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Ein neuer Trend: Klein, aber mein

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Trainingslager für Eliten, Kaderschmieden? In Deutschland entstehen auf alternativ-anthroposophi-scher Basis Privatuniversitäten. Mißtrauensvotum für Staatshochschulen?

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Trainingslager für Eliten, Kaderschmieden? In Deutschland entstehen auf alternativ-anthroposophi-scher Basis Privatuniversitäten. Mißtrauensvotum für Staatshochschulen?

Wer an deutsche Universitäten denkt, dem kommen die altehrwürdigen hohen Schulen zu Prag, Wien, Berlin in den Sinn, Frankfurt vielleicht und München. An die vielen kleinen akademischen Lehranstalten in deutschen Landen, die Kircheneifer und Fürsteneitelkeit entstehen ließen, denken vorwiegend Heimatfreunde.

Wer weiß schon, daß es heute auf dem Gebiete der Bundesrepu-

blik Deutschland nach der neuesten amtlichen Zählung 238 Hochschulen, darunter immerhin 57 Universitäten ohne jedes Wenn und Aber und neun Gesamthochschulen, die auch den Universitätstitel tragen dürfen, gibt. Darin arbeiten Zehntausende von Dozenten und Professoren, von Beamten und Verw altungsangestell-

ten, darin tummelt sich weit über eine Million von Studenten. Trotz aller trüben Aussichten in manchen Studienrichtungen werden es bis Ende der achtziger Jahre noch mehr sein.

Erst danach wandert die Studentenzahl ins Geburtental, zudem sehr bedächtig. Bei etwa einer Million soll dann, wenn die Prognoserechner recht haben, Stabilisierung eintreten: Etwa 20 Prozent eines Altersjahrganges werden dann zwischen Kiel und Konstanz studieren. Fast alle an staatlichen Universitäten und Hochschulen. Fast alle, aber nicht alle.

Seit 1983 weist die bundesamtliche Statistik auch eine private „Wissenschaftliche Hochschule“ aus. Das ist nichts anderes als eine Universität, mit allen akademischen Rechten wie Promotion, Habilitation und Berufung der Professoren, die nicht alle der traditionellen Fächer eingerichtet hat oder auch nicht einrichten will.

1982 hat der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen die Universität Witten-Herdecke staatlich anerkannt. Eine solche staatliche Anerkennung ist im bundesdeutschen Hochschulrecht vorgesehen. Sie muß sogar erfolgen, wenn die formalen und die inhaltlichen Voraussetzungen gegeben sind.

Das Problem besteht in der Beurteilung, ob die geforderten Voraussetzungen tatsächlich gegeben

sind. Die staatliche Bildungsverwaltung legt Wert darauf, daß sich die privaten Hochschulen nicht so sehr von den staatlichen unterscheiden, daß sie nicht zu „Akademikerpressen“ werden, in denen man billig zu Doktorat oder gar Professur gelangt. Die Studenten legen Wert darauf, daß ihr Studiengang gesichert ist und daß sie durch das Studium ihre Berufschancen verbessern. Liberale Politiker legen Wert darauf, daß neben dem staatlichen auch ein privates Hochschullämpchen glühen kann. Die Gewerkschaften in Nordrhein-Westfalen legen überhaupt keinen Wert auf Privatuniversitäten.

Trotz aller akademischer Einwände und politischer Bedenken gelang den Herdecker Hochschulgründern der erste Streich. Ministerpräsident Rau besuchte die Keimzelle der Universitätsgründung, das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus in den

Ruhrbergen, und ließ sich vom Promotor Konrad Schily, dem Bruder des bekannten „grünen“ Politikers, überzeugen. Der Nachdruck des frommen Regierungschefs zeitigte Wirkung. Die erste private Universität in der Bundesrepublik Deutschland konnte ihren Betrieb aufnehmen.

Und dies tat sie mit Schwung — und wohl auch Vermögen. Mit einem Starthaushalt von umgerechnet fast vier Millionen Schilling begann man; 1985 budgetiert man bereits das Achtfache. Zu den Spenden und Förderbeiträgen kommen Einnahmen aus Forschung und Entwicklung und aus „Wissenschaftlichen Dienstleistungen“, vor allem in den Kliniken. Man begann mit ganzheitlicher Medizin, eingebettet in einem Kranz von Disziplinen, wie es Rudolf Steiner gerne gesehen hätte, setzte mit der finanzierungsträchtigen Zahnmedizin fort und gelangte zu den Wirtschaftswissenschaften, wofür man einen Hochschullehrer von der benachbarten staatlichen Gesamthochschule abengagierte.

Noch ist der Expansionsschwung nicht erlahmt: 1986 sollen Mathematik, Philosophie und Orientalistik hinzukommen. Nach welchem Konzept dies alles

zusammenpaßt, wird nicht so recht erkennbar. Trotz allen alternativ-grünen Duftes, der über dem Gebäude mit den schiefen Winkeln und den sanften Farben schwebt, setzt die Wittener Privatuniversität auf Einsatzbereitschaft, Engagement und Leistung.

Konrad Schily, Freiherr von Campenhausen und Knut von Oertzen scheint die Verschmelzung von Ökologie und Ökonomie auf Hochschulboden zu gelingen. Sie werden von den führenden linken Bildungsjournalisten auffallend wohlwollend behandelt und erhalten selbst in der „Zeit“ gute Noten. Auch die SPD und die Gewerkschaften finden an den, Privatuniversitäten nichts auszusetzen außer, daß sie eben eigentlich „staatlich organisiert sein

müßte“, wie Konrad Schily aus einem Gespräch mit Genossen berichtete.

Auf so viel Lob konnte und kann die zweite Universität in privater Trägerschaft in der Bundesrepublik Deutschland nicht hoffen. Für sie kommt Lob höchstens mal von der „Frankfurter Allgemeinen“. Das Projekt einer „Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung“ wurde 1983 gestartet und bereits im August 1985 durch den rheinlandpfälzischen Kultusminister Gölter anerkannt. An Bewerbern mangelte es nicht, weder an Kandidaten für nebenberufliche Dozenten noch an Studierwilligen. Bei der Besetzung der ersten Professorenstellen zeigten sich Schwierigkeiten. Es wären ja einige deutsche Hochschullehrer gerne gekommen, aber so ganz wollten sie ihre Beamtenprivilegien nicht verlieren. So mußte man sich mit Teilzeitkräften und Lehrbeauftragten helfen.

Wie bei einer Hochschule mit dem Schwerpunkt Unternehmensführung nicht anders zu erwarten, suchte man finanzielle Hilfe nicht nur, aber vor allem in der Wirtschaft. Für den Stifterverband gewann man klangvolle Namen aus der Wirtschaftswissenschaft, und auch einen Ehrenrektor fand man, noch bevor die erste Vorlesung gehalten war: immerhin den Nobelpreisträger Professor Friedrich Hayek.

Prompt kam Sperrfeuer: Ge-

werkschafter, Grüne und Linke witterten eine Pflanzstätte für Kapitalistenknechte — wohl als Gegengründung gegen die Bremer Universität, die in konservativen Kreisen seit Jahr und Tag als „Kommunistische Kaderschmiede“ verteufelt wird. Trotz aller Querelen - man stellte sogar die Berechtigung des Hochschulleiters Glittenberg, sich mit dem Professor-Titel zu schmücken, öffentlich in Frage - hat die Koblenz-Universitätsgründung den Betrieb aufgenommen. Man konnte mit einem Startkapital von umgerechnet elf Millionen Schilling beginnen und hofft, zum Ende der Ausbauphase, wenn dann 400 Studenten an der Mosel studieren, über an die 50 Millionen pro Jahr zu verfügen, vorausgesetzt, die Stifter machen so großzügig mit wie in der Startphase.

Uber eine solche kam man in Ingolstadt nicht hinaus. Dort hatte man 1982 eine „Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Lehre“ gegründet, aus guten Gründen mit Sitz in München. Man entwickelte in Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät der Universität Maryland das Konzept einer „Internationalen Universität in privater Trägerschaft“. Wie die Wittener Hochschulgründer wollte man mit Medizin beginnen, dann Zahnmedi-

zin hinzunehmen und sich schließlich auch den Wirtschaftswissenschaften zuwenden. Wie in Witten fehlte es nicht an kommunaler Unterstützung, und ein Krankenhaus hatte man auch zur Verfügung. Wie in Witten regte sich allerdings auch in Bayern politischer Widerstand.

Die schwarze Argumentation unterschied sich nicht von der roten: Wozu brauche man eine private Universität, wenn an den staatlichen Universitäten ohnedies alles in bester Ordnung wäre? Und welcher CSU-Bayer würde“ solches von bayerischen Universitäten nicht annehmen? Nach erbittertem Ringen kam dann in diesem Sommer das Aus.

Mehr Glück hatten die anthro-posophischen Hochschulgründer aus dem „roten“ Nordrhein-Westfalen, die sich nach dem Wittener Erfolg ins „schwarze“ Schleswig-Holstein vorwagten. In Kiel hatte man vor orange-grünen Konzepten keine Angst und genehmigte eine „Nordische Universität“. 2.000 Studenten sollen in Flensburg und Neumünster ein gemeinsames „studium fundamentale“ durchlaufen und allesamt Philosophie und Geschichte hören, auch wenn sie dann im Agrar- und ökobereich tätig sind.

Hochschulgründerprofi, Schily will im Hohen Norden erneut neue Wege gehen — auch wenn sein „Reformmodell“ so neu nicht ist. Der Schritt vom „Studium generale“ zum „Studium fundamentale“ ist nur ein kleiner. Nur die staatlichen Universitäten haben ihn eben nicht getan.

Prof. Dr. Dr. Gerhard E. Ortner arbeitet als Wissenschaftler an der Fernuniversität in Hagen und ist als Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin und der Wirtschaftsuniversität Wien tätig.

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