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"Die ersten sind immer die Versuchskaninchen"

Jürgen Mittelstraß, Philosoph an der Uni Konstanz und Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrats, über das EuGH-Urteil, gefährdete Geisteswissenschaften und das Spitzenforschungsinstitut AIAST.

Die Furche: Wie bewerten Sie als Vorsitzender des "zentralen Beratungsgremiums" für Bildungsministerium und Universitäten die derzeitige Lage an den Medizinunis?

Jürgen Mittelstrass: Das ist eine ganz unglückliche Situation. Wenn hier keine Regelung getroffen wird, die wieder eine vernünftige Balance zwischen Studierenden aus Österreich und aus anderen Ländern bringt, dann wird das auch in Zukunft unerträglich sein.

Die Furche: Sie haben noch im April über die Folgen des eugh-Urteils gemeint, es werde "nicht so heiß gegessen wie gekocht"...

Mittelstrass: In Fächern wie Betriebswirtschaft hat es sich auch anders entwickelt. Nur: Im Fach Medizin muss eine europäische Lösung her, damit auch kleine Bildungssysteme einer ihrer wesentlichen Aufgaben - die Bildungserfordernisse von Regionen zu erfüllen - nachkommen können.

Die Furche: Wie erklären Sie sich das Zustandekommen dieses umstrittenen Richterspruchs?

Mittelstrass: Das Urteil war einfach nur konsequent: Wenn der Bildungs- und Wissenschaftsraum durch Freizügigkeit bestimmt ist, dann darf man keine nationalen Barrieren mehr errichten. Und wenn man Europa will, wird man sich auch den europäischen Spielregeln unterwerfen müssen. Offenbar war sich aber das Gericht nicht im klaren darüber, was das für Österreich bedeutet - wobei es vorhersehbar war, dass diejenigen unter den bis zu 25.000 Deutschen, die keinen Medizin-Studienplatz bekommen haben, hier eine weitere Chance sehen.

Die Furche: Das Bildungsministerium wird kritisiert, zu spät reagiert zu haben. Hätte man vor dem 7. Juli handeln müssen?

Mittelstrass: Wenn man sich schon von vornherein auf ein erwartetes Gerichtsurteil eingestellt hätte, hätte man den Gerichtsbeschluss quasi heraufbeschworen. Man hätte sich schon schuldig bekannt, bevor das Gericht überhaupt zusammengetreten ist. Das kann man nicht erwarten. Ob man fix und fertige Lösungen in der Schublade haben hätte müssen, ist eine andere Frage. Aber das Ministerium macht eben Ernst mit der Autonomie der Universitäten: Das war sicher kein leichter Entschluss, denn auf diese Weise entmachtet man sich ja selbst. Bei der erstbesten Gelegenheit in die Autonomie einzugreifen, ist daher schwierig.

Die Furche: Ausbaden müssen das die Erstinskribenten, die oft während der Maturareise von den neuen Anmeldeverhältnissen erfahren haben ...

Mittelstrass: Die erste Generation ist bei tiefgreifenden Reformen immer das Versuchskaninchen. Das soll nicht zynisch gemeint sein - da muss man sicher etwas tun. Dass viele Bewerber aus Verfahrensgründen aus dem eigentlichen Wettbewerb herausgeflogen sind, ist nicht akzeptabel - zumindest dann nicht, wenn sie keine zweite Chance bekommen.

Die Furche: Sie haben betont, dass die Kriterien für eine faire Auslese nur "Studierfähigkeit, Eignung und Begabung" sein dürften. Ist das bei Knockout-Prüfungen der Fall?

Mittelstrass: Bei Knockout-Prüfungen ist das natürlich nie gegeben. Auch das alleinige Kriterium der Abiturnote, wie das in Deutschland der Fall ist, ist sicher ein schlechtes System - ebenso eine rein schriftliche Prüfung. Mir schwebt ein Mischsystem vor, das aus mehreren Elementen besteht: aus schriftlichen, mündlichen und noch anderen. Im Übrigen sollte ein vernünftiges Zulassungsverfahren möglichst viele Elemente einer Studienberatung enthalten. Wenn wir in ein paar Jahren ein Zulassungssystem haben - und wir werden das brauchen, denn die jetzige Situation ist nicht einmalig -, dann sollten auch die Bewerber selbst bemerken, ob ihre Studienentscheidung richtig ist.

Die Furche: Sie fordern Auswahlverfahren für alle Disziplinen?

Mittelstrass: Ja, weil ich mir genau diesen Effekt verspreche. Wir haben es ja häufig mit Studierenden zu tun, die für ein bestimmtes Studium gar nicht geeignet sind und das erst sehr spät merken. Das ist eigentlich nicht human. Natürlich kann man differenzieren zwischen Fächern, in denen nur ein Teil Aufnahme findet, und Disziplinen, die händeringend nach Studierenden suchen. Aber man sollte die Fächer der Universitäten gleich behandeln.

Die Furche: Im Zuge der Profilbildung an den Universitäten hat man aber den Eindruck, dass die geisteswissenschaftlichen Fächer leichter "entsorgt" werden. Wo sehen Sie hier die Aufgabe des Wissenschaftsrats?

Mittelstrass: Sehr genau hinzuschauen, damit es nicht unter dem Signum der Profil- und Schwerpunktbildung immer nur die Kleinen erwischt. Das sind eben häufig geisteswissenschaftliche Fächer, die nicht sehr drittmittelstark sind, oder Fächer, in denen die studentische Nachfrage gering ist. Aber in einer ernst genommenen Autonomie gibt es zunächst keine Eingriffsmöglichkeiten.

Die Furche: Laut Ministerium kann man im Zuge der Leistungsvereinbarungen Einfluss nehmen ...

Mittelstrass: Gewiss. Aber ob die Leistungsvereinbarungen in Zukunft so aussehen, dass das Ministerium gegen den Willen einer Universität etwas durchsetzt, was das Fächerspektrum dieser Universität betrifft, glaube ich nicht. Jede Universität sollte sich selbst genau überlegen, welches Fächerspektrum das eigene Profil ausmacht. Nur auf die Zahl der Studienbewerber, die Zahl der Absolventen und die Höhe der eingeworbenen Drittmittel zu achten, wäre sehr kurzsichtig. Es könnte aber so sein, dass eine technische Universität beschließt, ein begleitendes, geisteswissenschaftliches, Spektrum aufzugeben, weil das auch durch eine benachbarte Universität abgedeckt werden kann.

Die Furche: Im "Austrian Institute of Advanced Science and Technology" sollen geisteswissenschaftliche Fächer vorerst nicht vertreten sein. Der Wissenschaftsrat hat sich für dieses von Anton Zeilinger und Peter Schuster angeregte Spitzenforschungsinstitut ausgesprochen. Was erwarten Sie sich?

Mittelstrass: Erstens erwarten wir uns eine starke Integrationswirkung auf benachbarte Einrichtungen. Zweitens sollte diese Einrichtung nicht als Universität gegründet werden, denn neben die bestehende Vielfalt noch eine Uni zu setzen, wäre unsinnig. Insofern sollte diese Forschungseinrichtung drittens nur ein bestimmtes Spektrum anbieten. Und viertens sollte man sie nur gründen, wenn man wirklich klotzt: Wir haben von 80 Millionen Euro jährlich als Grundausstattung gesprochen, zu der gegebenenfalls noch Drittmittel kommen. Wenn man jetzt wieder überlegt, diese Grundausstattung wesentlich zurückzufahren, dann ist das nicht im Sinne unserer Empfehlung. (Laut Sigurd Höllinger, dem im Bildungsministerium Zuständigen für das Projekt, sind im ersten Jahr 30 Millionen Euro und danach sechs Millionen jährlich vorgesehen, Anm. d. Red.) Im Übrigen waren wir der Meinung, dass eine solche Einrichtung ihre Mittel im wesentlichen aus europäischen Quellen, etwa vom neuen European Research Council, holen sollte und nicht konkurrierend zu bestehenden Einrichtungen auftreten darf.

Die Furche: Verstehen Sie die diesbezügliche Sorge der Unis?

Mittelstrass: Die verstehe ich sofort. Deswegen haben wir unsere Empfehlung ja mit der Bedingung verbunden, dass zusätzliche Gelder zur Verfügung stehen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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