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"Ich hoffe auf die erste Rektorin"

Mit 1. Jänner folgte Barbara Weitgruber Raoul Kneucker an der Spitze der Forschungssektion im Bildungsministerium nach. Im Furche-Interview spricht die 38-jährige Amerikanistin über ihre Pläne für die österreichische Wissenschaft und ihre Wünsche zur Frauenförderung.

Die Furche: Ihre Bestellung zur Leiterin der Forschungssektion im Bildungsministerium fällt mitten in das Ringen um eine neue Regierung. Wann rechnen Sie damit, Ihren neuen Chef oder Ihre neue Chefin kennenzulernen?

Barbara Weitgruber: Es war schon vor den Neuwahlen klar, dass Sektionschef Raoul Kneucker mit Ende des Jahres in Pension geht, also ist es für das Alltagsgeschäft nicht so relevant, wann sich eine neue Regierung bildet. Sehr viele Vorgaben kommen außerdem von der Europäischen Kommission. Auf Gemeinschaftsebene werden die Arbeiten routinemäßig weiterlaufen und auch die nationalen Projekte werden weiter umgesetzt. Allerdings könnten sich durch ein neues Regierungsprogramm zusätzliche Schwerpunkte ergeben. Und es ist auch möglich, dass es zu neuen Ressortzusammensetzungen kommt.

Die Furche: Derzeit gibt es ein wahres Gestrüpp an Verantwortlichkeiten: Neben dem Bildungsministerium ist auch das Infrastruktur- und das Wirtschaftsministerium für Forschungsfragen zuständig. Wie würden Sie die Kompetenzen verteilen?

Weitgruber: Es ist europäische "Norm", dass zwei Ministerien für Forschungsagenden zuständig sind: eines für den Bereich Bildung, Universitäten und wissenschaftliche Forschung und ein zweites für die wirtschaftsnahe Forschung. Eine Änderung in Österreich würde also dem europäischen Trend entsprechen - und auch meinem persönlichen Wunsch. Der Wissenschaftsfonds FWF sollte jedenfalls in dem Ressort beheimatet sein, wo auch die Universitäten und Fachhochschulen angesiedelt sind. (Anm.: Derzeit ressortiert der FWF zum Infrastrukturministerium). So kann man die Synergien besser nutzen.

Die Furche: Ihr Vorgänger Raoul Kneucker hat gegenüber der "Presse" die derzeitige budgetäre Situation im Forschungsbereich als "furchtbar" bezeichnet. Mit wie viel Zweckoptimismus beginnen Sie Ihr Amt?

Weitgruber: Man muss restriktive budgetäre Situationen auch als Chance sehen, Einrichtungen und Programme zu evaluieren, gewisse Aktivitäten auslaufen zu lassen und neue Schwerpunkte zu setzen. Hier liegt auch die Chance der Regierungsverhandlungen, dass der Schwerpunkt Forschung und Bildung wieder ein Schwerpunkt wird und die entsprechenden Mittel, vor allem auch Sondermittel für den Rat für Forschung und Technologieentwicklung, zur Verfügung gestellt werden.

Die Furche: Die scheidende Regierung plant bis 2005 eine Erhöhung der Forschungsquote auf 2,5 Prozent des BIP. Dazu müssten die Ausgaben des Bundes jährlich um zwölf Prozent steigen. Ist diese Zunahme realistisch?

Weitgruber: Man darf das nicht nur auf den Bund reduzieren. Europaweit sind die Aufwendungen der Wirtschaft für Forschung weitaus höher als im österreichischen Durchschnitt. Darüber hinaus hat auch der Europäische Rat ein sehr ambitioniertes Ziel. Deshalb sind die nationalen Spielräume eher eng, weil jede Regierung bestrebt sein wird, die Zielvorgaben zu erfüllen und Österreich im europäischen Forschungsraum gut zu positionieren.

Die Furche: Derzeit fällt Österreich eher ab: Laut "Nationalem Forschungsplan" kommen hierzulande auf 1.000 Erwerbstätige nur 4,7 Forscher, während es in den besten EU-Ländern 8,5 sind. Was sind Ihre Rezepte gegen diese Misere?

Weitgruber: Ich denke, das neue Universitätsgesetz bietet gerade universitären Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern eine Chance. Es ist aber auch wichtig, das Netzwerk österreichischer Forschender im Ausland zu nutzen. Hier gibt es in den USA ein gutes Modell: Der österreichische Wissenschaftsattaché hat es geschafft, einen Verein zu gründen, in dem alle österreichinteressierten Forschenden vernetzt sind und erfahren, welche Chancen es hier gibt. Das könnte ein Anreiz sein, dass hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wieder zurückkommen.

Die Furche: Sie selbst sind nach einem Studienaufenthalt in Chicago in Ihre Heimat zurückgekehrt. Welches Gefühl hatten Sie dabei?

Weitgruber: Alle Graduierten, die zurückkommen, haben einen "Kulturschock" im umgekehrten Sinn. Für mich war es insofern positiv, als ich Möglichkeiten gesehen habe, Innovationen an der Universität Graz im Bereich der internationalen Aktivitäten zu setzen. Es besteht jedenfalls ein großer kultureller Unterschied, weil in den USA die Sachlichkeit im Vordergrund steht - unabhängig von persönlichen Rivalitäten. Leistung wird als etwas Positives gesehen. Es geht nicht um Diplome und Titel, sondern um die Frage: Was kann die Person? Deshalb fasziniert mich auch der kulturelle Wandel, der in Österreich vor sich geht. Was derzeit an den Universitäten geschieht, wäre vor fünf Jahren noch nicht möglich gewesen. Die sehr traditionellen und hierarchischen Strukturen, die lange Zeit in Österreich vorgeherrscht haben, sind langsam aufgebrochen worden. Dadurch gibt es natürlich auch Vorbehalte, weil die Angst vor Wandel sehr groß ist.

Die Furche: Viele befürchten eher, dass durch diesen Wandel der Bildungsbegriff den Kriterien von Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeit unterworfen wird ...

Weitgruber: Es ist wichtig, dass die Balance bestehen bleibt. Es muss in der Wissenschaft weiter zweckfreie Grundlagenforschung geben, denn sie ist auch der Grundpfeiler der angewandten Forschung. Dasselbe gilt für den Bildungsbereich. Bildung ist eine Münze mit zwei Seiten: Die Beschäftigungsfähigkeit muss ein Ziel sein, aber es geht auch um eine umfassende humanistische Bildung, die Kreativität weckt - ohne die gibt es auch keine Neugier für die Forschung.

Die Furche: Bei Ihrer Vorstellung hat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer betont, dass Sie einen gleich gut qualifizierten männlichen Mitbewerber auf Grund Ihres Frauseins ausgestochen hätten. Sehen Sie Ihre Bestellung auch als Signal an die Frauen?

Weitgruber: Ja, aber ich freue mich auf den Zeitpunkt, wo es kein Thema mehr ist, wenn eine Frau in eine Leitungsposition kommt. Erst dann haben wir die Gleichberechtigung erreicht. Ich hoffe auch, dass es jetzt bei den Ausschreibungen der Leitungen an Österreichs staatlichen Universitäten endlich auch Rektorinnen geben wird. Das neue Universitätsgesetz ist hier eine Chance.

Die Furche: Andererseits sitzen in den neuen Gründungskonventen der Universitäten erschreckend wenige Frauen. Kritiker sehen sich deshalb bestätigt, dass das Universitätsgesetz die patriarchalen Strukturen in der Wissenschaft verstärkt statt sie aufzulösen.

Weitgruber: Dass es so wenige Vertreterinnen in den Konventen gegeben hat, liegt auch an der geringen Zahl an Professorinnen. Ich glaube aber, dass insgesamt ein Umdenken erfolgt ist, dass es also nicht unbedingt der Frauen in Gründungskonventen bedarf, vor allem auch, weil Frauenförderung im Gesetz strikt vorgegeben ist. Wir wissen ja: Die freiwillige Bereitschaft zur Frauenförderung ist immer noch nicht an allen Universitäten gegeben.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Networking gegen Kompetenzwirrwarr

Barbara Weitgruber hat einen jener Lebensläufe, die man gern verschickt: Matura in Graz mit ausgezeichnetem Erfolg, Übersetzerprüfung in Englisch mit Gesamtnote "sehr gut", zwischendurch ein sommerlicher Studienaufenthalt an der Ohio University, und dann der Abschluss ihres Studiums der Anglistik und Amerikanistik mit einer - sehr guten - Diplomarbeit über "Television and the Language of the Future President". Dass sie auch mit ihrer Master's Thesis über "Austrian Students' Hypotheses as to cultural differences between mainstream American and Austrian culture" an der University of Illinois in Chicago die Bestnote A einheimste, verwundert nur noch wenig. Nach ihrer Rückkehr aus dem fernen Amerika im Jahr 1990 leitete Weitgruber das Büro für Auslandsbeziehungen der Uni Graz und ab 1993 das Büro für Europäische Bildungskooperation im Rahmen des Österreichischen Akademischen Austauschdienstes. Seit Ende 1994 ist sie für das damalige Wissenschaftsministerium tätig. Mit der Leitung der Sektion "Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten" hat die 1964 in Graz geborene Spitzenbeamtin vorerst ihren Zenit erreicht . Um das Kompetenzwirrwarr zu entflechten, setzt sie auf "neue Formen der Kommunikation": Regelmäßig sollen sich alle beteiligten Akteure, etwa die Rektorenkonferenz, der Forschungsrat oder die Akademie der Wissenschaften, unter ihrer Obhut zu einem "Jour Fixe" versammeln.

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