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Auf der Jagd nach Exzellenzen

Nach dem Motto "Zeit ist Geld" rittert Wien mit Prag und Budapest um eine "University of Excellence".

Über Wien hängt kein Damoklesschwert. Viel schlimmer: Über Wien liegt ein Zeitfenster, das sich langsam schließt. Und wenn es erst geschlossen ist, dann liegt Wien wieder im Abseits des Wissens - wie damals vor rund 650 Jahren: "Damals ging es darum, wo die erste deutschsprachige Universität entstehen soll", weiß Anton Zeilinger. Während man in Wien noch debattierte, schritt man in Prag zur Tat: 1348 wurde die Alma mater Carolina Pragensis gegründet. Erst 1365 folgte ihr die Wiener Alma mater Rudolphina nach. "Das war ein irrsinniger Vorteil für Böhmen und ein irrsinniger Nachteil für Österreich."

Forschen in "hot fields"

Glaubt man dem Experimentalphysiker, der selbst Professor am renommierten "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) in Boston gewesen ist, dann könnte sich ein ähnliches Versäumnis demnächst wiederholen. Gemeinsam mit Prag - und Budapest - rittert Wien um die Errichtung einer europäischen "University of Excellence". Laut Zeilinger wäre die Zeit reif für eine solche Institution mit Namen "University of Advanced Studies", an der internationale Spitzenforscher gemeinsam mit den hellsten Studierenden-Köpfen (zumindest Bakkalaureats-Abschluss) in "hot fields" aus dem Bereich Natur- und Computerwissenschaften bzw. Mathematik forschen. Langfristig sollen auch Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften eingeschlossen werden. Ein schneller Entschluss würde Früchte tragen, so Zeilinger: "Wenn das heuer noch entschieden wird, dann kann diese Uni nächstes Jahr in provisorischen Räumen zu arbeiten beginnen."

Nicht nur "Mr. Beam" macht Druck. Auch die Autoren der von der Stadt Wien in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie betonen das "enge Zeitfenster" für eine solche heimische "University of Excellence": Nach der EU-Osterweiterung könne diese Uni als "Leuchtturm Mitteleuropas" fungieren und den Brain Drain aus dem Osten Richtung Übersee stoppen. Außerdem habe man derzeit mit Anton Zeilinger "eine Ausnahmeerscheinung mit internationaler Reputation, die geeignet ist, die besten Köpfe nach Wien zu holen", meint Andrea Holzmann-Jenkins vom Wissenschaftszenrum Wien. 80 Millionen Euro Investitionskosten würden anfallen, 70 Millionen Euro für den laufenden Betrieb. Mindestens ein Financier müsse aus dem öffentlichen Sektor kommen, darüber hinaus wird mit EU-Forschungsgeldern und privaten Sponsoren gerechnet.

Die heimische Wirtschaft ist jedenfalls von Zeilingers Vorstoß angetan: "Wir brauchen inhaltliche Innovation und Produktivität. Wenn wir das Zeitfenster jetzt nicht nutzen, ist es zu spät", erklärt Reinhold Mitterlehner, Generalsekretär-Stellvertreter der Wirtschaftskammer und Mitglied in der Task-Force "Spitzenuniversität" im Bildungsministerium. "Erst letzte Woche hat ja eine ähnliche Task-Force in Prag getagt."

Ausgehungerte "Weltklasse"

So viel Hektik macht skeptisch. Vor allem jene, die seit Jahren eine bessere Dotierung der heimischen Universitäten auf ihrem Weg Richtung "Weltklasse" fordern. Sie empfinden die Kosten einer solchen Elite-Universität als Schlag ins Gesicht: "Die Unis haben 100 Millionen Euro gefordert, damit der Gerätepark nicht verfällt. Jetzt sind 80 Millionen Euro plötzlich realistisch", empört sich Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien. Im Bildungsministerium gibt man indes Entwarnung: "Anfang Februar wird es eine Ausschreibung über 50 Millionen Euro an neuen Infrastruktur-Mitteln geben", stellt Sektionschef Sigurd Höllinger in Aussicht. Außerdem habe Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ja versprochen, dass bestehenden Einrichtungen nichts weggenommen und nur "frisches Geld" verwendet würde.

Dennoch: Das Unbehagen der Unis gegenüber dem geplanten Konkurrenten bleibt. So fürchten etwa die Betreiber der neun akkreditierten Privatuniversitäten eine Wettbewerbsverzerrung, falls die neue "Elite-Uni" als Privat-Universität geführt würde und vom Bund Mittel erhalte. Sie selbst erhielten schließlich keinen Cent.

Uni - oder doch nicht?

Geisteswissenschafter wie der Historiker und Wittgensteinpreisträger Walter Pohl fürchten, dass sich die Politik noch mehr "auf die mittelfristige wirtschaftliche Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse" konzentrieren könnte. Selbst Josef Penninger, der mit dem IMBA (Institute of Molecular Biotechnology) in Wien ein Forschungszenrum von Weltruf initiierte, hat gewisse Bedenken bei der geplanten Elite-Universität. Vor allem stößt er sich an ihrem Namen: "Ich würde das eher ,Centre for Advanced Studies' nennen. Es ist ja keine Universität, sondern ein Post-Graduate-Institut - wie wir." Grundsätzlich hält er ein solches Institut jedoch "für eine gute Idee, weil es eine Sogwirkung für andere Institute bringt."

Anton Zeilinger reagiert auf die Kritik mit wachsender Verärgerung: "Aus dem Ausland habe ich nur positive Stellungnahmen bekommen. Die einzigen negativen bekomme ich aus dem Inland", meint er im furche-Gespräch. Was wären seine Konsequenzen, wenn seine Vision nicht verwirklicht würde? "Diese Universität hat mit meiner persönlichen Laufbahn nichts zu tun. Ich würde dort weder Professor noch Rektor noch Präsident", stellt er klar. Freilich wisse er um die Bestrebungen in Prag und Budapest. "Wenn die Uni also in Österreich nicht kommt, werde ich meine Energien in eine dieser Lösungen stecken."

Offene Uni ade?

Die Meldung platzte mitten in die Debatten um die geplante "Elite-Universität": Vergangene Woche schlug der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) dem Gericht vor, dass Österreich seine Hochschulen auch für solche Studierende öffnen müsse, die in ihren Heimatländern nicht studieren dürften. Folgt das Gericht dem Vorschlag, dann könnte den Medizinischen Universitäten schon ab kommendem Wintersemester eine Flut an deutschen "Numerus clausus-Flüchtlingen" drohen - rund 20.000 Studierende schaffen diese Hürde jährlich nicht. Derzeit ist Österreich das einzige EU-Land, in dem es (außer dem Maturazeugnis) keine weiteren Zugangsregelungen zum Medizinstudium gibt. Für das Bildungsministerium ist der erwartete EuGH-Spruch "gegebenenfalls ein Anstoß, sich den generell offenen Hochschulzugang zu überlegen". Durch eine Novellierung des Universitätsgesetzes 2002 könnten die Unis zu einer autonomen Auswahl der Studierenden ermächtigt werden. Ein "Numerus clausus" wird freilich abgelehnt. DH

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