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Der steinige Weg in die Wissenschaft

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Wissenschaftliche Karrieren sind heute viel schwieriger und unberechenbarer geworden. Ein "Science Talk" in Wien beleuchtete die neuen Risiken und Potenziale, die junge Forscher und Studierende beachten sollten.

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Wissenschaftliche Karrieren sind heute viel schwieriger und unberechenbarer geworden. Ein "Science Talk" in Wien beleuchtete die neuen Risiken und Potenziale, die junge Forscher und Studierende beachten sollten.

Kann man einem jungen Menschen mit Forscherdrang heute noch guten Gewissens eine wissenschaftliche Karriere anraten? Diese Frage stellte Moderator Andreas Jäger kürzlich beim "Science Talk" (20.2.), einer Diskussionsreihe des Wissenschaftsministeriums in Wien, in die Runde. "Man muss wissen, dass Wissenschaft ein hochgradig selektives System ist, wo nicht allein die Qualität zählt. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein; auch Glück und Zufall spielen heute hinein", bemerkte Ulrike Felt, Wissenschafts- und Technikforscherin an der Uni Wien und Leiterin der Forschungsplattform "Responsible Research and Innovation in Academic Practice". Sich für die Wissenschaft zu entscheiden, sei wie ein Risikoinvestment: Es bedeutet, sich fortlaufenden Selektionsprinzipien zu stellen.

Zwar finden sich mittlerweile sehr viel mehr Möglichkeiten frühzeitiger Förderung von Uni-Karrieren. "Die Option eines vollfinanzierten Doktorats etwa hat es zu meiner Studienzeit noch nicht gegeben", bemerkte Felt, die nach ihrer Promotion in theoretischer Physik fünf Jahre lang am Kernforschungszentrum CERN tätig war.

Aber es gibt heute auch befristete Verträge und keinerlei Garantie auf stabile Karrierewege: "Man kann das heutige System in seiner ganzen Ambivalenz als großen Möglichkeitsraum sehen - oder umgekehrt auch als zynischen Apparat, wo junge billige Arbeitskräfte eine Zeit lang der Wissenschaft dienen und bei Bedarf ausgetauscht werden können", so Felt, die durch ihre Arbeit Einblick in die schwierige akademische Jobsituation hat. "Viele junge Wissenschaftler haben bereits schöne Karrieren aufzuweisen, und trotzdem erhält nur ein Bruchteil davon die Chance, langfristig in der Forschung zu bleiben."

Frühzeitige Praktika

Individuelle Spielräume wurden eingedampft, auch die Anträge auf wissenschaftliche Förderung bei Drittmittelprojekten sind hochgradig formalisiert. Der Typus des genialen, aber "verrückten" Wissenschaftlers hat es heute viel schwerer als früher, so die Experten beim "Science Talk"."Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Studien nehmen ein relativ kleineres Risiko auf sich", konstatierte Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin am Institut für Sinologie der Universität Wien. "Der Druck, nach dem Doktorat in der Wissenschaft zu bleiben, ist geringer, denn es gibt für sie in der Wirtschaft eher andere Möglichkeiten." Geisteswissenschaftler hingegen seien stärker auf eine akademische Karriere festgelegt und kämen bei nichtakademischen Jobs auch rascher an den Punkt, wo ein künftiger Arbeitgeber aufgrund von "Überqualifizierung" absagen könnte.

Ein Studium in Österreich zahlt sich jedenfalls aus, ist Clemens Heitzinger überzeugt: "Wir haben eine große Auswahl an Studien mit einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis, und die soziale Durchlässigkeit ist in hohem Ausmaß gegeben." Der gebürtige Linzer war nach seinem Doktorat in technischer Mathematik an der TU Wien unter anderem in Japan, an amerikanischen Universitäten und an der Uni Cambridge in Großbritannien tätig. Finanziert durch einen 1,2 Millionen Euro schweren START-Preis konnte er nun an der TU Wien eine Forschungsgruppe aufbauen, die an den mathematischen Fundamenten der Nanotechnologie forscht. Dass Sommerpraktika an Universitäten sinnvoll sein können und bereits Schüler in die Forschung hineinschnuppern sollten, riet Gregor Weihs, Vorstand des Instituts für Experimentelle Physik an der Universität Innsbruck und Vizepräsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). "Von manchen Praktikanten haben auch wir als Wissenschaftler profitiert."

Intrinsische Motivation

Und was empfehlen die Professoren, wenn sich ein Studienanfänger noch unsicher bezüglich seiner Studienwahl ist? "Ich würde vorschlagen, sich ein Jahr Zeit zu nehmen, um sich verschiedene Fächer anzusehen", rät Ulrike Felt zum "mutigen Selbstexperiment". Die heimischen Unis bieten viele Möglichkeiten, auch im Bereich des fächerübergreifenden Arbeitens, so die Wissenschaftsforscherin: "Wir sagen den jungen Menschen sehr früh, dass alles total schwierig ist und einer strengen Planung bedarf. Aber man sollte ihnen auch vermitteln, den ureigenen Interessen nachzugehen. Das Batchelor-Studium wäre hier eine bislang wenig beachtete Chance."

Ähnlich plädiert auch Susanne Weigelin-Schwiedrzik für eine intrinsische, also von innen kommende Motivation: "Bei meinen drei Kindern habe ich mich nie in ihre Fächerwahl eingemischt, was sie wohl selbst erstaunt hat. Ich habe ihnen nur gesagt: Erfolg beruht letztlich darauf, etwas zu finden, was uns ganz tief, auf einer existenziellen Ebene berührt." Junge Menschen seien auf der Suche danach, die Welt zu verstehen, und es gehe darum, dass sie über das Studium einen persönlichen Zugang dazu finden. "Pro Jahr betreue ich circa 120 Anfänger in der Sinologie. Nach einiger Zeit komme ich zu dem Schluss, dass sich 20 davon wirklich für das Fach interessieren. Der Rest hat vonseiten des Umfelds gesagt bekommen, dass es heute ganz gut wäre, Chinesisch zu lernen. Das aber führt dazu, dass sie oft nicht erfolgreich sind."

Der zweite Teil des "Science Talk"-Abends war den "Wissenschaftsbüchern des Jahres 2017" gewidmet: Die Autoren der vier Bücher wurden von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) ausgezeichnet. Die Wahl war durch einen mehrstufigen Prozess erfolgt, wobei eine Jury in vier Kategorien jeweils fünf Bücher ausgewählt hat. Die vier Gewinner wurden dann durch eine Publikumswahl ermittelt (siehe unten). Abgestimmt wurde im Internet sowie in Buchhandlungen und Büchereien. Das "Voting" ist gewachsen: Mit insgesamt 12.500 Stimmen waren es heuer um rund 4000 mehr als im Vorjahr.

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