Über eine Massenbewegung ohne Masse: Viele Kultur-und Geisteswissenschafter arbeiten an den Unis als freie Lektoren, jonglieren mit mehreren Jobs - und leben dabei nicht selten in prekären Verhältnissen.

Trotz anhaltender Prekarisierungsdebatte findet es kaum Erwähnung: das akademische Proletariat. Dabei leben und arbeiten europaweit immer mehr Akademiker als sogenannte freie (Kultur-und Geistes-)Wissenschafter. Dass das Gros der Gesellschaft kaum von ihnen Notiz nimmt, hat einen einfachen Grund: Akademiker machen von jeher nur einen winzig kleinen Bruchteil der Gesellschaft aus.

Das hat die betroffenen Wissenschafter nicht davon abgehalten das Phänomen zu studieren. Die Ethnologin Herta Nöbauer hat dies beispielhaft für die Universität Wien getan. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sie dazu die Lebensumstände und Lebensläufe von mehreren freien Wissenschaftern nachgezeichnet.

Laut Nöbauer sind die freien Wissenschafter selten gänzlich ohne Job, aber trotzdem von Arbeitslosigkeit latent bedroht und von Geldsorgen geplagt. Die meisten halten ein, manchmal zwei Vorlesungen an der Uni. Und da sich davon allein nicht leben lässt, benötigen sie weitere Einkommensquellen: So arbeiten sie an wissenschaftlichen Projekten mit, kuratieren Ausstellungen, schreiben für Zeitungen et cetera.

Wozu das alles?

Doch worin liegt für diese Wissenschafter die Motivation, eine Diplomarbeit über Jahre hinweg zu betreuen, wenn sie dafür lächerliche hundert Euro kriegen? Weshalb sich für Vorlesungen aufopfern, wenn der Aufwand - angefangen bei der Vorbereitung bis hin zur Prüfungskorrektur - in keinem Verhältnis zum Entgelt steht? "Natürlich ist es Selbstausbeutung. Und ja - wir unterstützen das System der Ausbeutung", gibt Nöbauer zu. Doch dies sei nur eine Seite. Die andere ist: "Wissenschaftlich zu arbeiten und zu unterrichten, ist eine Form von Arbeit mit der ich-und wohl nicht nur ich-mich hundert prozentig identifizieren kann."

Daneben existieren zahlreiche weitere - und je nach Lektor - unterschiedliche Gründe: Viele genießen etwa die völlige Freiheit von institutionellen Zwängen. Eine von Nöbauer interviewte Wissenschafterin drückte dies so aus: "Ich will kommen, ich will unterrichten und ich will wieder gehen." Nicht wenige streben gar keine universitäre Anstellung mehr an, weil sie glauben, dass ihnen das Machtgerangel zuviel Kraft und Energie raubt.

Andere hingegen suchen eine engere Anbindung. Sie schätzen den Zugang zu den symbolischen Ressourcen der Universität - wie etwa den Austausch mit Kollegen und das vorhandene informelle Wissen. Als wichtig erachten einige auch so einfache Dinge wie eine universitäre Email-Adresse oder die Möglichkeit, sich über die Webseite der Universität präsentieren zu können. Wiederum anderen ist ein regelmäßiger Lehrauftrag aus sehr pragmatischen Gründen wichtig: Als freier Lektor wird man von der Universität Wien auch krankenversichert.

Unsichere Zukunft

Viele macht die unsichere Zukunft krankheitsanfällig. Sich als professionelle Patchworker ein Leben aus mehreren oft zeitlich begrenzten Jobs zusammenzuflicken, kann auf Dauer sehr anstrengend sein. Dazu Nöbauer: "Eine Lektorin, die ständig mehrere Jobs und ihre Kindererziehung unter einen Hut bringen musste, litt an chronischen Krankheitssymptomen. Viele andere kennen Phasen der Niedergeschlagenheit."

Zumindest jene, die es bis zur Habilitation schaffen, streben dann meist auch eine fixe Anstellung als Professor an. Dabei ist der Wettbewerb äußerst hart und der Nachwuchs wird immer älter. Jene aus bildungsbürgerlichen Schichten und Männer besitzen immer noch größere Chancen, ist Nöbauer überzeugt. Es sieht so aus, als ob auch die Universität der Zukunft ihre heterogene und hierarchische Personalstruktur beibehalten wird. Selbst wenn einzelne Personen traditionelle Barrieren überwinden. In Nöbauers Fach, der Ethnologie, gelang dies letztes Jahr einer Frau mit einer Professur. Ihr Alter: 53.

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