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Digital In Arbeit

Generalisten gesucht

Welche Anforderungen werden an Führungskräfte von morgen und damitanHochschulabsolventenge-steUt? Umfragen haben ergeben: Es geht nicht nur um Fachwissen, um wirtschaftliche und technische Kenntnisse, es geht auch um soziale Kompetenz, Fremdsprachenkenntnisse, Rhetorik, Kommimikations-f ähi^eit, Planungs- und Organisationswissen sowie Fähigkeit zur Teamarbeitundzur Mitarbeiterführung.

Das kann nicht alles im Laufe des Studiums gelemt werden, manches muß inPost-graduate-Kursenund/ oder bereits die Berufslaufbahn flankierenden Intensivseminaren nachgeholt werden. Die staatlichen Hochschulen sind heute gefordert, bei dieser lebenslangen Weiterbildung mitzutun oder sie einerseits den Großbetrieben oder privaten b e-ziehungsweise ausländischen Einrichtungen zu überlassen.

Aber schon während des Studiums sollten Weichen in diese Zukunft, die, darüberscheintmansich in Wirtschaft imd Wissenschaft weitgehend einig, wieder mehr den Generalisten als den "Fachidioten" fordert, gestellt werden. Studien, die zu ganz bestimmten Berufen führen, bergen die Gefahr von Sackgassen (in Österreich warten derzeit rund 4000 Doktoren der Medizin -zum Teil bis zu sechs Jahre - auf einen Ausbildungsplatz).

Man muß den Hintergrund des gesamten Bildungssystems sehen: Immer mehr Kinder (in einzelnen Wiener Bezirken über 70 Prozent) strömen in die AHS statt in die Hauptschule, zwischen 20 und 40 Prozent der Jugendlichen (je nach Bundesland, was die regional bedingte Chancenungleichheit verdeutlicht) schaffen die Matura, ein Großteil von ihnen will studieren. Brechen an AHS-Oberstuf en etwa 20 Prozent der Schüler ihre Ausbildung ab (an beni&bildenden Schulen bis zu 40 Prozent), werden an den Hochschulen je nach Studium bis zu 75 Prozent zu "Drop-outs".

Trotz der Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung des Bildungssystems erwarten Experten, daß im Jahr2000 noch25 Prozent der Männer und 3 3 Prozent der Frauen über einen Pflichtschulabschluß nicht hinausgekommen sein werden.

An Österreichs Hochschulen sind im Studienjahr 1988/89 insgesamt 179.604 inländische Studierende (1970/71 waren es nur 44.179) inskribiert. Das Personal ist nicht im gleichen Ausmaß gewachsen, weshalb der Chef der Rektorenkonferenz Christian Brünner jüngst eine Personalaufstockung um 2000 Posten als ersten Schritt forderte. An eine Beschränkung des Zugangs im Siime eines "numerus clausus" denkt niemand emsthaft (wobei ein solcher an den Kunsthochschulen durch die strengen Aufnahmeprüfungen besteht).

Verglichen mit anderen Ländern (siehe Kasten) hat Österreich relativ wenige Akademiker, aber die Bildungssysteme sind oft kaum vergleichbar. In Schweden ist zum Beispiel die Kranken-schwestemausbildung im Universitätsbereich angesiedelt, in Deutschland gibt es viele (hierzulande völlig fehlende) Fachhochschulen, in den USA erwerben 80 Prozent der Jugendlichen das (nicht mit der Matura vergleichbare) High-School-Diplom und damit die Studienberechtigung, von der dieMehr-heit Gebrauch macht.

Die lange Studiendauer in Mitteleuropa gilt intemational als Nachteil. Nun lautet die Devise: Kurzstudien, aber lebenslanges Weiterlemen, Flexibilität und MobiUtät (neue praxisnahe Fächerkombinationen, Auslandsstudien). Es müßte doch mögUch sein, auch die heiß begehrten akademischen Grade den neuen Kriterien anzupassen.

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