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1945 1960 1980 2000 2020

Bei den Dienstverhältnissen an den Unis mischen sich Beamtentum und befristete Verträge. Beides ist schlecht für den Wissenschaftsstandort.

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Bei den Dienstverhältnissen an den Unis mischen sich Beamtentum und befristete Verträge. Beides ist schlecht für den Wissenschaftsstandort.

Die Aufregung war groß, als unlängst das Verhalten eines Wiener Universitätsprofessors ins Licht der medialen Öffentlichkeit geriet. Der "grapschende Professor" hatte Studentinnen und Kolleginnen jahrelang sexuell belästigt. Für Empörung sorgte auch die Tatsache, dass der Ort seines Vergehens, die Wiener Wirtschaftsuniversität (WU), für einige Zeit im Dunklen blieb - die weiblichen Studierenden seien so nicht ausreichend geschützt gewesen, hieß der Vorwurf. Geschützt war hier vielmehr der Täter, denn er zählt zum privilegierten Kreis der pragmatisierten Dienstnehmer. Die Universität als Arbeitgeber kann Beamte weder entlassen noch versetzen. Nachdem es zunächst so aussah, als würde der Professor zu Semesterbeginn in alter Frische wieder seinen Dienst antreten, steht mittlerweile fest: Er ist derzeit nach einvernehmlicher Lösung bis zum Jahr 2019 ohne Bezüge karenziert.

Die delikate Angelegenheit zog nicht nur mediales Echo nach sich: Der damalige WU-Rektor Christoph Badelt - seine Nachfolgerin Edeltraud Hanappi-Egger ist seit Oktober im Amt - wandte sich in einem offiziellen Schreiben an die zuständigen Behörden und kritisierte das im Beamtendienstgesetz geregelte Disziplinarverfahren als "nicht mehr zeitgemäß"."Wir sind total frustriert, aber uns sind die Hände gebunden", sagte Badelt nach Aufkommen der Affäre im Kurier. "Die Quelle des Problems ist, dass der Mann Beamter ist."

Die Wiener "Grapschaffäre"

Diese Affäre mutet auch deshalb pikant an, wenn man bedenkt, dass sie sich an einer Universität ereignete, die sich selbst als Karriereschmiede für die Privatwirtschaft versteht. Dort jedenfalls weiß man sich von Personen, die nachweislich in Misskredit geraten sind, rasch zu trennen - und für die Sonderrechte von Beamten gibt es in privatwirtschaftlich geführten Unternehmen bekanntlich nicht nur überbordendes Verständnis. Professoren hingegen, die nach der Novelle des Universitätsgesetzes im Jahr 2002 angestellt wurden, können bei Bedarf schon entlassen werden, da sie keinen Beamtenstatus mehr genießen. Dies illustriert das bunte Spektrum an Dienstrechten und Karrierepfaden, die derzeit -und wohl noch über Jahrzehnte - an den staatlichen Universitäten in Österreich zu finden sind.

Am oberen Ende des Spektrums stehen die Beamten mit "wohlerworbenen Rechten", deren historische Wurzeln bis zur Zeit der Habsburger-Monarchie unter Joseph II. zurückzuverfolgen sind. Zu fragen ist freilich, ob die altehrwürdige Beamtentradition, die in die Erste und Zweite Republik übernommen wurde, für die universitären Herausforderungen im digitalen Zeitalter noch "zeitgemäß" ist - wie man das Modell der Beamtenuniversität nicht nur zum langsamen Aussterben bringt, sondern vielmehr aktiv entrümpeln kann. Dies umso mehr, je prekärer sich der untere Rand des Spektrums gestaltet: Denn dort ringen zahlreiche Jungforscher um Stipendien und befristete Verträge, und geben sich oft trügerischen Aussichten auf einen langfristig gesicherten Arbeitsplatz hin (vgl. Beitrag auf S. 6).

Tendenz zur Abwanderung

Diese Kluft, die sich in den letzten Jahrzehnten (nicht nur) im akademischen Raum aufgetan hat, erscheint für die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts eher abträglich: Denn in ihren Extremformen sind sowohl Sicherheit als auch Unsicherheit nicht dazu angetan, die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit eines Systems insgesamt zu steigern. Nicht nur Saturiertheit, sondern auch ein verschärfter Wettbewerb kann Standortschädigend sein, so die Schlussfolgerung des deutschen Bundesberichts zur Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses aus dem Jahr 2013 - dann nämlich, wenn junge, hoch motivierte Forscher zu resignieren beginnen und aufgrund unsicherer Perspektiven das Land verlassen oder einen anderen Karriereweg einschlagen. "Es gibt Länder wie Korea, die aggressiv gute Forscher suchen", sagt heute der Präsident des Europäischen Forschungsrats (ECR), Jean-Pierre Bourguignon. In ganz Europa aber ortet er die generelle Tendenz, die Zahl der Dauerstellen an den Unis zu senken: "Das führt zu noch mehr Unsicherheit in der Wissenschaft."

Dass nun eine Novelle des Universitätsgesetzes den Ministerrat passiert hat, sollte einigen positiven Entwicklungen auf die Sprünge helfen. Darin ist etwa vorgesehen, den Karriereweg des "Tenure Track" stärker zu verankern. Damit sollen Berufungsverfahren in die Professorenkurie vereinfacht werden und Jungforscher relativ bald den Ausblick auf eine Daueranstellung erhalten. Die Kettenvertragsregelung mit ihren "viel zu engen Fesseln"(Rektor Heinz W. Engl), wonach der Mitarbeiter nach Ablauf eines befristeten Vertrags oft die Universität verlassen muss, soll nun ausgeweitet werden. Wechseln befristet Beschäftigte in eine andere Funktion, so wäre dies als Neuabschluss zu werten, so dass eine neuerliche Befristung bis maximal sechs Jahre möglich wird. Durch die Novelle sieht der Rat für Forschung und Technologie-Entwicklung die Karrierechancen für junge Wissenschafter verbessert. Abwanderungstendenzen könnten damit "abgefedert" werden. Aber will man sich damit schon zufrieden geben?

Digitale Wissenschaft

Visionen für die Umgestaltung der akademischen Landschaft sind mehr denn je gefragt -und sollten sich primär an der Frage orientieren, wie die globalen Herausforderungen der Zukunft am besten bewältigt werden können. "Wir bewegen uns in eine Welt der offenen Innovation, wo die digitalen und materiellen Sphären zueinander finden", prophezeit der EU-Forschungskommissar Carlos Moedas. Neues Wissen und Innovationen würden fortan durch weltweite Kooperationen unter Mitwirkung (aber-)tausender Akteure geschaffen - durch Prozesse also, die weit über den Tellerrand der Wissenschaft hinausweisen. So gesehen ähneln die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen den heutigen Nationalstaaten: Sie haben eine stolze Geschichte, aber sie können die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr alleine lösen. "Forschung und Innovation müssen eine langfristige Perspektive einnehmen", sagt Moedas, "und sie sollten sich nicht von der Vergangenheit gefangen nehmen lassen."

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