Die Leiden des Sisyphos im Elfenbeinturm

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Wie sinnvoll ist es, die Stufenleiter der universitären Abschlüsse bis zum Doktorat oder gar bis zur Habilitation hinaufzuklettern? Zahlreiche akademisch Höchstgebildete leben heute in prekären Umständen: Eindrücke von der Schattenseite der Bildungsgesellschaft.

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Wie sinnvoll ist es, die Stufenleiter der universitären Abschlüsse bis zum Doktorat oder gar bis zur Habilitation hinaufzuklettern? Zahlreiche akademisch Höchstgebildete leben heute in prekären Umständen: Eindrücke von der Schattenseite der Bildungsgesellschaft.

Wenn Martin Ross jährlich im Oktober aus den Sommerferien zur Kunst-Universität Linz zurückkehrt, ist er voller Vorfreude. Er freut sich auf die Studierenden und das Unterrichten in seinem Fach - eigentlich ein Berufsalltag, wie man ihn sich nur wünschen kann. "Ich liebe es, zu unterrichten", sagt der Universitätslektor beherzt. Die Jobs in seinem Metier sind allerdings oft prekär. "Working Poor": Dieser Ausdruck trifft die Lebenssituation des 52-Jährigen. Er arbeitet viel - und lebt dennoch am Existenzminimum. In seinem Studium widmete er sich der Philosophie. "Ich war im alten Studienplan, habe gleich mit dem Doktor abgeschlossen. Mein Traum war es immer, Lektor bei einem Verlag zu werden. Ich bin in die Wissenschaft 'hineingerutscht', und seither voller Begeisterung dafür", sagt er mit ruhiger, nachdrücklicher Stimme.

Ross scheiterte an der Bewerbung auf eine Assistenzstelle. Ein Professor war dennoch neugierig auf seine Arbeit und lud ihn zu einem Gastvortrag ein. Im Folgesemester trat er die befristete Stelle an. Seitdem bemüht sich Ross laufend um Forschungsstipendien - vergeblich. Bereits seit 23 Jahren ist er an verschiedenen Universitäten tätig, und hantelt sich in befristeten Dienstverhältnissen von einem Vertrag zum nächsten. Nach festen Anstellungen, zum Beispiel als Professor oder "Senior Lecturer", hält er ebenso laufend Ausschau.

Wegweiser ins Prekariat

Mit einer entschlossenen Geste zückt er seinen Gehaltszettel. "Nur zur Demonstration: Ich verdiene 600 Euro im Monat für vier Semesterstunden Lehre. Wenn ich die Vor-und Nachbereitung mit einberechne, komme ich auf einen Stundenlohn von neun Euro." Sein Gehalt bessert er mit sporadischen Aufträgen aus der Werbebranche auf. Einen Urlaub zu machen, stellt für ihn ein Ding der Unmöglichkeit dar. "Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es mir ginge, wenn meine Miete nicht so niedrig wäre." Für viele Akademiker mit Doktortitel oder Habilitation ist der Arbeitsmarkt auch außerhalb der Wissenschaft angespannt. "Die Wirtschaft will billige Arbeitskräfte", sagt Ross. "Ich konkurriere oft mit frisch gebackenen Master-Absolventen. Die machen den gleichen Job für viel weniger Geld und sind dadurch attraktiver."

Karrierepläne in der Wissenschaft sieht auch Rudolf Langthaler problematisch. Er ist Professor am Institut für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. "Manche Studienrichtungen werben mitunter um Studierende, besonders um eher unbedarfte Studienanfänger, mit rosig gezeichneten Berufsaussichten, die jedoch nicht selten völlig unrealistisch und manchmal wohl auch bewusst irreführend sind. Das erinnert ein wenig an Werbestrategien von Drogeriemärkten, die ihre dauerhaften Schönheitsund Wellnessangebote anpreisen", sagt Langthaler. "Nicht selten erweist sich aber die Ermutigung zu höheren universitären Qualifikationen wie Doktorat oder sogar Habilitation de facto als direkter Wegweiser in prekäre Verhältnisse."

Auch Karin Bindu wurde nach ihrem Diplom zum Doktorat ermutigt. "Die Universität und die Studienprogrammleitung haben mir falsche Hoffnungen gemacht", sagt sie heute. "Ich studierte Kultur- und Sozialanthropologie. Das war zu der Zeit, als das Internet und die Internationalisierung zu boomen begannen. Alle am Institut gingen davon aus, dass man dann interkulturell gewappnete Leute braucht." Als sie mit dem Diplomstudium fertig war, waren ihre Jobaussichten schlichtweg miserabel. Über ein Jahr dauerte die Arbeitssuche; dann entschloss sie sich für das Doktorat. Die akademische Weiterbildung aber habe sie nur vom Arbeitsmarkt entfernt, wie sie rückblickend eingesteht. Wieder suchte sie verzweifelt nach einem Job, diesmal mit dem brandneuen Doktortitel in der Tasche. Manche Stellenangebote hätten schon auf ihr Profil gepasst -die Bezahlung aber war alles andere als angemessen. Auch das Arbeitsmarktservice (AMS) hat ihr Jobs vorgeschlagen. Einmal stellte sie sich bei einem Bewerbungsgespräch sogar in einer Supermarktkette vor. Die Feinkost sollte sie betreuen. "Die haben mich aufgrund meiner Qualifikation natürlich abgelehnt."

Beinharter Konkurrenzkampf

Auch als Universitätslektorin versuchte sich die heute 48-Jährige. Ihre Lehrveranstaltung lief nur ein Semester lang, die Universität verlängerte ihren Lehrauftrag nicht. Jetzt zehrt sie von der Notstandshilfe und arbeitet in diversen Nebenjobs. Als alleinerziehende Mutter trägt sie die Verantwortung für zwei Kinder im Teenager-Alter. Ob der vielen befristeten Verträge wirkt sie müde, enttäuscht. "Ich sehne mich nach einer unbefristeten Teilzeitstelle, die einen geregelten Alltag zulässt. Müsste ich nur für mich selbst sorgen, wäre mir die unsichere Zukunft egal", sagt Bindu. "Ich denke aber immer an die Verantwortung gegenüber meinen Kindern."

Mit Martin Ross hat sie eines gemein: Beide geben nicht auf, sich um Forschungsstipendien und Professuren zu bewerben. Unzählige Bewerbungen auf unzählige Stellenangebote haben sie verschickt. Aber unzählige Konkurrenten ringen um die heiß begehrten Verträge. Die Bilanz: "Wissenschaftlicher Eros" allein ist offensichtlich nicht genug.

"Ich sitze manchmal in Berufungskommissionen, in denen einem über Jahre hinweg unter den Bewerbungen immer wieder dieselben Namen begegnen", berichtet Professor Langthaler. "Von denen erfährt man manchmal nebenbei, wie sie 'dahinwursteln' und mitunter eben auch schon in die Jahre gekommen versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Nicht selten jedoch scheitern solche hochqualifizierten Wissenschaftler und landen in prekären Lebensverhältnissen, was vermutlich in den Geistes-und Kulturwissenschaften besonders oft der Fall ist."

Zweite und dritte Standbeine

Bei sechs Semesterstunden bleiben einem Dozenten rund 1200 Euro im Monat zum Leben. Viel Luxus ist da nicht drin. Für Bestausgebildete gewissermaßen ein Affront, würde man meinen. So weit komme es aber ohnehin kaum, es gebe nicht genug Lehraufträge, weiß der 48-jährige Markus Inntaler (Name auf Wunsch geändert):"Ich kenne niemanden, der es auf sechs Stunden bringt." 2003 hat er mit Auszeichnung an der Universität Wien promoviert. "Ich wollte mein Fach weiter verfolgen. Die Aussicht auf ein vernünftiges Anstellungsverhältnis in der Wissenschaft gab es aber nicht."

Neben dem Anthropologie-Studium baute er sich ein zweites und sogar drittes Standbein auf. Er liebt die Abwechslung, wie er sagt. Heute verdient er sein Geld zur Hälfte bei einem Informatik-Dienst; zu je einem Viertel arbeitet er im Verlagswesen und an der Uni. "Ich habe mich immer für meine Forschung begeistern können. Der wissenschaftliche Job macht mir Spaß, aber nur weil ich nicht vollständig davon abhängig bin", erzählt der Anthropologe. "Meinen Studierenden rate ich auch, dass sie sich ein zweites Standbein aufbauen. Das Einkommen nur aus der Wissenschaft zu beziehen, wäre auf Dauer wohl nicht befriedigend."

Von prekären Verhältnissen gebeutelte Forscher und Lehrende am Existenzminimum: Solche Szenarien passen so gar nicht zu den viel beschworenen Visionen der Bildungsgesellschaft. Eine akademische Laufbahn verspricht heute nicht mehr ganz so viel wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Heutige Studierende aber wissen selten um diese Situation und neigen mit ihren Karriereplänen oft zu einem romantischen Trugbild. Kann es denn ein Fehler sein, "in der Wissenschaft zu bleiben" - man kann doch schließlich nie zu gebildet sein? Was es jedoch bedeuten kann, sich voll und ganz einer universitären Karriere zu widmen, geht aus so manchen Akademiker-Geschichten hervor. Eines jedenfalls verbindet sie alle: die Leidenschaft zum Fach. Sofern die Universität seinen Vertrag verlängert hat, ist etwa Martin Ross im Oktober wieder angetreten, um seine Studierenden für die Wissenschaft zu begeistern.

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