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"Was ist das Ziel dieses Experiments?"

Kurz vor ihrer Entlassung in die Autonomie am 1. Jänner 2004 wähnen sich die Universitäten im "finanziellen Würgegriff". Wie groß ist die Misere in den Hörsälen und Forschungslabors? Die Wissenschaftssprecher von ÖVP und SPÖ, Gertrude Brinek und Josef Broukal, sind geteilter Ansicht.

Die Furche: Herr Broukal, Sie haben nach der Ernennung von Helmut Zilk zum Vorsitzenden der Bundesheer-Reformkommission postwendend einen "Zilk für Forschung und Universitäten" verlangt. War das ernst gemeint?

Josef Broukal: Ich habe nur versucht, eine Formulierung zu finden, die den Journalisten auffällt, was mir offenbar gelungen ist. Aber es ist ein wahrer Kern dahinter. Österreichs Forschungspolitik leidet unter schweren inhaltlichen Differenzen zwischen den Ministerien. Ich bin jetzt seit 15. Oktober 2002 in der Politik und habe seitdem festgestellt, dass irgendjemand die Wissenschaft verkörpern müsste - ein Verbalterrorist wie der Zilk. Ich kann mir vorstellen, dass der unangemeldet zum Finanzminister geht und mit 100 Millionen Euro wieder herauskommt; das kommt dem Grasser emotional billiger, als den Zilk zu besänftigen. Ein solcher Zilk für die Wissenschaft könnte auch schwarz sein. Er müsste nur darum kämpfen, dass mehr Geld in die Forschung fließt.

Die Furche: Was halten Sie von diesem Vorschlag, Frau Brinek?

Gertrude Brinek: Ich habe nichts dagegen. Wir sollten nur darüber nachdenken, ob das nicht eine Frau sein soll.

Broukal: Mir fiele da schon jemand ein: Die Frau Rabl-Stadler. Der würde ich durchaus weibliche Zilk-Qualitäten zuordnen...

Brinek: (lacht) Ich bin dafür. Natürlich kann man über die Organisation der Forschungsförderung nachdenken. Es kann auch sein, dass während der Regierungsbildung nicht genügend Zeit geblieben ist, um sich eine bessere Konstellation auszudenken. Aber das heißt nicht, dass es auf ewig so bleiben muss. Eines ist jedenfalls sicher: In Österreich gibt die Wirtschaft zu wenig für Forschung aus. Im internationalen Durchschnitt wird Forschung zu zwei Dritteln von der Wirtschaft finanziert, bei uns nur zu 58 Prozent. Die Frage ist: Wie bekommen wir die Wirtschaft dazu, in Forschung verstärkt zu investieren? Hier ist meines Erachtens eine generelle Regelung schwierig.

Broukal: Aber die Regierung selbst hat sich ja diese ehrgeizigen Ziele gesteckt: 25 Prozent mehr Forschungsausgaben bis zum Jahr 2005, 50 Prozent mehr bis zum Jahr 2010. Gibt es hier eine unsichtbare Klausel im Regierungsprogramm: Nur wenn die Wirtschaft will?

Die Furche: Tatsache ist, dass sich die Universitäten verstärkt nach Drittmitteln aus der Wirtschaft kümmern müssen. Derzeit befinden sie sich aber - laut manchen Rektoren - in einem "finanziellen Würgegriff". Wurden die Unis in die autonome Mängelverwaltung entlassen?

Brinek: Das würde ich zurückweisen. Ich habe niemals gesagt, dass es den Universitäten großartig geht. Es ist eng, vor allem im Jahr 2003, aber nächstes Jahr gibt es ein Netto-Plus von sechs Prozent. Nun kann man sagen, das ist nicht die Welt, aber unter der Maßgabe der Schwerpunktsetzungen der Unis bedeutet das auch einen merklichen budgetären Gewinn - zusammen mit Kostenstellenrechnung und Controlling. Die Universität Wien hat etwa gesehen, dass sie sich allein aus dem Jahr 2003 rund 30.000 Euro an Reinigungsrückvergütung holen kann, weil die Reinigung, die sie bezahlt hat, gar nicht geleistet wurde. Außerdem sind die 15 Millionen Euro, die vom Bildungsministerium nachgereicht wurden, auch für Personalkosten zu verwenden. Dazu kommen noch 22 Millionen Euro für Vorziehprofessuren. Es gibt also Geld für den nachgewiesenen Aufwand. Was ich nicht will, ist, dass man das Bundesbudget überstrapaziert - Deutschland liegt etwa bei vier Prozent Budgetdefizit - und gleichzeitig massive Einsparungen im Universitätsbereich macht. Allein in Berlin wird die Größenordnung einer ganzen Universität eingespart...

Broukal: Ich habe früher geglaubt, dass das, was das Bildungsministerium zum Zustand der Universitäten sagt, stimmt - was mich zur oft bereuten Aussage geführt hat: Zehn Prozent kann man überall sparen, auch an den Universitäten. Mittlerweile bin ich aber in engem Kontakt mit den Rektoren und Professoren, die mir anhand von konkreten Beispielen zeigen, dass es den Universitäten schlecht geht. Und das sind nicht Leute, die im Verdacht stehen, links zu sein, sondern das sind kreuzbrave und in ihrer Mehrheit konservative Menschen. Auf der Biologie verzichten Lehrkräfte inzwischen auf einen Teil ihres Honorars, um Vorlesungen halten zu können. Und an der Universität Graz wurde ein System installiert, wo jeder Studierende wie beim Lotto tausend Punkte bekommt und sie auf bestimmte Vorlesungen setzen muss. Wenn man zu wenig gesetzt hat, kommt man nicht hinein. Was ist das Ziel dieses Experiments? Ich wundere mich auch darüber, dass man 2.000 Projektassistenten, die von den Geldern des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung leben, erst am 25. September sagt: Du kannst am 1. Oktober weiterarbeiten. Diese Menschen haben Lebensentwürfe - und man lässt sie einfach in der Luft hängen.

Brinek: So ernst das ist, aber das ist eine Handhabung, die in den letzten Jahren immer praktiziert wurde, weil der Fonds das Geld nicht anders ausbezahlt bekommt. Die Forschungsförderung braucht sicher eine mehrjährige Dotierung, weil wissenschaftliche Projekte in der Regel nicht nach einem Jahr abgeschlossen sind. Die jetzige Misere führe ich darauf zurück, dass wir erst Mitte des Jahres das Budget beschlossen haben. Aber es muss unsere Anstrengung sein, so etwas in Zukunft zu vermeiden.

Die Furche: Durch die Studiengebühren verstehen sich die Studierenden heute als Kunden. Hat die Universität nicht eine Bringschuld zu erfüllen?

Brinek: Grundsätzlich freut es mich, wenn die Zahl der Studierenden steigt. Wir haben ohnehin Nachholbedarf. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass wir in dieser Zeit auf 400.000 Studierende kommen.

Brinek: Ich verwahre mich gegen den Begriff "Kunden" - nicht, weil ich ein Problem hätte mit der Ökonomie, sondern weil es bildungstheoretisch nicht stimmt. Bildung entsteht nicht durch Einkauf. Zu einem Bildungsprozess kommt es, wenn jemand mit einem Wissens- und Kompetenzvorsprung in ein Thema einführt, Bildung ist ein Prozess, an dem sowohl der Lehrende als auch der Studierende beteiligt ist. Deshalb ist das Bild vom Kunden absolut falsch.

Broukal: Die Bildungsministerin sagt aber immer, die Rektoren seien schlechte Manager - und "Manager" ist ein Begriff aus der Wirtschaft. Ich glaube auch, dass Bildung nichts mit einer Kundenbeziehung zu tun hat, aber dass viele Teile der Universitätsorganisation sehr gut nach dem Paradigma Kunde erledigt werden könnten. Es gibt mit Ausnahme einer einzigen Universität bei der Inskription nicht die Möglichkeit zu sagen: "Ich bin berufstätig, ich hätte die Vorlesung gerne am Abend." Wir hören auch immer wieder, dass jemand zwar ordentlich studiert, aber der Lehrer so überlastet ist, dass er die Beurteilung einer schriftlichen Arbeit so spät vornimmt, dass man ein Semester versäumt. Hier fehlt es am Kundendienst. In der Privatwirtschaft würde man sagen: Vertrag nicht erfüllt.

Brinek: Ich bin selber während des Studiums immer voll berufstätig gewesen und weiß, was das bedeutet. Ich selbst biete deshalb auch zwischen 17 und 20 Uhr geblockte Lehrveranstaltungen an. Aber alle Wünsche unter einen Hut zu bringen, wird schwierig sein. Wir müssen jedenfalls den Studienplan modularer handhaben, damit man seine Abschnitte frei gestalten kann. Die typischen Studierenden sind ja längst nicht mehr jene, die mit 18 nach der Matura an die Uni kommen.

Die Furche: Nicht nur die Lebensumstände der Studierenden, auch die Zahlen werden sich stark verändern: Rektorenchef Georg Winckler prognostiziert bis 2010 österreichweit eine Verdoppelung von 200.000 auf 400.000...

Broukal: Wenn wir heute wissen, dass wir im Jahr 2010 doppelt so viele Studenten haben, dann frage ich mich: Wo ist der Plan? Je mehr Studierende wir haben, desto größer wird ja auch die Frage, ob wir uns jedes Jahr davon überraschen lassen, wer jetzt gerade Deutsch, Jus, Biologie oder Medizin studieren will, oder ob wir nicht zu einem System kommen, indem Studierende sehr frühzeitig wie im Verkehrsfunk erfahren: Du bist schneller, wenn Du Biologie studierst. Bei Medizin: bitte warten!

Die Furche: Würden Sie in diesem Sinn auch für eine Studienplatzbeschränkung plädieren?

Broukal: Derzeit werden Studierende "rausgeprüft", weil für sie kein Platz ist. Dieses System ist nicht fair. Ich sage: Mehr Geld muss her, aber wenn die Regierung es nicht hergibt, dann sollte zumindest der Mangel rational verwaltet werden und nicht mit Computer-Lotto und Knock-Out-Prüfungen.

Brinek: Die Frage ist tatsächlich, wie wir mit den vorhandenen Ressourcen transparent und fair umgehen. Die Schwerpunkt-Setzungs-Kommission und der international besetzte Wissenschaftsrat werden dazu sicher Vorschläge machen, mit denen wir uns in Parlament beschäftigen werden.

Das Gespräch moderierte Doris Helmberger.

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