenen Fristen nicht eingehalten würden. Kubingers lapidarer Kommentar: "Ich bin der falsche Adressat".

Studierendenanwaltschaft

Informationen unter (0800) 31 16 50 und www.bmbwk.gv.at/studierendenanwaltschaft

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