Digital In Arbeit
Feuilleton

Universität neu – aber ohne Wilhelm Humboldt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

In Alpbach setzte Wissenschaftsminister Johannes Hahn den Startschuss zu einer Reform der österreichischen Hochschullandschaft. Ein dringend nötiges Mammutprojekt, in dem für romantische Bildungsideale kein Platz ist. Die Zukunft der Universitäten ist etwas offen. Den Zugang wollen die Rektoren jedenfalls beschränken.

„Ich bin für saftige Studiengebühren, um Faulenzer und unfähige Studierende von den Unis fernzuhalten oder sie wenigstens kräftig zur Kasse zu bitten.“ Diese Aussage, ebenso wie der sich daran anschließende Applaus der Anwesenden, entstammt keineswegs einer Stammtischdiskussion. Die radikale These verließ vergangene Woche den Mund einer Naturwissenschafterin und Hochschullehrerin. Der Rahmen: ein Arbeitskreis zur Rolle der Universitäten in der Gesellschaft beim Forum Alpbach. An der Emotionalität solcher Diskussionsbeiträge kann man die gespürte Dringlichkeit ablesen, Antworten zu finden auf die Frage: Wie sehen die Hochschulen der Zukunft aus?

Start für hochkomplexes Projekt

Bei den diesjährigen Alpbacher Technologiegesprächen stellte Wissenschaftsminister Hahn der Öffentlichkeit zwar keine fertigen Antworten vor. Dafür aber den Plan, wie man zu solchen gelangen will. In den kommenden zwei Jahren sollen Gespräche mit allen beteiligten Interessensgruppen geführt werden. Am Ende dieser Konzeptfindung soll schließlich ein Maßnahmenkatalog für die Neuordnung des österreichischen Hochschulraums stehen.

Über die Komplexität des Projekts gibt man sich seitens des Wissenschaftsministeriums keinen Illusionen hin. So erwartet der für Hochschulen zuständige Sektionschef Friedrich Faulhammer, dass „die Umsetzung sicher schwieriger wird als die des Universitätsgesetzes 2002“. Die unterschiedlichen Interessenslagen unter einen Hut zu bringen, stellt wohl eine heraklische Kraftanstrengung dar. So ist es beispielsweise einerseits erklärtes Ziel, die Absolventenquote von derzeit nur 75 Prozent zu erhöhen. Andererseits ächzen die Universitäten unter der steigenden Zahl neuer Studienanfänger. Mit dem Wegfall der Studiengebühren ist ihre Zahl im heurigen Sommersemester um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Die österreichischen Rektoren fordern deshalb unisono die Möglichkeit, Zulassungsbeschränkungen umzusetzen, wie es sie für einige Studien bereits gibt. Das Ministerium will sich in diesem Punkt allerdings nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. „Dann bleibt leider nur die Alternative, die Studierenden knallhart rauszuprüfen“, kommentiert ein Rektor lapidar.

Wie viel zählt der Bachelor?

Ein weiteres Anliegen ist es, die Attraktivität des Bachelor-Abschlusses zu erhöhen. Hahn wünscht, dass frisch gebackene Bachelors nicht gleich ein Masterstudium anschließen, sondern zuvor in die Wirtschaft gehen. Doch noch lässt sich nicht abschätzen, wie Unternehmen auf die Titelträger ansprechen. Unklarheit besteht auch hinsichtlich der relativen beruflichen Qualifikation von Uni- und FH-Bachelors. Kritiker des Bolognaprozesses werfen der dreijährigen Ausbildung außerdem eine „Verschulung“ vor.

Die dichten, streng reglementierten Studienpläne böten den Studierenden für erste Kontakte mit Forschung und Wissenschaft keine Zeit. Tatsächlich wird sich anhand der Umsetzung des Bolognaprozesses zeigen, welche Funktionen den Universitäten künftig zugedacht sind. Mehr noch als anhand der Fragen nach Zugangsbeschränkungen, nach Basisfinanzierung oder nach der Kompetenzverteilung zwischen Rektorat, Senat und Unirat. Die inhärente Spannung der Gretchenfrage, ob Universitäten Bildungs- oder Ausbildungsstätten sein sollen, wird durch die Bolognabestimmungen nicht gelöst, sondern erst aufgeworfen.

Damit eng verbunden ist auch die traditionelle Einheit von Forschung und Lehre. Eine in Alpbach viel gehörte Befürchtung war, dass sie der geplanten Reform zum Opfer fallen könnte. Gerüchteweise will die öffentliche Hand künftig nur mehr die Bachelorausbildung finanzieren. Die Mittel für Master- und PhD-Programme müssten die Universitäten dann selbst über den Weg des Wettbewerbs um Fördermittel aufstellen. Diese sind darüber freilich „not amused“. Es ist fraglich, ob eine so heterogene Materie wie das Hochschulwesen jemals zur allgemeinen Zufriedenheit in den Griff zu bekommen ist. Vielleicht werden Universitäten eine schleichende Wandlung in Fachhochschulen durchlaufen, wie der Philosoph Rudolf Burger prognostiziert. Vielleicht wird Spitzenforschung künftig vorwiegend an außeruniversitären Einrichtungen stattfinden. Eine These, die Bernd Marin vom European Centre for Social Welfare Policy and Research vertritt. Möglicherweise bewahrheitet sich aber auch die Vermutung von Karin Gutierrez-Lobos. Die Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien glaubt, dass es den Hochschulplan gar nicht geben wird.

Neues Selbstbewusstsein

Natürlich war auch in Alpbach wieder viel zu hören von „Exzellenz“, „Elite“ und „Qualität“. Doch hinter diesen Schlagworten stehen keine bildungsreformatorischen Visionen. Vielmehr der unverhohlene Leistungsgedanke moderner Technologiegesellschaften (oder solcher, die das gerne wären). Statements wie das eingangs zitierte zeugen von einem neuen Selbstbewusstsein der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Hier werden Akademikerinnen und Akademiker als Leistungsbringer im Dienste der Volkswirtschaft definiert. Dieser Anspruch trägt Züge der Philanthropischen Pädagogik des späten 18. Jahrhunderts. Jener Strömung also, die der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt vorfand und der er sein humanistisches Bildungsideal entgegensetzte. Es ist deshalb nur ein suggestives Verbalschnörksel, wenn Hahn als leitenden Gedanken des Hochschulplans formuliert: „Wir müssen mit Humboldt brechen, um Humboldt neu zu definieren.“

Ungewissheit für die Universitäten

Dem ist nüchtern zu entgegnen, dass Humboldt im doppelten Sinn tot ist. Zum einen starb er 1835. Zum anderen vor zehn Jahren mit dem Start des Bologna-Prozesses. Ob darin Grund zur Sorge liegt, sei dahingestellt. Der deutsche Gelehrte redete einem Neuhumanismus das Wort, der in der globalisierten Welt von heute eher rührig denn hilfreich wirkt. Rückwärtsgewandtheit ist selten die richtige Antwort auf Entwicklungen, die rasant nach vorne führen. Altgriechisch und Latein sind bestimmt nicht die Kandidaten für eine neue Weltsprache neben Englisch, Chinesisch oder Mathematik. Wie immer die Universität der Zukunft auch aussehen wird, sie wird kein romantisches Bild bieten.

In Alpbach setzte Wissenschaftsminister Johannes Hahn den Startschuss zu einer Reform der österreichischen Hochschullandschaft. Ein dringend nötiges Mammutprojekt, in dem für romantische Bildungsideale kein Platz ist. Die Zukunft der Universitäten ist etwas offen. Den Zugang wollen die Rektoren jedenfalls beschränken.

„Ich bin für saftige Studiengebühren, um Faulenzer und unfähige Studierende von den Unis fernzuhalten oder sie wenigstens kräftig zur Kasse zu bitten.“ Diese Aussage, ebenso wie der sich daran anschließende Applaus der Anwesenden, entstammt keineswegs einer Stammtischdiskussion. Die radikale These verließ vergangene Woche den Mund einer Naturwissenschafterin und Hochschullehrerin. Der Rahmen: ein Arbeitskreis zur Rolle der Universitäten in der Gesellschaft beim Forum Alpbach. An der Emotionalität solcher Diskussionsbeiträge kann man die gespürte Dringlichkeit ablesen, Antworten zu finden auf die Frage: Wie sehen die Hochschulen der Zukunft aus?

Start für hochkomplexes Projekt

Bei den diesjährigen Alpbacher Technologiegesprächen stellte Wissenschaftsminister Hahn der Öffentlichkeit zwar keine fertigen Antworten vor. Dafür aber den Plan, wie man zu solchen gelangen will. In den kommenden zwei Jahren sollen Gespräche mit allen beteiligten Interessensgruppen geführt werden. Am Ende dieser Konzeptfindung soll schließlich ein Maßnahmenkatalog für die Neuordnung des österreichischen Hochschulraums stehen.

Über die Komplexität des Projekts gibt man sich seitens des Wissenschaftsministeriums keinen Illusionen hin. So erwartet der für Hochschulen zuständige Sektionschef Friedrich Faulhammer, dass „die Umsetzung sicher schwieriger wird als die des Universitätsgesetzes 2002“. Die unterschiedlichen Interessenslagen unter einen Hut zu bringen, stellt wohl eine heraklische Kraftanstrengung dar. So ist es beispielsweise einerseits erklärtes Ziel, die Absolventenquote von derzeit nur 75 Prozent zu erhöhen. Andererseits ächzen die Universitäten unter der steigenden Zahl neuer Studienanfänger. Mit dem Wegfall der Studiengebühren ist ihre Zahl im heurigen Sommersemester um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Die österreichischen Rektoren fordern deshalb unisono die Möglichkeit, Zulassungsbeschränkungen umzusetzen, wie es sie für einige Studien bereits gibt. Das Ministerium will sich in diesem Punkt allerdings nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. „Dann bleibt leider nur die Alternative, die Studierenden knallhart rauszuprüfen“, kommentiert ein Rektor lapidar.

Wie viel zählt der Bachelor?

Ein weiteres Anliegen ist es, die Attraktivität des Bachelor-Abschlusses zu erhöhen. Hahn wünscht, dass frisch gebackene Bachelors nicht gleich ein Masterstudium anschließen, sondern zuvor in die Wirtschaft gehen. Doch noch lässt sich nicht abschätzen, wie Unternehmen auf die Titelträger ansprechen. Unklarheit besteht auch hinsichtlich der relativen beruflichen Qualifikation von Uni- und FH-Bachelors. Kritiker des Bolognaprozesses werfen der dreijährigen Ausbildung außerdem eine „Verschulung“ vor.

Die dichten, streng reglementierten Studienpläne böten den Studierenden für erste Kontakte mit Forschung und Wissenschaft keine Zeit. Tatsächlich wird sich anhand der Umsetzung des Bolognaprozesses zeigen, welche Funktionen den Universitäten künftig zugedacht sind. Mehr noch als anhand der Fragen nach Zugangsbeschränkungen, nach Basisfinanzierung oder nach der Kompetenzverteilung zwischen Rektorat, Senat und Unirat. Die inhärente Spannung der Gretchenfrage, ob Universitäten Bildungs- oder Ausbildungsstätten sein sollen, wird durch die Bolognabestimmungen nicht gelöst, sondern erst aufgeworfen.

Damit eng verbunden ist auch die traditionelle Einheit von Forschung und Lehre. Eine in Alpbach viel gehörte Befürchtung war, dass sie der geplanten Reform zum Opfer fallen könnte. Gerüchteweise will die öffentliche Hand künftig nur mehr die Bachelorausbildung finanzieren. Die Mittel für Master- und PhD-Programme müssten die Universitäten dann selbst über den Weg des Wettbewerbs um Fördermittel aufstellen. Diese sind darüber freilich „not amused“. Es ist fraglich, ob eine so heterogene Materie wie das Hochschulwesen jemals zur allgemeinen Zufriedenheit in den Griff zu bekommen ist. Vielleicht werden Universitäten eine schleichende Wandlung in Fachhochschulen durchlaufen, wie der Philosoph Rudolf Burger prognostiziert. Vielleicht wird Spitzenforschung künftig vorwiegend an außeruniversitären Einrichtungen stattfinden. Eine These, die Bernd Marin vom European Centre for Social Welfare Policy and Research vertritt. Möglicherweise bewahrheitet sich aber auch die Vermutung von Karin Gutierrez-Lobos. Die Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien glaubt, dass es den Hochschulplan gar nicht geben wird.

Neues Selbstbewusstsein

Natürlich war auch in Alpbach wieder viel zu hören von „Exzellenz“, „Elite“ und „Qualität“. Doch hinter diesen Schlagworten stehen keine bildungsreformatorischen Visionen. Vielmehr der unverhohlene Leistungsgedanke moderner Technologiegesellschaften (oder solcher, die das gerne wären). Statements wie das eingangs zitierte zeugen von einem neuen Selbstbewusstsein der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Hier werden Akademikerinnen und Akademiker als Leistungsbringer im Dienste der Volkswirtschaft definiert. Dieser Anspruch trägt Züge der Philanthropischen Pädagogik des späten 18. Jahrhunderts. Jener Strömung also, die der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt vorfand und der er sein humanistisches Bildungsideal entgegensetzte. Es ist deshalb nur ein suggestives Verbalschnörksel, wenn Hahn als leitenden Gedanken des Hochschulplans formuliert: „Wir müssen mit Humboldt brechen, um Humboldt neu zu definieren.“

Ungewissheit für die Universitäten

Dem ist nüchtern zu entgegnen, dass Humboldt im doppelten Sinn tot ist. Zum einen starb er 1835. Zum anderen vor zehn Jahren mit dem Start des Bologna-Prozesses. Ob darin Grund zur Sorge liegt, sei dahingestellt. Der deutsche Gelehrte redete einem Neuhumanismus das Wort, der in der globalisierten Welt von heute eher rührig denn hilfreich wirkt. Rückwärtsgewandtheit ist selten die richtige Antwort auf Entwicklungen, die rasant nach vorne führen. Altgriechisch und Latein sind bestimmt nicht die Kandidaten für eine neue Weltsprache neben Englisch, Chinesisch oder Mathematik. Wie immer die Universität der Zukunft auch aussehen wird, sie wird kein romantisches Bild bieten.