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Bildung für Europa

1945 1960 1980 2000 2020

Industriellenvereinigung und Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft sprachen sich auf einem gemeinsamen Kongreß in Innsbruck für eine stärkere Europa- Orientierung des österreichischen Biidungssystems aus. Praxisnähe, mehr Fremdsprachen sowie vergleichbare Abschlußzeugnisse stehen für die nächsten Jahre auf dem Programm der Biidungspolitiker.

1945 1960 1980 2000 2020

Industriellenvereinigung und Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft sprachen sich auf einem gemeinsamen Kongreß in Innsbruck für eine stärkere Europa- Orientierung des österreichischen Biidungssystems aus. Praxisnähe, mehr Fremdsprachen sowie vergleichbare Abschlußzeugnisse stehen für die nächsten Jahre auf dem Programm der Biidungspolitiker.

„Die Integrationspolitik betrifft nicht nur Fragen des Handels, des Waren- und Geldverkehrs, der Wirtschaftspolitik sowie derNeutralität, sondern auch das Bildungssystem." Mit diesen Worten eröffnete der Präsident der Industriellenvereinigung, Dr. Heinz Kessler, vergangene Woche den Bildungskongreß „Berufliche Bildung für Europa", den die Industriellenvereinigung gemeinsam mit der Bundeskammer . der gewerbliche Wirtschaft in Innsbruck veranstaltete.

Daßdas Bildungssystem den Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg Österreichs im künftigen Binnenmarkt-Europa ist, hat man auch in der Regierung erkannt und sich daher in der Wirtschaftspolitischen Aussprache mit der jüngsten Studie des Beirates für Wirtschafts- und Sozialfragen mit dem Titel „Qualifikation 2000“ befaßt. Bundeskammerpräsident Ing. Rudolf Sal- lingen „Erstmals befassen sich Regierung und Sozialpartnergemeinsam mit diesem Thema Das ist auch notwendig, denn der rasche technische Fortschritt wird die beruflichen Anforderungen verändern. Die berufliche Ausbildung erfordert daher schon jetzt initiativen“.

Hauptanliegen beider Organisationen ist die Erzielung von mehr Praxisnähe, wie- sie sich im dualen System der Berufsausbildung - im Unternehmen und in der Berufsschule - bereits bestens bewährt hat Prof. Herbert Krejci, Generalsekretär der Industriellenvereinigung: „Im Verhältnis zwischen Österreich und der EG darf die Bildungs- und Kulturdimension nicht vemachlässlgtwerden. 40 Prozent des Wirtschaftswachstums sind auf Bildungsinvestitionen zurückzuführen. Die wichtigste Investition in Österreichs Zukunft Ist jene in das Humankapital“.

Krejci zitierte auf dem Kongreß eine Studie der „Round-Tabie-Organisa- tion“, eines losen Zusammenschlusses 40 europäischer Industrieller, von Flat-Chef Agnelli über Volvo-Generaldirektor Gyllenhamr.ier bis zu Philips- Vorstandsvorsitzenden van der Klugt Diese Studie zeigt auf, daß für eine erfolgreiche industrielle Tätigkeit nicht nur mehr Wissen als früher erforderlich ist, sondern daß auch die Diskrepanz zwischen dem Ausbildungsstandard der Mitarbeiter und den Anforderungen der Unternehmen ständig zunimmt - eine gefährliche Entwicklung für die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie.

Ihre Ursache: Die Technik entwickelt sich rascher als die Fähigkeit und Fertigkeit, die in der Ausbildung vermittelt werden.

Außerdem warnt die Studie davor, Bildung als rein nationale Angelegenheit zu betrachten und kommt zu dem Schluß, Integrations- und Europafragen müßten im gesamten europäischen Ausbildungssystem stärker berücksichtigt werden.

Was Österreich braucht, ist eine stärkere Kooperation zwischen- Industrie und Hochschule, die Vermittlung des Europa- und Binnenmarktgedankens an den Schulen sowie eine stärkere Betonung von Fremdsprachen im Unterricht

Insbesondere das Thema Europa wird an Österreichs Schulen noch viel zu wenig erläutert „Das Unterrichtsministerium ist das einzige Ministerium ohne EG-Anlaufstelle“, betonte Krejci. Die Industrie spricht sich daher für die

Förderung von Studienaustauschprogrammen, die Studenten für einen Teil ihres Studiums ins Ausland bringen, füreine Anpassung der Qualifizierungsstandards an europäische Normen und für eine stärkere Betonung der Managementausbildung aus.

Bundeskammer-Generalsekretär DDr. Karl Kehrer kritisierte bei dem Kongreß den Leistungsabbau in den Pflichtschulen, derzu mangelnder Beherrschung der Kulturtechniken Rechnen, Schreiben und Lesen geführt hat

Kehrer: „Es wäre besser, die Fülle des Lernstoffes abzubauen, dafüraber das Gelernte besser einzuüben und mehr Augenmerk auf eine lebende Fremdsprache zu richten.“

In derLehriingsausbildung sollte gegenüber den weiterführenden Schulen Chancengleichheit erreicht werden. Der Ausbau des dualen Berufs- ausbildungssystems dürfe nicht zu Lasten der betrieblichen Ausbildungszeit gehen. Als Beitrag zu einer Aufwertung der Lehre im öffentlichen Be- wu ßtseln schlug Kehrer die Schaffung von Berufsakademien vor, die den Lehrabsolventen in einem kurzen und speziell konzipierten Bildungsgang zu einer beruflich-fachlichen Matura führen.

Der Generalsekretär des Bundesinstitutes für Berufsausbildung in Berlin, Dr. Hermann Schmidt, trat bei dem Kongreßfüreuropaweit vergleichbare Ausbildungsbeschlüsse, für einen gegenseitigen befruchtenden Erfahrungsaustausch im Rahmen der europäischen Berufsausbildungssysteme und für eine offensive Qualifizierungspolitik zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem Weltmarkt ein.

Leider stecke dieser Prozeß noch in den Kinderschuhen. So seien zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland im vergangenen Jahrzehnt erst 15 von etwa 380 Ausbildungsberufen durch Rechtsverordnungen in beiden Ländern gleichgestellt worden. Auch die 1979 begonnenen deutsch-österreichischen Verhandlungen zurGleichstellung beruflicher Prüfungszeugnisse seien noch nicht befriedigend abgeschlossen. Obwohl nämlich das deutsch-österreichische Abkommen fürdieZusammenarbeit in der beruflichen Bildung und die Anerkennung von beruflichen Prüfungszeugnissen bereits paraphiert wurde, ist der Vertrag bis heute nicht in Kraft getreten.

Der Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Hans Katschthaier, bestärkte die Kongreßteilnehmer in dem Konzept, Europaorientierung und Neuen Techniken im Unterricht an Österreichischen Schulen zum Durchbruch zu verhelfen. Zu den Kuiturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen müsse die Datenverarbeitung - und zwar schon in der Grundschule - kommen, meinteer. Die Schule müsse aberauch neue Schlüsselqualifikationen, nämlich Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Analytik, ganzheitliches Denken, Informationsbewältigung und Lösungsstrategien lehren. Mehr Fremdsprachenangebote, bessere Didaktik und eine Verstärkung des Europabezuges im gesamten Unterricht seien notwendig.

Um den Schüler In der Praxis die vielgeforderte Mobilität auch zu ermöglichen, sei ein neues System schulischer Anrechnungsvorschriften erforderlich, das mit den EG-Bestimmun- gen übereinstimmt und den Schüleraustausch zwischen europäischen Ländern erleichtert.

Katschthaier sprach sich auch für ein .postsekundäres Bildungsangebot mit dem Ziel eines „Europatechnikers“ im Anschluß an eine Ausbildung an einer Höheren Technischen Lehranstalt aus.

„Die Diskussion über wirksame bildungspolitische Maßnahmen orientiert sich derzeit an der Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes im Jahre 1992, an dem Österreich umfassend teilnehmen will, sowie auch an der rasch voranschreitenden internationalen Arbeitsteilung am Sektor der Volkswirtschaft“, faßte der Generalsekretär der Bundeskammerder gewerblichen Witschaft, DDr. Karl Kehrer, die Ergebnisse der einzelnen Workshops des Kongresses zur beruflichen Bildung für Europa zusammen.

Kehrer machte auch einen Blick in die Zukunft und stellte neue Anforderungen an das Bildungswesen und die Berufstätigen in Aussicht. Mobilität, Flexibilität sowie Intemationalität würden die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes längerfristig sicher- steilen, sagte er.„Die internationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Manager wird weniger von der Ausbildung als von der Mentalität beeinflu ßt“, meinte Dkfm. Lorenz Fritz, Generaldirektor und Vorsitzender des Vorstandes der Alcatel Austria AG, Wien. Vielen mangle es an Mobilität und Risikobereitschaft, was der Referent auf eine kurze österreichische industriege- schichte zurückführt. Als Leiter des Workshops Führungskräftebildung versuchte er gemeinsam mit den Teilnehmern, Stärken und Schwächen im internationalen Vergleich herauszuaibei- ten.

Der österreichische Manager sei, was das Ausbildungsniveau und Allgemeinwissen betreffe, konkurrenzfähig, besitze eine stark ausgeprägte Integrationsfähigkeit, sei lernbereit und flexibel. Er könne aus der Situation heraus professionell handeln, habe menschliche Qualitäten und soziale Kompetenz.

Ein deutlicher Nachholbedarf ergebe sich vor allem aus dem für einen Östenreichertypischen Anspruchsdenken. Fritz: „Die wenigsten haben Verlangen nach Freiräumen. Mängel bestehen auch in der Kooperationsfähig- keit Österreicher sind eher bunte Einzelkämpfer, die sich scheuen, Konflikte auszutragen.“

Die Diskussionsrunde stellte auch das Führungssystem österreichischer Unternehmen In Frage. So wurde ein Manko sowohl in der Selektion von Führungskräften als auch in der Personalentwicklung festgestellt Der Pflege der hjumanressourcen müsse In Zukunft entschieden mehr Bedeutung beigemessen werden.

Für Östereichs Klein- und Mittelbetriebe sei eine Anpassung des Führungsstils sowie eine kritische Analyse der Ist-Situation im internationalen Vergleich notwendig.

Die österreichischen Verbände mü fiten sich als „Hilfe zur Selbsthilfe“ verstehen und in ihren Programmen eine spezielle Beratung, maßgeschneiderte Biidungsangebote, eine gezielte Informationsarbeit und Bewußtseinsbildung (zum Beispiel die Darstellung von Chancen und Risiken) forcieren. Um den Unternehmen den Intematio- nalisierungsprozeß zu erleichtern, sollen sich politische Verbände um die Schaffung von idealen Rahmenbedingungen kümmern. Aufenthalts- und Beschäftigungsgenehmigungen seien im internationalen Austausch auf Gegenseitigkeit auszuweiten, die Anrechnung von ausländischen Dienstzeiten anzustreben und der Studentenaustausch zu Intensivieren.

Anregungen von Unternehmens- Strukturen und Anforderungsprofilen bedingen Korrekturen in der beruflichen Erstausbildung. So ging es im Workshop unter der Leitung von Kommerzialrat Dipl. Ing Dr. Eduard Lelsch- ko, Kuratordes Wirtschaftsförderungsinstitutes der Handelskammer Oberösterreich, um eine Anpassung der beruflichen Ausbildung an geänderten Strukturen.

Der Grundsatz „Nichtfür die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ besitzt laut Leischko heute nicht mehr In vollem Umfang seine Gültigkeit, Jbis Lehrpläne und -inhalte einem neuen Ist-Zustand angepaßt sind, wird dieser Ist-Zustand bereits wieder Vergangenheit sein, bis er im Unterricht Eingang findet.“

Das österreichische Ausbildungssystem sei zwar im Bereich der beruflichen Ausbildung international anerkannt, weise aber immer noch verschiedene Mängel auf. Ursachen für Qualifikationsdefizite seien einerseits die galoppierende Wissensvennehrung, andererseits die Verkürzung der Umsetzungsspannen von Neuerungen.

Leischko: „Der wirtschaftliche Wandel findet derzeit im Betrieb statt, nicht in der Schule. Daher haben wir in der dualen Lehrlingsausbildung ein System, das den Forderungen nach Praxisgerechtigkeit voll entspricht. Im Bereich der beruflichen Erstausbiidung in mittleren und höheren Schulen werden Projektarbeit und verstärkte Kooperation mit der Wirtschaft daher Schwerpunkte im zukünftigen Schulsystem sein müssen.“

Um das Image des Facharbeiters zu haben, seien auch die Berufsbezeichnungen zu überdenken. Mit der Motivation für die gewerbliche Lehre müsse deshalb schon in den Pflichtschulen begonnen werden. Die Aufstiegschancen eines Facharbeiters, die keineswegs geringer seien als die eines AHS-Absohrenten, müßten früh genug aufgezeigt werden.

Auf den Facharbeiter, von dem man jetzt bereits eine höhere fachliche Qualifikation, mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung sowie ein höhres Kostenbewußtsein verlangt und an den man höhere Qualitätsanforderungen stellt, warten in Zukunft zusätzlicheAufgabenbereichewie Problem lösungsfähigkelt, Systemkenntnisse, das Wissen über Fertigungszusammenhänge und die Fähigkeit, in Funktionsabläufen zu denken.

Die Schlacht der Zukunft wird auf dem Personalsektor geschlagen und dort gewonnen, wo am meisten in die Mitarbeitenquai ifikation Investiert wird. Diese These wurde im Arbeitskreis Weiterbildung unter der Leitung von Kommerzialrat Dipl.-Ing. Peterheinz Gebell aufgestellt Der Kurator des Wirtschaftsförderungsinstitutes der Handelskam mer Steiermark trat dafür ein, in der Öffentlichkeit und in Unternehmen das Interesse an Weiterbildung zu wecken. Die Vielfalt an Seminaren und Kursen stelle neue Anforderungen an die Anbieter. Um mehr Transparenz zu erreichen, gelte Bildungsberatung als Gebot der Stunde. Auch bei der Weiterbildung der Lehrer müßten neue Wege beschritten werden.

Gebell: „Fehlentwicklungen sowohl im Bildungs- als auch im Weiterbildungsbereich sind für ein kleines Land wie Österreich nicht verkraftbar. Daher müssen andere Kräfte mobilisiert werden, um die österreichische Wirtschaft bestmöglichst zu qualifizieren.“

Die Bildungssysteme sind der Schlüssel zur Beteiligung im internationalen Marktgeschehen. Die Bildungspolitik steht im Wettiauf mit der Zeit.

Jnformation der Vereinigung

Österreichischer Industrieller

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