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Digital In Arbeit

Arbeit wie Brot teilen?

1945 1960 1980 2000 2020

Die drohende Massenarbeitslosigkeit gibt Anlaß zu berechtigter Sorge. Christliche Individualtugenden allein reichen aber noch nicht zur Lösung von Strukturproblemen.

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Die drohende Massenarbeitslosigkeit gibt Anlaß zu berechtigter Sorge. Christliche Individualtugenden allein reichen aber noch nicht zur Lösung von Strukturproblemen.

Die relativ hohe offizielle und darüber hinaus in Österreich besonders häufig versteckte Arbeitslosigkeit macht mit Recht allen große Sorgen, nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus vielen anderen menschlichen Gründen. Ihre Bekämpfung ist eine sozialethische und wirtschaftspolitische Aufgabe höchsten Ranges.

Ihre relativ geringe Reaktion selbst auf gute Konjunktursituationen und der zunächst Arbeitsplätze einsparende technische Fortschritt sorgen seit langem für eine zusätzliche Betroffenheit bei allen, die sich verantwortlich fühlen. Nicht wenige fürchten eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft, geteilt in diejenigen, die über einen Arbeitsplatz verfügen, und die anderen, die sich vergeblich um einen solchen bemühen.

Zur Uberwindung der vermeintlich chronischen Neigung des heutigen Wirtschaftssystems zur Massen-, Langzeit- und insbesondere Jugendarbeitslosigkeit ist von kirchlicher Seite immer wieder der Appell zu hören, man möge doch die Arbeit teilen,' wie man in christlicher Gesinnung das Brot mit dem teilen soll, der Hunger leidet. Sosehr diese Vorstellung zweifellos von einem hohen Ethos getragen ist, so untauglich ist sie zur Erreichung des gewünschten Zieles.

Dieser Vorschlag geht von der irrigen Vorstellung aus, „die Arbeit” sei eine im voraus gegebene konstante Größe. Dem ist aber nicht so: Die Arbeitsplätze, die jeweils angeboten werden, sind eine dynamische Größe, deren Gesamtvolumen das Ergebnis zahlreicher Bedingungen ist, die die Arbeitsuchenden veranlassen, eine selbständige oder unselbständige Arbeit zu ergreifen, oder weitere Mitarbeiter zu suchen. Diese Bedingungen sind es, die verbessert werden müssen.

Nur unter diesen Umständen wird der technische Fortschritt nicht nur Arbeitsplätze vernichten, sondern auch ausreichend neue schaffen können. Nicht zuletzt wird die Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften durch ihren Preis bestimmt. Sind sie mit höheren Kosten verbunden als gleichwertige Kapitalinvestitionen, dann wird rationalisiert und werden damit Arbeitskräfte eingespart.

Ferner liegt diesem Vorschlag die irrige Vorstellung zugrunde, „die Arbeit” wäre eine homogene Masse, wie „das Brot”, das in jedem Teilstück ein und dasselbe bleibt. Die Arbeit, die nachgefragt wird, ist ein abstrakter Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Leistungen. Das hat zur Folge, daß neben einem übergroßen Angebot an manchen Berufen gleichzeitig ein Mangel an anderen, zum Beispiel bestimmten Fachkräften besteht. Unsere heutige Arbeitslosigkeit ist mehr eine Folge falscher oder unzureichender Berufsqualifikationen als eines zu großen Gesamtangebotes.

Aus diesem Grund ist eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit kein brauchbarer Weg, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, sondern eher geeignet, bestehende zu verteuern und damit zusätzliche zu gefährden. Auch der Vorschlag auf Beschränkung der Leistung von Uberstunden übersieht, daß dann Disproportionen in der Zusammensetzung des generellen Arbeitskräfteangebotes noch schwerer zu lösen wären.

Der Verzicht oder gar die Weigerung, nachgefragte Uberstunden zu leisten, beschränkt die Produktion und die Beschäftigung derer, die von der Mehrarbeit solcher abhängig sind, deren Leistungsangebot knapp ist. Eine Beschränkung der knappen und unentbehrlichen Uberstunden kann Produktions- und damit Beschäftigungseinschränkungen in den vor- und nachgelagerten Betrieben zur Folge haben. Und überdies: diejenigen, die Uberstunden leisten, gehören meist anderen Berufen an als jene, deren Arbeitsplätze fehlen: ein EDV-Programmierer, der keine Uberstunden leistet, gibt keinem arbeitslosen Lehrer oder Stahlarbeiter eine Beschäftigungschance.Der Beschäftigungseffekt einer Arbeitszeitverkürzung findet auch in der österreichischen Betriebs struktur seine sehr realistische Begrenzung. Unter den Beschäftigten eines Unternehmens müßten ausreichend viele homogene (das heißt berufsähnliche) Arbeitnehmer sein, wenn eine Arbeitszeitverkürzung tatsächlich zu Neueinstellungen führen soll — soweit dies nicht durch forcierte Rationalisierungsbemühungen vermieden wird.

Innerhalb der gewerblichen Wirtschaft trifft dies aber nur für weniger als ein Viertel der Arbeitnehmer zu, die in einem Betrieb von mehr als 500 Unselbständigen beschäftigt sind. Darüber kann daher nur in Branchenverträgen oder Betriebsvereinbarungen, nicht aber in generellen Kollektivverträgen oder gar durch Gesetz entschieden werden. Überdies ist ein Beschäftigungseffekt nur dann zu erwarten, wenn diejenigen, die bereit sind, ihre Arbeit mit den Arbeitslosen zu teilen, auch zur Teilung des damit verbundenen Einkommens bereit sind.

Die Mahnung an die Partner der berufstätigen Ehegatten, auf eine eigene Berufstätigkeit zu verzichten und damit einen Arbeitsplatz für einen Arbeitsuchenden freizugeben, übersieht die Dynamik der heutigen Wirtschaft, die keine Garantie für die Beschäftigung

des verbleibenden Alleinverdieners geben kann, und daß die Berufstätigkeit nicht nur - was gerade die Kirche mit Recht unterstreicht - dem Einkommenserwerb, sondern auch der Persönlichkeitsentfaltung dient.

Und schließlich besteht überhaupt keine Gewähr dafür, daß der so freiwerdende Arbeitsplatz angesichts der Anonymität des Arbeitsmarktes nicht wieder von einem „Doppelverdiener” besetzt wird. Das Job-Sharing hat nur dort die gewünschte Wirkung, wo besondere Voraussetzungen gegeben sind, wie etwa bei Pastorenehepaaren.

Die Probleme der Unterbeschäftigung können heute durch individualethische Verhaltensweisen des einzelnen ganz einfach nicht gelöst werden. In der heutigen anonymen Massengesellschaft sind die christlichen Tugenden aus vielen Gründen sehr wichtig und—wie sich immer wieder zeigt — Mangelware! Zur Lösung sozialer Strukturprobleme aber sind sie unzureichend. Dazu bedarf es einer sozialethisch durchdachten Steuerung des Wirtschaftsablaufes mit Hilfe seiner eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ein allgemein höherer Beschäftigungsgrad kann heute nur durch eine Änderung der wirtschafts-und sozialpolitischen Rahmenbedingungen erreicht werden, das heißt durch Maßnahmen, die generell eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften zur Folge haben: ein im Verhältnis zu den Kapitalkosten langsamer steigendes Lohn- und Lohnnebenkostenniveau; ein rascheres Wachstum durch rationelleren Einsatz der Ressourcen infolge einer geringeren Wirtschaftstätigkeit des Staates und geringerer Steuer- und Abgabenlasten jener Unternehmen, deren Nachfrage nach Arbeitskräften andernfalls expandieren könnte; durch leichteren Zugang zu selbständigen und unselbständigen Berufstätigkeiten nach Abschaffung überholter Bestimmungen zum Schutz schon Beschäftigter beziehungsweise schon auf dem Markt Etablierter, die der Besetzung neuer Arbeitsplätze im Wege stehen; und überhaupt in einer größeren Flexibilität und Mobilität aller Beteiligten, einschließlich Gesetzgebung und Verwaltung. Die Bemühungen um einen höheren Beschäftigungsgrad dürfen nicht nur die unselbständig Erwerbstätigen im Auge haben.

Der Autor, Finanzminister und Nationalbankpräsident a. D., ist Herausgeber der FURCHE.

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