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"Wir lassen wenige junge Leute in die Unis und noch weniger raus"

Über den Sinn von Uni-Rankings lässt sich streiten. Wenn aber gleich drei Rankings den heimischen Unis ein schlechtes Zeugnis ausstellen, muss das nachdenklich stimmen.

In den vergangenen Monaten wurden die österreichischen Universitäten gleich mehrfach bewertet: Doch ob Schanghai-Ranking, Times-Ranking oder die Studie des Lisbon Council - die heimischen Hochschulen belegten im internationalen Vergleich stets die hinteren Plätze. DIE FURCHE fragte Hans Pechar, Hochschulforscher von der Universität Klagenfurt, nach den Gründen.

Die Furche: Herr Professor Pechar, nach welchen Kriterien die heimischen Unis auch benotet werden, sie rangieren - nett formuliert - höchstens im Mittelfeld. Gibt es dafür vielleicht eine ganz einfache Begründung, etwa: mangelndes Geld?

Hans Pechar: Es liegt sicher auch am Geld. Aber lassen Sie mich ein paar Worte zu den Rankings sagen: Das Schanghai-Ranking berücksichtigt Nobelpreisträger stark. Dabei wirkt es sich negativ für die Universität Wien aus, dass die Medizinische Universität vor einigen Jahren ausgegliedert wurde. Beim Times-Ranking ist es so, dass dem Verhältnis zwischen Anzahl Studenten und Professoren viel Gewicht gegeben wird. Und da gibt es unter den ersten zweihundert Unis keine Uni, die so katastrophal abschneidet wie die Uni Wien, wobei das nur Durchschnittszahlen sind. Die Uni Wien zeichnet sich ja dadurch aus - wie überhaupt das gesamte heimische Hochschulsystem -, dass es einzelne Bereiche gibt, wo man gerne mehr Studenten hätte; und dann gibt es diese völlig katastrophalen Notstandsgebiete: die Massenfächer. Kürzlich wurde nun die Quotenregelung für die Fächer "Tiermedizin" und "Psychologie" wieder abgeschafft. Man kann sich vorstellen, was das für die Qualität dieser Studien bedeutet.

Die Furche: Und wie interpretieren Sie das Resultat der Studie des Lisbon Council, in der Österreich Platz 16 von 17 erreichte?

Pechar: Bei dieser Studie wurde nicht die wissenschaftliche Exzellenz gemessen. Stattdessen wurde untersucht, welchen Anteil einer Altersgruppe die Hochschulen ausbilden können, so dass die Arbeitsmärkte darauf positiv reagieren. Wir schneiden hier schlecht ab, weil wir vergleichsweise wenig junge Leute in die Unis reinlassen und noch weniger rauskommen. Dabei bringen Akademiker gute Erträge.

Die Furche: Seit langem wird argumentiert: Wir brauchen mehr Akademiker. Aber gibt es dafür auch gute Gründe?

Pechar: Aus meiner Sicht schon. Bis in die 1990er Jahre war unser Land ein "Technology Follower". Das heißt: Wir haben Innovationen vor allem kopiert und sind damit gut gefahren. Doch jetzt sollten wir umstellen. Das sagen auch Österreichs Wirtschaftsforscher. Wenn wir an die Technologiespitze aufschließen wollen, braucht es aber einen höheren Anteil mit tertiärer Bildung. Das zeigen auch die nordischen Länder und die USA.

Die Furche: Doch wie hoch ist der "Return of Investment", wie die Wirtschaftsleute sagen, wirklich? Gibt es da Zahlen?

Pechar: Es existiert natürlich keine einfache Formel. Es genügt auch nicht, lediglich Geld in das System hineinzupumpen. Man muss damit auch vernünftige Dinge machen. Die heimischen Unis haben mit dem Universitätsgesetz von 2002 jedenfalls einen richtigen Weg eingeschlagen, auch wenn es einige Schwachpunkte gibt.

Die Furche: Die wären?

Pechar: Der Weg in die institutionelle Autonomie ist der richtige. Die Art und Weise der Budgetverteilung hingegen ist ein Problem: Nach wie vor haben wir keine Studienplatzfinanzierung - was übrigens auch die Rektoren schon seit Jahren fordern. Das ist ein großer Mangel.

Die Furche: Die Fachhochschulen bekommen pro Studienplatz eine bestimmte Summe, warum geht das bei den Unis nicht?

Pechar: Dafür müssten heilige Kühe geschlachtet werden. Konkret ist der offene Hochschulzugang damit unvereinbar. Man würde sich nämlich eine bestimmte Anzahl von Plätzen ausmachen, die dann finanziert würden. Aber die Politiker sagen derzeit: Die Universitäten müssen für alle offen sein. Gleichzeitig übernehmen sie aber dafür keine budgetäre Verantwortung.

Die Furche: Würde eine Studienplatzfinanzierung nicht auch viel höhere Kosten verursachen?

Pechar: Sicher ist es so, dass dadurch die Mangelsituation an den Universitäten offen zutage treten würde. Damit würde sich deutlich zeigen, wie sehr einzelne Bereiche unterfinanziert sind.

Die Furche: Was meinen Sie: Wie wird sich die Situation der Unis unter der neuen Regierung entwickeln?

Pechar: Schlecht, schlecht. Fast alles, was für die Universitäten günstig ist, steht im neuen Regierungsprogramm unter Budgetvorbehalt.

Die Furche: Und in Zeiten einer Wirtschaftskrise könnten deshalb noch weniger Gelder an die Unis fließen. Sollte man denn gerade jetzt in Bildung investieren?

Pechar: Es macht Sinn, in Bildung und Forschung zu investieren. Aber das sind langfristige Investitionen, die nicht unmittelbar mehr Jobs schaffen. Und natürlich soll eine Regierung steigenden Arbeitslosenzahlen entgegensteuern. Ich will die Regierung damit aber nicht in Schutz nehmen. Langfristige Investitionen sind sehr sinnvoll, wenn auch extrem schwierig jetzt zu tätigen. Es ist auch keine Entschuldigung dafür, Dinge, die unmittelbar notwendig sind, wieder zurückzustellen - etwa den Kollektivvertrag für Universitätsbedienstete.

Die Furche: Warum erwähnen Sie gerade den Kollektivvertrag?

Pechar: Der Kollektivvertrag spielt eine Schlüsselrolle, weil er für die Attraktivität akademischer Karrieren von zentraler Bedeutung ist. Wenn man zum derzeitigen wissenschaftlichen Nachwuchs gehört, muss man es sich gut überlegen, ob man die jetzige Situation wirklich auf sich nehmen will. Jene, die sehr gut sind, tun gut daran, abzuwandern. Und das tun diese jungen, intelligenten Köpfe auch zuhauf. Das kann aber nicht das Ziel sein: Zuzuschauen, wie der akademische Nachwuchs ins Ausland zieht, weil er frustriert ist.

Die Furche: Der Kollektivvertrag würde eine gewisse finanzielle Sicherheit bringen. Aber fehlt dann nicht immer noch ein weitsichtigeres Laufbahnmodell für Jungwissenschafter?

Pechar: Sie haben Recht. Die auf wenige Jahre befristeten Stellen bieten eine große Unsicherheit. So etwas wie den amerikanischen "Tenure Track", der vom Assistant Professor zum Full Professor führt, kennt das jetzige System nicht. Doch für eine solche nachhaltigere Karriereplanung müsste man auch die bestehenden Gesetze ändern. Die Umsetzung des Kollektivvertrags sehe ich da als einen wichtigen ersten Schritt, um diesen Prozess überhaupt in Bewegung zu setzen.

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