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Die Einsparungen haben dramatische Folgen ...

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Die österreichischen Universitäten müssen heuer drastische Budgetkürzungen hinnehmen. Georg Winckler, Rektor der Uni Wien und Vorsitzender der Rektorenkonferenz befürchtet, daß die heimische Forschung dadurch im internationalen Vergleich noch weiter zurückfällt.

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Die österreichischen Universitäten müssen heuer drastische Budgetkürzungen hinnehmen. Georg Winckler, Rektor der Uni Wien und Vorsitzender der Rektorenkonferenz befürchtet, daß die heimische Forschung dadurch im internationalen Vergleich noch weiter zurückfällt.

Die Furche: Sie haben bei Ihrer Antrittsrede davon gesprochen, die Universität Wien "autonomer, leistungsbereiter und innovativer" machen zu wollen. Dazu seien gute Konzepte notwendig. Welche?

Georg Winckler: Mir geht es darum, die Universitäten handlungsfähiger zu machen. Derzeit sind die Universitäten eigentlich nachgeordnete Dienststellen des Bundes. Ebenso wichtig ist es, den Universitäten eine längerfristige wirtschaftliche Planung, über vier, fünf Jahre, zu ermöglichen. Das ist derzeit durch das jährliche Budget nicht gegeben. Budgetmittel, die nicht verbraucht werden, verfallen mit Jahresende. Weiters müssen Dienstleistungen, die wir derzeit erbringen, evaluiert werden. Wir müssen uns etwa fragen, welche Lehre bedarfsgerecht ist. Wie gut ist unsere Lehre? Das gleiche gilt für die Forschung. Sind die Forschungsleistungen, die wir erbringen, von gesellschaftlicher Bedeutung?

Die Furche: Heißt das etwa, daß Sie die Studienpläne durchleuchten wollen?

Winckler: Die Studienpläne sind überfrachtet, die Studienzeiten zu lang. Hier müssen wir sehr genau prüfen, welche Lehrveranstaltungen für das Studium notwendig sind.

Die Furche: Auch die Universitäten müssen jetzt sparen. Sie bekommen im heurigen Jahr um eine Milliarde Schilling weniger. Welche Auswirkungen hat das?

Winckler: Die gute Nachricht ist, daß wir im Personalbereich im wesentlichen eins zu eins nachbesetzen können. Wir sind nicht vom Einstellungsstop betroffen.

Die Furche: Und was ist die schlechte?

Winckler: Der Bund beabsichtigt im Universitätsbereich bei den Sachaufwendungen eine Milliarde Schilling zu sparen. Ein Teil der Kürzung soll bei den laufenden Betriebsaufwendungen vorgenommen werden, etwa für Mieten, Energie, Reinigung bis hin zu Reisekostenunterstützungen. Das ist zwar nur schwer realisierbar, aber noch hinnehmbar. Was uns allerdings große Sorgen macht, sind Einsparungen im Bereich der Investitionen. Wir müssen auf mehr als 50 Prozent - über eine halbe Milliarde Schilling - der uns zur Verfügung gestellten Mittel verzichten. Es scheint derzeit sogar so zu sein, daß wir vielleicht bis zu 800 Millionen einsparen müssen. Wir werden die genauen Zahlen in den nächsten Wochen kennenlernen. Das wird dramatische Folgen haben. Dann fallen wir in der Forschung natürlich zurück.

Die Furche: Wird das die Österreichischen Unis also im internationalem Vergleich noch weiter zurückwerfen?

Winckler: Ja. Die österreichischen Universitäten waren bereits in den 80er Jahren nicht gut ausgestattet. Unter der Ministerschaft von Erhard Busek kam es dann zu einer verstärkten Investitionstätigkeit. Diese hat in der ersten Hälfte der 90er Jahre dazu geführt, daß die österreichischen Universitäten ihren Platz in der internationalen Forschung gut behaupten konnten. Im medizinischen Bereich konnten sie ihre Stellung sogar ausbauen. Das wird jetzt nicht möglich sein, wenn wir diese Kürzungen hinnehmen müssen. Wenn wir nicht über eine moderne Geräteausstattung verfügen, dann werden wir uns im europäischen Forschungsraum nicht entsprechend positionieren können. Ein zweiter Aspekt ist, daß wir mit einer schlechten Geräteausstattung bei der Berufung von guten Wissenschaftern unattraktiv werden. Die besten heimischen Forscher werden ins Ausland gehen. Berufungen sind deshalb so wichtig, weil sie für die Universität die wichtigste langfristige Investition darstellen. Das ist Humankapital, das oft über Jahrzehnte an die Universität gebunden wird. Wenn wir also nicht die entsprechenden Forscherinnen oder Forscher bekommen, dann heißt das, daß wir in der Forschungstätigkeit langfristig negativ betroffen sind.

Der dritte Punkt ist, daß es die Dynamik der Forschung erfordert, Studenten möglichst rasch moderne Geräte zur Verfügung zu stellen. Sonst werden sie nicht entsprechend ausgebildet. Bei der Geräteausstattung kann man höchstens kurzfristig sparen. Wenn dieser Investitionsstopp auch nur mehrere Monate anhält, und das scheint von der Regierung geplant zu sein, dann werden die Universitäten spätestens 2001 ein Katastrophengeschrei erheben.

Die Furche: Auch der Fond zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) muß drastische Kürzungen hinnehmen.

Winckler: Der FWF muß Kürzungen in der Höhe von 200 Millionen Schilling hinnehmen. Man kann also sagen, daß die Universitäten heuer in ihrer Grundlagenforschung doppelt getroffen werden: einerseits über die bereits erwähnte Kürzung der Investitionen, die zu 50 Prozent forschungsrelevant sind, andererseits über die Mittelkürzung des FWF's. Es wird von der Regierung behauptet, daß im Gegenzug die Mittel für die industriebezogene Forschung (FFF) erhöht worden wären. Nach meinen Informationen stimmt das aber so nicht. In den letzten Jahren zwang man den FFF, seine Reserven für die Förderung der industriebezogenen Forschung aufzubrauchen. Die zusätzlichen Mittel für den FFF in diesem Jahr werden, nachdem die Reserven verbraucht sind, dem FFF nur erlauben, seine bisherige Förderungstätigkeit auf mehr oder weniger gleichem Niveau fortzusetzen, also keineswegs zu steigern. Unter dem Strich wird die Forschungsförderung des Bundes also gekürzt. Das steht im diametralen Gegensatz zu den forschungspolitischen Erklärungen der Bundesregierung.

Die Furche: Im Rahmen der Vollrechtsfähigkeit könnten Universitäten für spezielle Angebote künftig Geld verlangen, meinte Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer. Denken Sie über Studiengebühren nach?

Winckler: Diese Verknüpfung der beiden Fragen, Vollrechtsfähigkeit und Studiengebühren, geht tatsächlich auf eine Aussage der Ministerin zurück. Diese Aussage wird nun von den Studierenden, die gegen die Einführung von Studiengebühren sind, dazu verwendet, gegen die Vollrechtsfähigkeit der Universitäten Stellung zu beziehen. Es ist aber festzuhalten, daß das zwei völlig verschiedene Fragen sind und deren Vermengung zu vermeiden ist. Man kann vollrechtsfähige Universitäten schaffen, ohne Studiengebühren einzuführen, und umgekehrt. Die Aussage, vollrechtsfähige Universitäten könnten beschließen, Studiengebühren einzuheben, ist ein Versuch der Politik, die Verantwortung in der Frage, ob es Studiengebühren geben soll oder nicht, auf die Universitäten abzuschieben. Aus meiner Sicht ist das aber eine wichtige hochschulpolitische Frage. Sie sollte daher von den Politikern beantwortet werden.

Die Furche: Wie denken Sie persönlich über Studiengebühren?

Winckler: Aus der Sicht der Universitäten ist die Frage der Studiengebühren nicht vordringlich. Eine Verbreiterung der Finanzierungsbasis der Universitäten kann nachhaltiger über eine Stärkung der Drittmittelfähigkeit erreicht werden. Über Studiengebühren Engpässe im Studienangebot zu beseitigen ist auch nicht sinnvoll. Was wir in dieser Hinsicht brauchen, sind leistungsorientierte Studieneingangsphasen, etwa in Fächern wie Medizin oder Psychologie. Ein Numerus Clausus ist abzulehnen. Eine zweisemestrige Einführung würde es ermöglichen herauszufinden, wer für das Studium befähigt ist. So könnten auch Kapazitätsprobleme der Universitäten besser gelöst werden.

Die Furche: Welche Auswirkungen hat ihrer Einschätzung nach die neue Koalition für heimische Wissenschafter. Werden österreichische Forscher und Studenten im Ausland isoliert?

Winckler: Ich war einer der ersten, die darauf hinwiesen, daß die Regierungsbeteiligung der FPÖ negative Reaktionen im internationalen Wissenschaftsbereich auslösen würden. Um nur einige Beispiele zu nennen: der französische Erziehungsminister erklärte öffentlich, daß sämtliche wissenschaftlichen Beziehungen mit Österreich einzufrieren wären. Die wallonische Rektorenkonferenz forderte mich auf, Widerstand gegen die Regierung zu leisten. Dies erwarte man von den österreichischen Universitäten. Gleichzeitig wissen wir, daß Absagen im Bereich Gastprofessuren, Kongresse und Austausch von Studierenden erfolgten, insbesondere aus dem französischsprachigen Raum. Allerdings kann man nach zwei Monaten sagen, daß es gelungen ist, den Schaden begrenzt zu halten. Dies gelang deswegen, da sich die Universitäten als autonome Institutionen darstellen konnten, die bestimmten Werten, wie Internationalität, Toleranz und Offenheit, verpflichtet sind. Die Universitäten verstehen sich in dieser Hinsicht als autonom, allerdings müssen sie zugestehen, daß sie dies im juristischen und auch ökonomischen Sinn eigentlich nicht sind. Deswegen plädiere ich für die Vollrechtsfähigkeit der Universitäten.

Das Gespräch führte Monika Kunit.

ZUR PERSON Der "Macher" an der Spitze Ende 1998 wurde Universitätsprofessor Georg Winckler (56) zum Rektor der Universität Wien gewählt. Dieses Amt trat er Anfang Jänner 2000 an. Gleichzeitig wurde er zum neuen Vorsitzenden der Österreichischen Rektorenkonferenz gekürt. Der Wirtschaftswissenschafter und Vater von zwei Kindern gilt als "Macher".

Vor rund 30 Jahren hat er seine Karriere an der größten Hochschule des Landes begonnen und daneben als Gastprofessor Erfahrungen an zahlreichen anderen Universitäten gesammelt. Seine aktuellen fachlichen Schwerpunkte sind die monetäre Ökonomie, die europäische Währungsintegration sowie Makroökonomie.

Von 1980 bis 1982 war Winckler Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik, von 1981 bis 1999 Auslandsreferent der Uni Wien und von 1994 bis 1999 Direktor des Zentrums für Internationale und Interdisziplinäre Studien der Uni Wien.

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