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Digital In Arbeit

45 Stunden?

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Sozialmmister, Koalitionsausschuß und Regie-' rungschef haben für sich Initiativen ergriffen, nach denen die wöchentliche Arbeitszeit auf 45 Stunden gekürzt werden soll.

Der Anstieg der Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit ist offensichtlich, sei es durch den Einsatz neuer Maschinen oder lediglich, weil man die Arbeit besser zu organisieren versteht. Werden nun in der Arbeitsstunde“ vom Arbeiter mehr Mengen erzeugt als zu einem früheren Vergleichszeitpunkt, ergibt sich eine Kostensenkung (falls der Lohn gleichgeblieben ist). Die Kostenverminderung kann als Preisverminderung, als Lohnerhöhung oder als Arbeitszeitkürzung bei gleichem (Wochen-) Lohn weitergegeben werden, falls sie nicht ganz oder teilweise zur Vergrößerung des unternehmerischen Reingewinns verwendet wird.

Bisher sind die Erhöhungen der Arbeitsergiebigkeit meist zur unvermeidbar gewordenen Lohnerhöhung oder zur Stärkung der Betriebsmittel den Unternehmungen wie auch den Gebietskörperschaften zugute gekommen. Die Normalarbeitszeit ist dagegen meist unverändert gelassen worden.

Wird nun das Mehrergebnis der Arbeit der Dienstnehmer gleichsam durch Minderarbeit aufgewogen, so soll das als Bemühen verstanden werden, den lohnarbeitenden Menschen mehr Freizeit bei gleicher Kaufkraft ' zu. verschaffen.

Nun ist die Kürzung der Pflichtarbeitszeiten nicht nur ein soziales, sondern auch ein wirtschaftliches Problem. Die Vernachlässigung der wirtschaftlichen Auswirkungen könnte die beabsichtigte Wohlfahrtssteigerung verhindern.

Wenn die geplante Kürzung der Arbeitszeit damit begründet wird, daß die Mehrergiebigkeit der menschlichen Arbeit eine solche Kürzung möglich mache, soll das heißen: Soweit die Ergiebigkeit der Arbeit derart gestiegen ist, daß die Arbeitszeit ohne Erhöhung der Kosten des einzelnen Arbeitsstückes vermindert werden kann, soll dies geschehen. Dabei muß man davon ausgehen, daß es sich um Mehrergiebigkeiten handelt, die bereits da sind, aber noch nicht abgegolten wurden, oder um Mehrergiebigkeiten, die man erst im Rahmen der Arbeitszeitverkürzungen erzielen will, unter anderem auch dadurch, daß der Mensch bei weniger Arbeitszeit in den einzelnen Arbeitsstunden mehr zu leisten in der Lage ist.

Freilich sollte man nicht nur auf die Kosten Rücksicht nehmen, sondern auch auf die Erlöse, die man für die hergestellten Erzeugnisse erzielt. Der Arbeiter wird nicht in Gütern, die er produzieren hilft, bezahlt, sondern (meist) in Geld. Dieses Geld stammt aus den Erlösen, die beim Verkauf der vom Arbeiter hergestellten Produkte erzielt wurden.

Jede Senkung der Arbeitszeit, die zu einer Erhöhung der Kosten je Fertigungsstück führt, muß dagegen prinzipiell abgelehnt werden, falls zu erwarten ist, daß die Kostenerhöhung auf die Preise weitergewälzt werden muß. Das hieße dann: Mehr Freizeit bei weniger Kaufkraft. In diesem Fall wurde einfach Zeit durch Hergabe von Wohlfahrt gekauft. Es käme zum „Zeitkauf“ der Arbeitnehmer wie einst bei der „Gnädigen“, die sich ihre Freizeit mit der Bezahlung der Arbeitsleistung eines Dienstmädchens erkaufte.

Die Gewerkschaften haben einen heroischen Kampf um die Kürzung der Arbeitszeit bei Lohnausgleich geführt. Die Arbeit der Gewerkschaften ist vor allem in der sinkenden Arbeitszeitkurve und in der steigenden Reallohnkurve ausgewiesen. In den USA etwa betrug im Jahre 1850 die Soll-Arbeitszeit im Durchschnitt noch 69,8 Stunden je Woche, 1900 waren es nur mehr 60,2, im Jahre 1920 lediglich 49,7 und 1955 nur mehr 40,2 Stunden (siehe „The New Leader“, NY, Juli 1957).

Eines der prägnantesten Zeichen für die Produktionskraft eines Staates war und ist die Kürze der Pflichtarbeitszeit. Auf diesen Tatbestand wies schon Adolf Braun in „Der Kampf“ im Jahre 1909 (Heft 11) hin. So kann heute die Viertagewoche in den USA ernstlich, wenn auch lebhaft diskutiert werden. Wenn das geschieht, ist dies beileibe kein Zeichen der Schwäche der Unternehmer, sondern zuvorderst ein Beweis der hohen Produktivkraft der USA. Auch die Produktivkraft unseres Landes ist erheblich gestiegen, so daß es an der Zeit wäre, diesem Tatbestand durch entsprechende Angleichung der Arbeitszeiten Rechnung zu tragen.

Vielfach wird aber das Begehren der Gewerkschaften nach Verringerung der Arbeitszeiten gerade von den Arbeitnehmern mißverstanden und als Versuch angesehen, indirekt die Löhne zu steigern. Man meint, daß wohl die Pflicht arbeitszeit gesenkt werden solle, nicht aber die tatsächlichen Arbeitszeiten, was wieder hieße, die von der Pflichtarbeitszeit gestrichenen Stunden als Ueberstun-den weiterhin zu leisten und dazu noch mit einem Zuschlag (dem „Mehrarbeitszuschlag“ zum Grundlohn). Eine solche Wandlung der I.ohnstruktur kann aber bei vielen Betrieben zu Kosten- und Preiserhöhungen führen. Daher wendet sich auch Präsident Böhm in der letzten „Solidarität“ freimütig gegen das.Ueberstunden-schinden. Bestenfalls führt ein Vorgang der geschilderten Art zu gleicher Freizeit bei gleicher Kaufkraft. Zudem werden politisch schwächere Arbeitnehmergruppen durch stärkere* übervorteilt.

Die Art der Kapitalausstattung und der verhältnismäßige Anteil der Arbeitskosten sind von Betrieb zu Betrieb verschieden. Manche Betriebe, wie die Dienstleistungsbetriebe (Handel, persönliche Dienstleistungen, Friseure), können die Arbeitsleistung je Arbeitskraft kaum oder nur unzureichend erhöhen. Kommt es zu einer bundeseinheitlichen Regelung, führt die Arbeitszeitkürzung bei diesen Betrieben zu unvermeidbaren Kosten- und Preiserhöhungen. Jede bundeseinheitliche Regelung und eine allzu knappe Terminisierung des Planes zur Kürzung der Arbeitszeit provoziert Kosten- und Preisverzerrungen. In vielen Fällen wird dann Freizeit durch Wohlstandsverminderung gekauft.

Wir können nicht gut behaupten, daß die Reallöhne in Oesterreich keine weitere Erhö-

hung nötig hätten. Angesichts der Diskussion um die Kürzung der Arbeitszeit fragen sich daher viele, ob es nicht besser wäre, da, wo Kostenvorteile ersichtlich sind, sie den Konsumenten in Form von Preisverbilligungen, den Unternehmungen für die Stärkung der Erzeugungskraft und vor allem den Arbeitern als Mehrlohn zuzuführen. Da's sollte keineswegs auf Dauer geschehen, aber doch so lange, als unsere Löhne unter dem westeuropäischen Durchschnitt liegen und wir im Ausland gegenüber der Konkurrenz mit unseren Waren oft nur deshalb bestehen können, weil wir soziales Dumping betreiben. Auch für die Dauer der Anpassungsschwierigkeiten im Verlauf der Bildung gesamteuropäischer Märkte wäre eine Steigerung unserer Arbeitsleistungen — selbstverständlich bei entsprechender Lohnnachziehung — sicher besser als ein ungeregeltes, wenn auch bundeseinheitliches Senken der Arbeitszeit. Für einige Jahre hieße das: Nur wenig mehr Freizeit, aber dafür mehr Reallohn.

Man sollte auch nicht vergessen: Mehr Freizeit haben heißt auch: mehr Bedürfnisse haben. Erinnern wir uns jetzt im September, daß gerade die große Freizeit des Urlaubes die meisten Chancen bot, Geld auszugeben. Eine Erhöhung der Freizeit, die nicht mit einer Erhöhung des Reallohnes verbunden ist, kann zu einer besonders gearteten Unzufriedenheit führen. Es kann sein, daß g e r a d e\ w e i 1 die Menschen mehr Freizeit zugestanden erhielten, sie weniger zufrieden sind als vorher. Die Folge sind dann die Flucht in den Nebenberuf, wenn nicht in einen zweiten Hauptberuf, oder das Verlangen von Ueberstunden, so daß die Menschen unter Umständen tatsächlich mehr arbeiten als vor der Arbeitszeitkürzung.

Es wäre meines Erachtens Sache der P a r i-tätischen Kommission — einer nützlichen Einrichtung, der man einen sehr langen provisorischen Bestand wünschen muß —, die Sache der Kürzung der Arbeitszeiten, die im Prinzip unvermeidbar geworden ist, von Fall zu Fall zu prüfen und nur da der Reduktion der Arbeitszeit zuzustimmen, wo dies ohne Erhöhung der Stückkosten möglich ist.

Bei der- Auseinandersetzung um die Kürzung der Arbeitszeit kommt es wahrlich nicht auf das Prinzip an. Es ist unleugbar, daß die Möglichkeiten für eine Kürzung der Arbeitszeiten gegeben sind. Zumindest müßte das bei den meisten Betrieben heute auf das Ausmaß von 45 Wochenstunden möglich sem, auf ein Ausmaß also, das auch viele Oststaaten bereits erreicht haben. Nur sollte man sich vor Schematisierungen hüten, vor der Annahme, daß die

Verhältnisse in den Betrieben „bundeseinheitlich“ sind.

Das gilt auch für den Terminplan. Wir können die Entwicklung nicht absehen, müssen aoer rechnen, daß manche Unternehmungen der ausländischen Konkurrenz nur schwer standhalten können. Also keine Vorwegnahme künftiger Entwicklungen! Besser ist es wohl, das, was da und meßbar ist, zur Grundlage von Entscheidungen nehmen. Aber keine „bundeseinheitlichen“ Entscheidungen. Wir leiden heute noch an den schematischen Preisfixierungen der Nachkriegszeit.

Gleichzeitig sollte man auch alle Bemühungen verstärken, die Zeit des Arbeitsweges zu kürzen. Was nützt eine Verringerung der Tagesarbeitszeit von einer halben Stunde, wenn zugleich Zehntausende von Arbeitern zweimal zwei Stunden im Tag auf dem Weg von und zur Arbeitsstätte sein müssen, wenn die Menschen sich oft in den schandbar überfüllten Verkehrsmitteln mehr abmühen müssen als im Arbeitsprozeß selbst.

Das Grundanliegen aber bleibt da und bedarf ernster Bemühungen: Dem Menschen mehr Zeit dafür geben, daß er Mensch sein kann.

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