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Der Abgang einer heiligen Kuh

1945 1960 1980 2000 2020

Soeben wurden die Uni-Zugangsbeschränkungen bis 2021 verlängert. Gibt es den freien Hochschulzugang noch? Und wo wird wie selektiert? Ein Überblick.

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Soeben wurden die Uni-Zugangsbeschränkungen bis 2021 verlängert. Gibt es den freien Hochschulzugang noch? Und wo wird wie selektiert? Ein Überblick.

An Fachhochschulen, Pädagogischen Akademien oder Kunstunis gab es "Selektion" schon immer. An den "klassischen" Universitäten galt der freie Hochschulzugang hingegen als sakrosankt. Bis 2005 - als die Europäische Kommission Österreich wegen der Diskriminierung anderer EU-Bürger erfolgreich geklagt hatte (deutsche Studierende mussten etwa nicht nur ihr Abitur-Zeugnis mitbringen, sondern auch den in ihrer Heimat vorgeschriebenen Numerus Clausus erfüllen). Als Notmaßnahme erlaubte der Nationalrat damals den Unis, Platzbeschränkungen in acht Fächern einzuführen, darunter Medizin. 2013/14 startete man schließlich - neben den Limitierungen in Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, Psychologie und Publizistik - auch befristete Zugangsbeschränkungen in Informatik, Biologie, Architektur, Pharmazie und Wirtschaft. Mittwoch dieser Woche wurden diese Regelungen nun im Zuge der neuen Universitätsgesetz-Novelle, die im Parlament beschlossen wurde, bis 2021 verlängert. Dem Wunsch von VP-Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, auch in Jus und Chemie Grenzen zu ziehen, hat die SPÖ zuvor eine Abfuhr erteilt.

So erleichtert die Rektorinnen und Rektoren über die Verlängerung der Zugangsregeln sind - so sehr vermissen sie eine echte Studienplatzfinanzierung. Seit langem kritisiert etwa Heinrich Schmidinger, Präsident der Universitätenkonferenz, dass sich die Platzzahlen an den durchschnittlichen Studierendenzahlen orientieren - und nicht an den tatsächlichen Kapazitäten.

Ein krasses Beispiel dafür ist die Pharmazie in Graz. 630 Interessenten haben sich hier für das laufende Studienjahr registriert, nachdem aber nur 340 Bewerber zum schriftlichen Aufnahmetest erschienen sind, erhält jeder von ihnen einen der 384 Studienplätze. Verfügbare Laborplätze gibt es freilich gerade einmal 80, klagt Martin Polaschek, Vizerektor für Lehre an der Grazer Karl-Franzens-Uni: "Das wäre so, als ob ein Chef sagen würde: Wir stellen jetzt noch zehn Leute ein, auch wenn wir nur fünf Arbeitstische haben - und wie Ihr das löst, ist Euer Problem."

Nicht ganz einfach ist die Situation auch nach wie vor in Medizin: An den staatlichen Unis in Wien, Graz und Innsbruck sowie an der neuen Medizin-Fakultät in Linz haben heuer 11.400 Bewerber um 1560 Plätze gebuhlt. (75 Prozent davon sind übrigens für Bewerber mit österreichischem Maturazeugnis reserviert.) Erstmals wurde beim bundesweit einheitlichen Aufnahmetest "Med-AT" auch "soziales Entscheiden" bewertet. Zum gefürchteten "Gender Gap" kam es trotzdem: Der Frauenanteil sank von 58 Prozent bei den Testteilnehmern auf 51 Prozent bei den Aufgenommenen. Wobei der Test selbst "genderfair" sei, betont sein Grazer Entwickler, Martin Arendasy; "schuld" seien tatsächliche Leistungsunterschiede, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich. Ob der zusätzliche Fokus auf "ethische Dilemmata" im kommenden Jahr diese Kluft verringern hilft, bleibt abzuwarten.

Eignungsverfahren für künftige Lehrer

Spannende Entwicklungen gibt es nicht zuletzt auch im Zuge der "Pädagogenbildung neu", bei der Unis und Pädagogische Hochschulen spätestens ab 2016/17 in Verbundregionen kooperieren müssen. Bereits seit 2014 sind nicht mehr nur für angehende Volksschul-, sondern auch für Sekundarschullehrer Eignungsverfahren vorgesehen. Platz-Limits gibt es hier freilich anders als in der Primarstufe keine. Entsprechend niedrig ist der Selektionsdruck: An der Uni Wien erhielten etwa heuer alle 2618 Personen, die zum schriftlichen Test erschienen, einen Studienplatz -selbst jene 53, die weniger als 30 Prozent erreichten und deshalb noch zu einem individuellen Beratungsgespräch eingeladen wurden. Beim standardisierten "Aufnahme- und Auswahlverfahren für Lehramtsstudien", das der Grazer Psychologe Aljoscha Neubauer gemeinsam mit Barbara Pflanzl von der PH Steiermark entwickelt hat und das heuer bereits an zwölf tertiären Bildungsinstitutionen angewendet wurde, hat man hingegen 13,2 Prozent der Bewerber ausselektiert; sie waren sprachlich, kognitiv bzw. emotional nicht kompetent genug.

Ob die anderen rund 700 Grazer Bewerber, die erstmals heuer im "Entwicklungsverbund Süd-Ost" das neue, vierjährige Bachelorstudium "Sekundarstufe Allgemeinbildung" beginnen, in Bälde auch einen Praktikums-Platz an einer Schule bekommen -und nach dem Bachelor auch berufsbegleitend einen Master absolvieren können, ist eine andere Frage. Erst im Frühjahr 2016 werden die dazu nötigen Hochschulraumstrukturmittel verteilt. Hoffentlich nicht allzu selektiv.

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