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Unter "ferner liefen": Unsere Unis

Um die heimischen Universitäten steht es nicht gut. Selbst für junge, kluge Köpfe ist es nicht leicht, gefördert zu werden. Und dass es in Zukunft nicht viel besser werden wird, lässt das neue Regierungsprogramm vermuten.

Die klügsten jungen Köpfe Österreichs hoffen alljährlich mit einem der begehrten Stipendien der Österreichischen Akademie der Wissenschaft (kurz: ÖAW) oder des Wissenschaftsfonds ihre Karriere als Wissenschafter beginnen zu können. Im Rahmen eines dieser Förderprogramme (es gibt verschiedene), dem DOC-Programm, bewarben sich dieses Jahr rund 150 Studierende um ein Doktorats- Stipendium.

Mehr Stipendien, weniger Geld

Die Akademie hatte Fördermittel für 25 Stipendien mit einer Laufzeit für drei Jahre; sie vergab aber mehr, insgesamt 38 Stipendien - mit entsprechend kürzerer Laufzeit, für zwei Jahre. Die Leiterin der Stipendienstelle, Barbara Haberl, dazu: "Die Jury tat sich sehr schwer, weil es sehr viele sehr gute Anträge gab. Wir könnten um die Hälfte mehr bis doppelt so viele Stipendien vergeben." Da scheint es nur fair, die Anzahl der Stipendien zu vergrößern, indem man deren Laufzeit verkürzt. Andererseits ist es natürlich sehr fraglich, ob man in nur zwei Jahren eine ähnlich ausgezeichnete Arbeit abgeben kann wie andere, die drei (oder sogar noch mehr) Jahre Zeit und Geld zum Forschen, Recherchieren und Publizieren haben.

Und wenn man Pech hatte und kein Stipendium ergattern konnte? Vielleicht hat man ja das Glück, aus Projektgeldern des betreuenden Professors bezahlt zu werden. Ansonsten bleibt die Möglichkeit nebenher zu arbeiten. Dies tun tatsächlich 86 Prozent der Doktoratsstudierenden zumindest in den Sozialwissenschaften an der Universität Wien, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte. Doris Bammer, neben Petra Ziegler und Christa Markom eine der Autorinnen der in{}fem Forschungswerkstatt, betont: "Ein wenig mehr wie die Hälfte der erwerbstätigen Doktoranden arbeitet sogar mehr als dreißig Stunden pro Woche neben der Dissertation." Das Doktorat wird so zur wahren Mammutsleistung. Es überrascht deshalb nicht, dass sechs von zehn Dissertanten zu Protokoll gaben, bereits einmal ans Abbrechen gedacht haben. Auffällig ist auch, dass überproportional viele der Doktoratsstudierenden aus Akademikerfamilien stammen. Fast jeder dritte hat etwa einen Vater mit Universitätsabschluss. Ist das Zufall oder wird hier vielleicht doch Geld, das von Zuhause kommt zu einem zentralen Selektionsmechanismus für eine Uni-Karriere?

Steiniger Weg bis zur Professur

Vielleicht gibt es in anderen Fächern etwas mehr Geld - zum Beispiel in den Naturwissenschaften - und es ist dort zumindest diesbezüglich leichter, einen Doktortitel zu erringen. Konkrete Statistiken darüber gibt es nicht. Spätestens nach der Dissertation aber wird es für all jene, die eine Wissenschafterkarriere ernsthaft ins Auge fassen, noch viel schwieriger. Für eine realistische Chance auf eine Professur braucht man Geld für weitere sechs Jahre. Bernhard Keppler, Chemie-Professor an der Universität Wien und Vorsitzender des Universitätsprofessorenverbandes, berichtet von seinen Erfahrungen: "Oft nehmen diese Leute eine attraktive Stelle im Ausland an, weil man hierzulande nicht die notwendigen Förderinstrumente hat. Natürlich gibt es etwa den START-Preis des Wissenschaftsfonds. Aber den bekommen lediglich fünf bis zehn Personen pro Jahr. Das sind elitäre Instrumente, damit man die besten von den besten nicht verliert. Aber die Universität kennt auch eine gewisse Breite, und die müsste man ebenfalls bedienen."

Als in der Vorwahlkampf-Phase im August die Abschaffung der Studiengebühren angekündigt wurde, protestierte Keppler mit zwei Professorenkollegen in einem Standard-Leserbrief und rechnete vor: "150 Millionen haben oder nicht haben, heißt auch rund 2000 Jungwissenschafter anstellen zu können oder nicht." Genützt hat der Protest wenig: Grüne, SPÖ und FPÖ haben die Studiengebühren am 24. September abgeschafft. Dass dieses Geld - wie von der Politik versprochen - wieder refundiert werde, lässt Keppler nicht gelten: "Es wird uns woanders abgezogen." Und damit hat er wohl leider recht. Vergangenen Montag verkündete Wissenschaftsminister Johannes Hahn in einem kleinen Kreis von Journalisten, dass es beim Globalbudget der Universitäten "moderate Zuwächse" geben wird. Konkret hoffe er für die nächsten Jahre "100 bis 300 Millionen Euro pro Jahr" mehr zu haben. Das ist weitaus weniger, als die durchschnittlich 600 Millionen Euro Steigerung pro Jahr bis 2012, die der Nationalrat noch am 24. September zugesagt hatte. Auf diese Summe hatte man sich geeinigt, weil man damit einen realistischen Fahrplan für ein wichtiges Ziel hatte: Im Jahre 2020 sollten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für den tertiären Bildungsbereich aufgewendet werden. Zurzeit gibt Österreich lediglich zirka 1,3 Prozent vom BIP für Hochschulbildung aus; andere Länder sind da wesentlich großzügiger: Die USA etwa verwenden dafür rund 2,8 Prozent vom BIP. Wie wichtig der Regierung dieses Ziel ist, lässt sich im aktuellen Regierungsprogramm nachlesen, wo im Kapitel "Wissenschaft" unter Punkt 3 ein "Bekenntnis zum Ziel 2% BIP in tertiäre Bildung" formuliert wird.

Unverbindliches Sätze

Allerdings fehlt im Regierungsprogramm das Jahr 2020 als konkreter Zielpunkt. Und bereits im zweiten Satz ist von der "Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit" der Universitäten die Rede, die auch "zu einer weiteren Hebung der inneruniversitären Effizienzressourcen bewegt" werden sollen. "Im Kontext gelesen, wird das Ganze zu einer Provokation", kritisierte denn auch Christoph Badelt, Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien und Präsident der österreichischen Rektorenkonferenz, in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten vergangenen Dienstag und fügte hinzu: "Die Universitätsfinanzierung bereitet mir massives Kopfzerbrechen." Allein mit der ursprünglich versprochenen und im Nationalrat beschlossenen Aufstockung des Globalbudgets ließen sich die zentralen Anliegen auch verwirklichen, die da wären: 1.) eine Ausweitung der Ausbildungsstätten, vor allem in chronisch überlasteten Studiengängen, 2.) einen massiven Ausbau der (forschungsorientierten) Doktoratsprogramme, 3.) die rasche Umsetzung eines Exzellenzprogramms für die Unis, 4.) den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur und 5.) die rasche Umsetzung eines Laufbahnmodells in einem Kollektivvertrag, der Nachwuchsforschern in Österreich auch eine Perspektive bietet. Abschließend betonte der Wirtschaftsuni-Professor: "Es gibt dutzende Beweise, dass eine gute Ausbildung auch für die Wirtschaft eines Landes gut ist."

Teure Studiengebühren

Dann wandte sich Badelt dem zweiten Thema zu: den Studiengebühren. Die Rektoren wünschen, dass nun alle Studierenden von den Gebühren befreit werden. Dies nicht deshalb, weil sie einen offenen Hochschulzugang favorisierten - darüber herrscht geteilte Meinung -, sondern weil es "für den Steuerzahler billiger ist, wenn keine Studiengebühren eingehoben werden". Die Idee der Politiker hingegen ist es gewesen, "Bummelstudenten" die Gebühren nicht zu erlassen. Nicht zur Kasse gebeten, würden jene Studierenden, die in Mindeststudienzeit studierten mit einer Toleranzgrenze von zwei Semestern pro Abschnitt. Für alle anderen - immerhin rund 30 Prozent der Studierenden - hätte es zahlreiche Ausnahmeregelungen gegeben: etwa für Schwangere, Erwerbstätige, lange Krankenstände. Im Sinne der Fairness wären die Überlegungen der Politiker vielleicht korrekt. Praktikabel sind sie aber kaum, wie Badelt an einer Plausibilitätsrechnung klarmachte: den ganz einfachen Fall eines kranken Studierenden. Die Bearbeitung eines solchen Falls würde rund 60 Euro kosten. Nimmt man an, dass jeder zehnte Fall negativ beschieden wird, der Studierende also 365 Euro Semestergebühren bezahlt, so sind doch gleichzeitig Verwaltungskosten (bei total zehn Fällen) von 600 Euro angefallen. Für kompliziertere Fälle könnten die Kosten noch erheblich höher sein. Ganz zu schweigen davon, dass hier ein neuer und unnötiger Verwaltungsapparat geschaffen würde.

Fazit: "Unter ferner liefen"

In naher Zukunft wird es den Unis - konkret: den Studierenden, den Professoren und vor allem dem wissenschaftlichen Nachwuchs - noch schlechter gehen. Im internationalen Vergleich werden unsere Hochschulen wohl weiterhin auf den Plätzen "Unter ferner liefen" zu finden sein. Die Rangierungen sind aber auch ein Abbild des Stellenwerts, den Politiker aller Couleurs den Universitäten beimessen, indem sie sie für ideologische Streitereien benutzen - und vorhandene Missstände nicht zur Kenntnis nehmen.

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