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Digital In Arbeit

Schelte für Ausbildung

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„Ausbildungen und Berufe in Österreich" - eine Studie zum Thema: Wie gut berei- tet das österreichische Bil- dungssystem die Jugend heute auf die berufliche Zukunft vor?

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„Ausbildungen und Berufe in Österreich" - eine Studie zum Thema: Wie gut berei- tet das österreichische Bil- dungssystem die Jugend heute auf die berufliche Zukunft vor?

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Vier Minister hatten sich vorige Woche zur Präsentation der Arbeit eingestellt (die Minister für Sozia- les, Unterricht, Wissenschaft und Öffentliche Wirtschaft). Offensicht- lich also ein Werk von Bedeutung, das Interesse weckt, steht doch jede Familie vor der Frage: Was sollen die Kinder lernen, damit sie im Beruf halbwegs erfolgreich sind?

Wie schneidet Österreich also bei der Beurteilung seines Bildungs- systems im Hinblick auf Berufs- vorbereitung ab? Dazu Lorenz Lassnigg, Autor der Studie: „Daß es berechtigt ist, Funktionsproble- me von bedeutendem Ausmaß anzu- nehmen, kann man unschwer aus den bildungs- und qualifizie- rungspolitischen Diskussionen der letzten eineinhalb Jahrzehnte ab- leiten: Seit der ersten Hälfte der siebziger Jahre... kann man kaum eine Stellungnahme finden, die für die Funktionsfähigkeit sprechen würde."

Damit ist von Anfang die Grund- tendenz geklärt: kritisch - aber auf wenig konkrete Fakten gestützt.

Immerhin beginnt die Arbeit mit einem summarischen Überblick über das Angebot des Bildungssy- stems. Insgesamt gibt es in Öster- reich „je nach Definition etwa 600 bis 800 Ausbildungsgänge, etwas mehr als die Hälfte im sekundä- ren Zyklus (... fast 60 Prozent) und etwas weniger als die Hälfte im postsekundären Zyklus".

Die breiteste Angebotspalette fin- det man im Angebot der Univer- sitäten (180 Richtungen) und bei der Lehrlingsausbildung (170 Rich- tungen), die schmälste im Bereich der Kurzlehrgänge nach Matura mit 55 Fachrichtungen.

Als Nachfrager für die Absolven- ten des Ausbildungssystems un- terscheidet die Studie sechs Be- reiche:

• Wirtschaftliche Grundversor- gung und Fremdenverkehr,

• technischer Bereich

• kaufmännischer und admini- strativer Bereich

• Gesundheit, Fürsorge, Körper- pflege,

• Bildung, Erziehung

• Kunst und Kultur.

Das erscheint wenig differenziert, wenn man bedenkt, daß der Groß- teil des technischen Fortschritts in den Sektoren zwei und drei statt- findet und dort auch die meisten Arbeitsplätze angeboten werden.

Ausbildungs- und Berufssystem beinflussen sich gegenseitig, wobei die Studie eine zu große Starrheit des Systems der Erstausbildung beklagt. Dieses halte mit den Ver- änderungen in der Wirtschaft nicht Schritt und stütze seine Beharrung auf die ohnedies gegebene „unge- heure Vielfalt von Wahlmöglich- keiten" und seine „historisch ge- wachsene" Struktur. „Dem insti- tutionalisierten Berufskonzept (liegt) ein Modell von Anforde- rungsprofilen zugrunde, welches den Anforderungen und Entwick- lungstendenzen in der realen Be- ruf swelt nicht adäquat ist."

Als weiterer Schwachpunkt wird die Erwartungshaltung an das Sy- stem kritisiert: Die Ausbildung solle möglichst präzise auf einen Beruf und möglichst ausreichend für den Rest des Lebens vorbereiten. Und das könne nun einmal nicht funk- tionieren - vor allem in einer sich stark ändernden Wirtschaft.

Eine nähere Untersuchung des Arbeitsmarktes ergibt laut Studie eine Dreiteilung des Arbeitsplatz- angebots mit unterschiedlicher Anforderung an die Ausbildung:

• Ein Drittel der Arbeitsplätze habe relativ klare und zeitlich wenig veränderliche Anforderungen an die Qualifikation der Interessen- ten. Das gelte für Arbeitsplätze von Facharbeitern, eine große Zahl von akademischen Professionen und Berufe im öffentlichen Dienst.

• Ein weiteres Drittel machen den „Jedermann/Jederfrau,-Sektor" aus. Hier spiele gezielte Ausbildung nur eine ganz untergeordnete Rol- le. Solche Arbeitsplätze gibt es vor allem im Grundversorgungs- und Fremden verkehrsbereich.

• „Upgrading-Bereich" wird schließlich der dritte Sektor ge- nannt, der von starken Verände- rungen gekennzeichnet sei. Seine Schwerpunkte ortet die Studie im Handel, Verkehr und Bürobereich.

Bildungs- und Berufssystem stimmten also überwiegend nur bezüglich der Anforderungen des ersten Sektors überein, stellt Lass- nigg kritisch fest. Hier wiederum bedürfe es vielfach einer sehr frü- hen Entscheidung, müssen doch Lehrlinge schon mit 14 Jahren ih- ren weiteren Lebensweg wählen. „Das System verlangt auf der neun- ten... Stufe eine Entscheidung zwi- schen mehr als 350 Ausbildungs- gängen, die konzeptionell auf eine Lebensberufsausbildung angelegt sind." Um dies zu umgehen, werde zunehmend auf längere Ausbil- dungswege gesetzt, was sich in den Schulbesuchszahlen ausdrückt: stark sinkende Tendenz bei den Berufs- und stark steigende bei den Hochschulen.

Wählt ein 14jähriger einen Lehr- beruf, so hat er kaum die Möglich- keit, seine Entscheidung zu revi- dieren und in eine andere Branche umzusteigen. Fehleinschätzung der eigenen Interessen und Fähigkei- ten bedeute somit Makel der Unfä- higkeit. „Die Struktur des Systems bestraft im Sekundarbereich gera- de jenes Verhalten, welches von zeitgenössischen Modellen der Berufsfindung als angemessen und vorteilhaft gesehen wird, nämlich die Organsation der Berufsfindung in Form eines sequentiellen Such- prozesses, in dessen Verlauf eine Erprobung und Entwicklung der Neigungen und Fähigkeiten in ver- schiedenen Bereichen möglich ist."

Was man dagegen tun könnte? Da bleibt die Studie eher vage. „Insge- samt legen die empirischen Anhalts- punkte eine Einschätzung nahe, daß auf der einen Seite etwa ein Viertel der Lehrlinge eine Ausbilung von hoher Qualität erhält, daß auf der anderen Seit etwa ein Viertel der Lehrlinge als billige Arbeitskraft genutzt wird... und daß schließlich eine breite Mitte existiert, in der Ambivalenz der Effekte angenom- men werden muß." Statt nun aber herauszuarbeiten, was man von dem positiv zu bewertenden Viertel ler- nen könne, bleibt es bei der vagen Vermutung, daß die Ausweitung auf den postsekundären Bereich (also nach der Matura) „längerfristig nicht nur eine unvermeidliche, sondern auch ein wünschenswerte Tendenz darstellt".

Und als „konkrete" Empfehlung: „Daher wird dafür plädiert, die Funktionsweise des Koordinations- systems in einer Richtung zu modi- fizieren, daß das Risiko von Fehl- steuerung minimiert und die An- passungfähigkeit maximiert wird."

Wie das geschehen soll? Geziel- ten Informationen über Berufs- chancen gibt Lassnigg wenig Chan- cen. Hier zu informieren, sei eine Überforderung. Vielmehr sei eine Systemreform nach den folgenden Schwerpunkten erforderlich:

• Erhöhung der Basisqualifikation (logisches, analytisches, kritisches, entscheidungsfreudiges, konzeptio- nelles Denken),

• mehr Fähigkeit zum Umgang mit Information,

• verbesserte Kenntnis von Grund- fertigkeiten.

Gegen solche Forderungen gibt es nichts einzuwenden. Im Zusam- menhang der Studie ist aber nicht zu erkennen, warum sie plötzlich gegen Ende der Überlegungen aus dem Hut gezaubert werden und in welcher Hinsicht sie derzeit zu wenig vermittelt werden. Unklar bleibt auch, welche Konsequenzen sich daraus für das Bildungssystem ergeben.

AUSBILDUNGEN UND BERUFE IN ÖSTER- REICH. Von Lorenz Lassnigg, Institut für Höhe- re Studien, Wien 1989,135 Seiten.

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