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Der Streit um den Uni-Zugang

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Uneingeschränktes Recht auf universitäre Bildung oder weitere Auswahlverfahren und neue Studiengebühren? Eine Debatte.

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Uneingeschränktes Recht auf universitäre Bildung oder weitere Auswahlverfahren und neue Studiengebühren? Eine Debatte.

Studienbedingungen, Fächerangebote, Forschungsfinanzierung - das waren nur einige der Themen, die im "Wissenschaftsmonitor", einer Online-Befragung im Auftrag des Wissenschaftsministeriums (BMWFW), erhoben wurden. Erfasst wurde eine Stichprobe von insgesamt mehr als 2000 Personen in Österreich, darunter 400 Studierende. Als die Ergebnisse kürzlich von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) und Politikwissenschafter Peter Filzmaier, dem Studienleiter am Institut für Strategieanalysen, präsentiert wurden, gab es vor allem auf einen Punkt ein teils heftiges Echo: Gemäß Umfrage halten rund 70 Prozent der Österreicher Zugangsregelungen für gerechtfertigt, unter den Studierenden sind es zwei Drittel. "Zugangsregelungen führen zu einer überlegteren Studienwahl, geringeren Drop-Out-Rate und optimalen Nutzung der vorhandenen Ressourcen", so Mitterlehner, der sich für eine Verlängerung der bestehenden Zugangsregelungen für Architektur, Biologie, Informatik, Pharmazie und Wirtschaftswissenschaften sowie eine eventuelle Ausweitung auf weitere "Massenfächer" ausspricht - Stein des Anstoßes für eine wissenschaftspolitische Debatte, die nun in der FURCHE mit den Wissenschaftssprechern dreier Oppositionsparteien fortgeführt wird.

Die Furche: Wie aussagekräftig sind für Sie die Umfrage-Ergebnisse im aktuellen "Wissenschaftsmonitor"?

Sigrid Maurer: Das ist klassische Meinungsforschung. Die Stichprobengröße war okay, und was Peter Filzmaier macht, ist methodisch sicher sauber. Die Frage ist nur, ob man auf Basis solcher Meinungsumfragen überhaupt Politik machen kann. Denn ich könnte dieselbe Umfrage so umschreiben, dass eben das rauskommt, was ich gerne hätte, auch völlig konträre Ergebnisse.

Niki Scherak: Das ist ein ähnliches Prozedere wie bei Volksbefragungen der letzten Zeit. Ich glaube nicht, dass man aus dieser Umfrage etwas ableiten kann.

Rouven Ertlschweiger: Es ist leider ein Problem, dass man solche Instrumentarien populistisch missbraucht, um Stimmung für ein Thema zu machen. Man sollte solche Erhebungen objektivieren und diejenigen befragen, die wirklich in der Materie sind - in diesem Fall die wissenschaftliche "Community".

Die Furche: Ein zentraler Punkt der Umfrage war die Frage der Zugangsregelungen: Wie wichtig erscheint Ihnen dieses Thema? Die ÖVP argumentiert u.a. mit der Verbesserung der Studienbedingungen, der Senkung der Dropout-Rate sowie der besseren Planbarkeit und gezielteren Ressourcenzuteilung.

Maurer: Es gibt immer mehr Personen, die studieren wollen, einen Arbeitsmarkt, der zunehmend auf Akademiker angewiesen ist, unterfinanzierte Unis, und zugleich junge Menschen, die nach der Schule oft keine klare Vorstellung von den Studienrichtungen haben. Ich bin das perfekte Beispiel einer fehlgeleiteten Studienwahl, habe zuerst Musikwissenschaft studiert und bin letztlich bei der Soziologie gelandet. Diese Entscheidung hätte ich als Schulabgängerin, ohne Einblick in das universitäre System, so nicht treffen können. Mein Lösungsansatz für das Phänomen "Massenstudium" wäre daher eine Studieneingangsphase zwecks Orientierung. Ausgehend von einer circa einjährigen Eingangsphase sollte man verschiedene Richtungen wählen können, ohne gezwungen zu sein, sich von Anfang an festzulegen.

Ertlschweiger: Ich bin für einheitliche Zugangsregelungen für alle Studierenden. Das wird wohl auch von den Studierenden zum Teil gewünscht, weil sich dann die Qualität des Studiums verbessern würde. Die Zugangsregelungen müssten mit der Einführung von Studiengebühren einher gehen.

Maurer: Das ist doch die klassische Lüge: Schauen Sie sich die Publizistik an, eines der ersten Fächer mit Zugangsbeschränkungen. Was ist passiert? Publizistik gilt aufgrund der Beschränkungen nun als privilegiertes Studienfach: Die finanziellen Mittel wurden eingefroren, die Zahl der Studierenden und die Studienbedingungen sind die gleichen geblieben. Dieses Qualitätsargument hat sich für kein einziges Studium bewahrheitet.

Scherak: Zugangsregelungen über den Kamm geschert einzuführen wird nicht viel bringen. Der wesentliche Ansatz wäre eine echte Studienplatzfinanzierung. Das heißt in einem ersten Schritt zu erheben, was konkret ein Studienplatz kostet. Dann zu schauen und zu verhandeln, wie viel Budget für Universitäten und Fachhochschulen zur Verfügung steht. In der momentanen Situation wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, das gesamte Budget aufzubringen. Dann erst sollte man entsprechende Zugangsbeschränkungen entwickeln, um die Studienplätze bedienen zu können.

Die Furche: Wie sollten die Zugangsregelungen dann konkret gestaltet werden?

Scherak: Sie sollten nicht von zentraler Stelle vorgegeben sein, sondern in die Autonomie der Universitäten fallen: Das könnten eine einjährige Studieneingangsphase sein, Motivations- und Bewerbungsschreiben, vielleicht auch die entsprechenden Schulnoten der letzten Jahre. Man sieht in anderen europäischen Ländern, dass eine solche Kombination funktioniert. Ich bin jedenfalls kein Fan von Tests, wo man nur an einem Tag abgefragt wird.

Maurer: Aber die Frage ist doch, was wir mit Zugangsregelungen erreichen wollen. Hier gibt es zwei Argumentationsstränge: Die Unis sagen, wir brauchen die besten Köpfe. Die andere Argumentation lautet, dass bei chronisch unterfinanzierten Unis nicht genügend Geld vorhanden ist, um alle entsprechend auszubilden. Die Antwort muss jedenfalls anders ausfallen: Denn Österreich hat nicht zuletzt den Sozialpakt von New York ratifiziert, in dem das auch Recht auf höhere Bildung enthalten ist. Dort wird auch festgehalten, dass dies nach Möglichkeit kostenfrei sein soll.

Ertlschweiger: Aber das ist ja ein Wunschkonzert, nicht die Realität ...

Maurer: Wir wissen doch, was die Auswirkungen von Zugangsbeschränkungen sind, etwa anhand der großen Elite-Unis in den USA. Da gibt es genügend Studien, die zeigen, wie dort sozial selektiert wird. Aber auch in Österreich haben wir ein selektives Bildungssystem. Medizin zum Beispiel war schon immer ein elitäres Studium. Seit Einführung der Zugangsbeschränkungen ist der Anteil der höchsten sozialen Schicht im Medizin-Studium von 21 auf 35 Prozent gestiegen. Wenn ich den Anspruch habe, dass die Studienwahl nicht nach sozialen Kriterien gestaffelt sein soll, dann muss man da genau hinschauen ...

Scherak: Es gibt zweifellos ein Problem der sozialen Selektion an den Hochschulen. Aber der wesentliche Punkt ist, dass bereits mit der Entscheidung Gymnasium versus Hauptschule festgelegt wird, wie die künftige Bildungslaufbahn aussieht. Und dieses Problem war auch bei freiem Hochschulzugang gegeben. Da können wir ewig streiten über Zugangsregelungen, aber wir sind uns doch einig, dass wir hier viel früher ansetzen müssen. Wir verlieren viele gescheite Köpfe dadurch, dass Bildung in Österreich vererbt wird. Man sieht also, dass Zugangsregelungen nicht der ursprüngliche Grund sind, warum die soziale Durchmischung so schlecht ist.

Maurer: Die soziale Durchmischung wird durch Zugangsregelungen aber noch schlechter werden. Soziale Selektion fängt eigentlich schon in der Elementarpädagogik an. Aber das kann kein Argument sein, dass wir dann oben erst recht selektieren.

Die Furche: Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellen-Vereinigung, nahm den "Wissenschaftsmonitor" gleich zum Anlass, eine flächendeckende Einführung von Studienbeiträgen zu fordern, um eine nachhaltige Finanzierung der Universitäten zu erreichen. Was halten Sie davon?

Ertlschweiger: Studiengebühren werden für die Finanzierung des Hochschulsektors entscheidend sein. Wenn die Unis mehr Geld zur Verfügung haben, kann man den Studierenden mehr bieten. Es gäbe keine überfüllten Hörsäle mehr. Auch für viele Lehrende wäre es ein größerer Anreiz, wenn an ihren Instituten mehr Ressourcen zur Verfügung stehen. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen, weil Studiengebühren nur als Mosaikstein in einem Gesamtkonzept zu sehen sind: Es gibt am Arbeitsmarkt etwa bei den technischen Berufen Defizite; zugleich sind viele Studenten in so genannten "Orchideen-Fächern" inskribiert. Warum bildet man nicht eine Kommission zur Bedarfserhebung, um die finanziellen Mittel auf jene Studien zu fokussieren, die für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von Bedeutung sind? Das soll freilich nicht heißen, dass wir die anderen Studien schlecht machen - aber dass man Schwerpunkte setzt und eine klare Struktur hineinbringt.

Die Furche: Wie soll diese Fokussierung auf Schwerpunktstudien konkret aussehen?

Ertlschweiger: Zunächst die Bedarfserhebung mit verschiedene Institutionen: Unis, die Fachhochschulen, Ministerien, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Vertreter der Industrie, der Wissenschaft, Forschung, eventuell auch die Studierenden. Die wirtschaftlich wertvollen Studienfächer sollen durch zusätzliche Ressourcen ausgebaut werden, damit die Qualität gesteigert wird. Damit wir nicht nur Studierende bekommen, die woanders den "Numerus Clausus" nicht schaffen. Die österreichischen Universitäten sollen attraktiv sein, weil sie in bestimmten Bereichen europaweit führend sind.

Die Furche: Und welche Fächer würden Sie als "wirtschaftlich wertvoll" ansehen?

Ertlschweiger: Das sollte ein möglichst breiter Diskussionsprozess sein, das kann man nicht von oben herab bestimmen.

Maurer: Solche Initiativen gibt es doch bereits, zum Beispiel die MINT-Kampagne, bezogen auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Damit wird versucht, mehr Studierende, vor allem mehr Frauen, in diese Studienrichtungen zu bringen. Aber nur aufgrund einer solchen Kampagne werden die Studierenden nicht massenhaft auf diese Fächer losrennen.

Ertlschweiger: Ich sehe eben nur, dass High-Tech-Strategien wie "Industrie 4.0" zum Thema werden: So wie der Arbeitsmarkt jetzt gestaltet ist, wird er nicht bleiben. Den klassischen Fließbandarbeiter oder Hilfsarbeiter wird es künftig nicht mehr geben. Wir brauchen hoch qualifizierte Arbeitskräfte, um längerfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Und wenn wir die Menschen für Fächer wie MINT möglichst frühzeitig sensibilisieren, schafft man die Möglichkeit, dass diese Studien vermehrt eingeschlagen werden.

Die Furche: Die NEOS schlagen das Modell der "nachgelagerten Studiengebühren" vor. Was kann man sich darunter vorstellen?

Scherak: Nachgelagerte Studiengebühren sind wie ein Zinsen-freies Bildungsdarlehen, das erst im Berufsleben und ab einer bestimmten Einkommensgrenze zurückzuzahlen ist. Wenn es nach 30 Jahren nicht getilgt ist, gibt es eine Ausfallhaftung vom Staat. Über die Einführung sollte autonom von Seiten der Universitäten entschieden werden. Es geht uns aber nicht darum, auf Teufel komm raus Studiengebühren einzuführen. Das wäre erst der dritte Schritt, nach der Studienplatzfinanzierung und nach der Reform des Stiftungsrechts in Österreich, um den Anteil privater Mittel im Wissenschaftsbereich zu erhöhen.

Maurer: Nachgelagerte Studiengebühren wären also quasi eine Einkommenssteuer für besser verdienende Akademiker. Unis müssen übrigens mehr bereit stellen als nur künftige Arbeitskräfte. Es geht um gesamtgesellschaftliche Weiterentwicklung. Und das lässt sich schwer beziffern. Eine "ökonomistische" Perspektive auf das Studium ist jedenfalls kontraproduktiv.

Die Furche: Aber es besteht doch die Gefahr, dass Personen eine Ausbildung durchlaufen und damit hinterher keine berufliche Perspektive haben ...?

Maurer: Aber der Bedarf der Zukunft lässt sich schwer voraussagen. Die Slawistik zum Beispiel sollte zugesperrt werden, dann kam die Osterweiterung. Da war man plötzlich froh über Absolventen der Slawistik. Dann gab es den Brief der damaligen Unterrichtsministerin Gehrer an die Maturanten, das Lehramt-Studium zu meiden. Danach kam der Lehrermangel. Beispiele wie diese zeigen: Unsere Gesellschaft ist so dynamisch, dass wir heute nicht mehr sagen können, was die Jobs in zehn Jahren sein werden.

Ertlschweiger: Natürlich sollen die Universitäten nicht nur auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sein. Aber nochmals, das Leben ist kein Wunschkonzert.

Die Diskutanten

Sigrid Maurer

2009 zog die Tirolerin nach Wien und übernahm für zwei Jahre den Vorsitz der Österreichischen Hochschülerschaft. Seit 2011 studiert sie Soziologie an der Uni Wien; seit 2013 ist sie Nationalratsabgeordnete und Wissenschaftssprecherin der Grünen.

Niki Scherak

Der studierte Jurist war bei den Nationalratswahlen 2013 der niederösterreichische Spitzenkandidat der NEOS und zog dann über die Landesliste in den Nationalrat ein. Er ist Wissenschafts-, Menschenrechts- und Verfassungssprecher der NEOS.

Rouven Ertlschweiger

Bis 2012 bei den NÖN, wurde Ertlschweiger zunächst Frank Stronachs Pressesprecher, 2014 auch Parteiobmann des Team Stronach im Burgenland. Nach Stronachs Abgang rückte er in den Nationalrat nach und ist u.a. für den Bereich Wissenschaft zuständig.

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