Astleitner - © Foto: Skokanitsch Fotografie
Politik

„Druck auf Arbeitnehmer wurde erhöht“

1945 1960 1980 2000 2020

Soziologe Franz Astleithner über den Wandel der Arbeitswelten und die Frage nach deren politischer Gestaltung.

1945 1960 1980 2000 2020

Soziologe Franz Astleithner über den Wandel der Arbeitswelten und die Frage nach deren politischer Gestaltung.

Franz Astleithner forscht als Soziologe und Volkswirt zu Arbeitszeitflexibilisierung. Ein Ge- spräch über gekappte Mitbestimmung, abgesenkte Mindeststandards, Unterbietungswettbewerbe und den wunden Punkt abwandernder Unternehmen in globalen Märkten.

DIE FURCHE: Herr Astleithner, zur Bilanz der türkis-blauen Bundesregierung gehören ganz zentral Änderungen bei Arbeitsbedingungen, Stichwort 12-Stunden-Tag und 60-Stunden-Woche. Was haben die vergangenen 17 Monate am Erwerbsleben geändert?
Franz Astleithner: Es braucht Zeit, bis politische Entscheidungen wirken. Analysieren kann man de facto nur, wie sich beschlossene Gesetze langfristig auswirken. Das Regierungsprogramm insgesamt zeigt, dass der Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöht wurde. Die Möglichkeit eines 12-Stunden-Tages gab es ja auch schon zuvor, etwa über Betriebsvereinbarungen. Schlussendlich also mit relativ starker Mitbestimmung der Arbeitnehmervertretung. Zuletzt wurden vor allem diese Mitbestimmungskanäle gekappt.

DIE FURCHE: Ihre Bilanz: Türkis-Blau hat die Verhältnisse am Arbeitsmarkt zugunsten der Arbeitgeber- und zulasten der Arbeitnehmerseite verschoben?
Astleithner: Ganz klar. Und Schutzmechanismen zurückgenommen, so dass der einzelne Arbeitnehmer wieder stärker den Marktmechanismen ausgesetzt ist als zuvor. Generell führt ein Absenken sozialer Mindeststandards, etwa im Fall der Mindestsicherung oder Arbeitslosenversicherung, zu einer Verschärfung der Konkurrenz unter Arbeitnehmern. Nach rein neoklassischer Schule könnte man sagen: Die Einkommen sind zu hoch. Sie müssen gesenkt werden, dann bekommen die Menschen wieder Arbeit. Aus gesellschaftlicher Perspektive stellt sich aber die Frage: Wie weit will man da gehen? Sowohl Schwarz-Blau I, als auch Türkis-Blau haben gewisse Standards, die in einem Nachkriegskonsens etabliert wurden, nach unten verschoben.

DIE FURCHE: Dass Türkis-Blau eher Politik für Unternehmer als den einzelnen Arbeitnehmer machte, war aufgrund der ÖVP-Programmatik als Wirtschaftspartei nicht überraschend. Legitime Forderungen nach besserem Ausgleich haben allerdings einen wunden Punkt: Wir leben nicht mehr in nationalen (Arbeits-)Märkten, sondern in einer globalisierten Welt. Werden die Kosten für Unternehmen zu hoch, sperren kleine und mittelständische zu, Großkonzerne wandern ins billigere Ausland ab.
Astleithner: Antworten in dieser Frage sind tatsächlich nicht einfach. Man kann den Standortwettbewerb als Faktum und alternativlos betrachten. Und man kann die Gegenfrage aufbringen: Wo führt das hin? Im Regelfall zu einem „race to the bottom“: Was immer man in westlichen Industrienationen an Standards aufgebaut hat, würde man wohl wieder verlieren.

DIE FURCHE: Ein Unterbietungswettbewerb.
Astleithner: Bei den Unternehmensbesteuerungen gibt es ein kontinuierliches Absenken, das den eigenen Standort attraktiver machen soll. Langfristig ist dadurch ein Verlust der Sozialstaatlichkeit zu befürchten. Man kann die Sache also auch umgekehrt formulieren: als „no alternative“ zum sozialstaatlichen Konsens, der einst etabliert wurde. Jürgen Habermas sagte: Die Politik muss den transnationalen Konzernen wieder nachwachsen. Die EU als transnationale Konstruktion könnte da ein Gegengewicht sein und Mindeststandards einführen. Sie wäre als globaler Player groß genug, einen anderen Wettbewerb als den rein ökonomischen Standortwettbewerb zu etablieren. Einen Wettbewerb der Lebensqualität, um die besseren Lebensbedingungen und die inklusivere Gesellschaft, in der letztlich alle zufriedener und gesünder sind, wie etwa der Ökonom Anthony Atkinson ausführte.

Franz Astleithner forscht als Soziologe und Volkswirt zu Arbeitszeitflexibilisierung. Ein Ge- spräch über gekappte Mitbestimmung, abgesenkte Mindeststandards, Unterbietungswettbewerbe und den wunden Punkt abwandernder Unternehmen in globalen Märkten.

DIE FURCHE: Herr Astleithner, zur Bilanz der türkis-blauen Bundesregierung gehören ganz zentral Änderungen bei Arbeitsbedingungen, Stichwort 12-Stunden-Tag und 60-Stunden-Woche. Was haben die vergangenen 17 Monate am Erwerbsleben geändert?
Franz Astleithner: Es braucht Zeit, bis politische Entscheidungen wirken. Analysieren kann man de facto nur, wie sich beschlossene Gesetze langfristig auswirken. Das Regierungsprogramm insgesamt zeigt, dass der Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöht wurde. Die Möglichkeit eines 12-Stunden-Tages gab es ja auch schon zuvor, etwa über Betriebsvereinbarungen. Schlussendlich also mit relativ starker Mitbestimmung der Arbeitnehmervertretung. Zuletzt wurden vor allem diese Mitbestimmungskanäle gekappt.

DIE FURCHE: Ihre Bilanz: Türkis-Blau hat die Verhältnisse am Arbeitsmarkt zugunsten der Arbeitgeber- und zulasten der Arbeitnehmerseite verschoben?
Astleithner: Ganz klar. Und Schutzmechanismen zurückgenommen, so dass der einzelne Arbeitnehmer wieder stärker den Marktmechanismen ausgesetzt ist als zuvor. Generell führt ein Absenken sozialer Mindeststandards, etwa im Fall der Mindestsicherung oder Arbeitslosenversicherung, zu einer Verschärfung der Konkurrenz unter Arbeitnehmern. Nach rein neoklassischer Schule könnte man sagen: Die Einkommen sind zu hoch. Sie müssen gesenkt werden, dann bekommen die Menschen wieder Arbeit. Aus gesellschaftlicher Perspektive stellt sich aber die Frage: Wie weit will man da gehen? Sowohl Schwarz-Blau I, als auch Türkis-Blau haben gewisse Standards, die in einem Nachkriegskonsens etabliert wurden, nach unten verschoben.

DIE FURCHE: Dass Türkis-Blau eher Politik für Unternehmer als den einzelnen Arbeitnehmer machte, war aufgrund der ÖVP-Programmatik als Wirtschaftspartei nicht überraschend. Legitime Forderungen nach besserem Ausgleich haben allerdings einen wunden Punkt: Wir leben nicht mehr in nationalen (Arbeits-)Märkten, sondern in einer globalisierten Welt. Werden die Kosten für Unternehmen zu hoch, sperren kleine und mittelständische zu, Großkonzerne wandern ins billigere Ausland ab.
Astleithner: Antworten in dieser Frage sind tatsächlich nicht einfach. Man kann den Standortwettbewerb als Faktum und alternativlos betrachten. Und man kann die Gegenfrage aufbringen: Wo führt das hin? Im Regelfall zu einem „race to the bottom“: Was immer man in westlichen Industrienationen an Standards aufgebaut hat, würde man wohl wieder verlieren.

DIE FURCHE: Ein Unterbietungswettbewerb.
Astleithner: Bei den Unternehmensbesteuerungen gibt es ein kontinuierliches Absenken, das den eigenen Standort attraktiver machen soll. Langfristig ist dadurch ein Verlust der Sozialstaatlichkeit zu befürchten. Man kann die Sache also auch umgekehrt formulieren: als „no alternative“ zum sozialstaatlichen Konsens, der einst etabliert wurde. Jürgen Habermas sagte: Die Politik muss den transnationalen Konzernen wieder nachwachsen. Die EU als transnationale Konstruktion könnte da ein Gegengewicht sein und Mindeststandards einführen. Sie wäre als globaler Player groß genug, einen anderen Wettbewerb als den rein ökonomischen Standortwettbewerb zu etablieren. Einen Wettbewerb der Lebensqualität, um die besseren Lebensbedingungen und die inklusivere Gesellschaft, in der letztlich alle zufriedener und gesünder sind, wie etwa der Ökonom Anthony Atkinson ausführte.

Und dann gibt es da noch die Frage: Wer putzt die dreckigen Toiletten? Denn auch in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen wird es jemanden geben müssen, der das tut.

DIE FURCHE: Gefühlt ist der Arbeitsdruck für die meisten Arbeitnehmer – etwa im Vergleich zu den 70er- und 80er-Jahren – massiv gestiegen. Was sagt die Wissenschaft?
Astleithner: Quantitative Vergleiche sind schwierig – auch weil es historisch unterschiedlich ist, was die Menschen unter Arbeitsdruck verstehen. Die Arbeitszeit jedenfalls ist im historischen Vergleich stark gesunken. Seit der Industrialisierung ohnehin, aber etwa auch seit den 1980er-Jahren – vor allem auch durch die Zunahme von Teilzeit. Das betrifft auch die Lebensarbeitszeit. Die Starrheit der Arbeitszeiten nimmt gleichzeitig ab. Es wird flüssiger.

DIE FURCHE: Die Babyboomer-Generation und jene davor hatten bei Eintritt ins Berufsleben oft noch die Wahl zwischen mehreren Jobs. Bei jungen Menschen dagegen gilt in vielen Branchen: Für eine einzige freie Stelle gibt es Heerscharen an konkurrierenden Bewerbern. Wie lässt sich das Gefühl von Arbeitsdruck da überhaupt erfassen?
Astleithner: Es gibt etwa Studien zur Frage, ob Zeitdruck und Arbeitsintensität zugenommen haben. In Österreich wird bei den psychischen Belastungen am Arbeitsplatz Zeitdruck am häufigsten genannt. Rund 40 Prozent geben an, häufig unter Zeitdruck zu arbeiten. Dieser Wert hat sich seit 2003 erhöht. Auf europäischer Ebene ist der Anteil der Menschen, die angeben, nach der Arbeit zu müde für Hausarbeit zu sein, von 2007 auf 2016 von 49 auf 60 Prozent gestiegen. Dazu gibt es eine recht starke Zunahme von psychischen Erkrankungen, die relativ lange Krankenstandszeiten nach sich ziehen.

DIE FURCHE: Während die vergangene Bundesregierung die Höchstarbeitszeit ausgeweitet hat, schwelt auch eine Diskussion über eine generelle Arbeitszeitverkürzung, Stichwort 30-Stunden-Woche. Aber wie ließe sich die gegenfinanzieren?
Astleithner: Arbeitszeitverkürzung ist grundsätzlich eine Verteilungsfrage. Für eine Verkürzung bei vollem Lohnausgleich gibt es unterschiedliche Modelle, die je nach Ausgestaltung verschiedene Bevölkerungsgruppen belasten würden. Betrachtet man die Produktivitätssteigerungen und die Zunahme des BIP pro Kopf, ist eine Arbeitszeitverkürzung rein von der Quantität der Wirtschaftsleistung her jedenfalls möglich. Es ist also vor allem eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens. Historisch betrachtet gab es von Arbeitgeberseite stets die gleichen Argumente gegen eine Arbeitszeitverkürzung wie heute. Viele positive Aspekte davon schlagen sich allerdings nur in öffentlichen Budgets nieder. Wenn Langzeitkrankenstände und Frühpensionierungen zurückgehen, spüre ich das als Unternehmer nicht wirklich, aber volkswirtschaftlich macht es einen Unterschied. Arbeitszeitverkürzung müsste aber sinnvollerweise mit Maßnahmen gegen Arbeitszeitverdichtung einhergehen.

DIE FURCHE: Die klassische Finanzierungsidee ist: Wenn die Effizienz in der Produktion durch Digitalisierung und Roboterisierung weiter steigt und Unternehmen Kosten senken können, wäre eine Steuer einzuführen, über die die Unternehmen etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Das könnte allen Arbeitnehmern, etwa über eine Arbeitszeitverkürzung, entgegen kommen. Oder gar in Richtung bedingungsloses Grundeinkommen führen.
Astleithner: Das Grundeinkommen ist wissenschaftlich sehr umstritten. Es gibt starke Verfechter und starke Opponenten. Ich finde es moralisch eine schöne Utopie, den Menschen einfach als Mensch zu akzeptieren – unabhängig von seiner ökonomischen Wertschöpfungsleistung. Die Frage ist aber: Was passiert mit den Menschen, die dann aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden? Bekommen die noch Teilhabe-Chancen an der Gesellschaft oder werden sie nur abgeschoben? Aktuell sind wir gesellschaftlich vielleicht noch zu weit weg von der Denkbarkeit eines Lebens jenseits der ökonomischen Verwertbarkeit. Und dann gibt es da noch die Frage: Wer putzt die dreckigen Toiletten? Denn auch in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen wird es irgendjemanden geben müssen, der das tut. Trägt ein Grundeinkommen zu einer Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Menschen bei, ist es ein Erfolg. Ob das so ist, lässt sich aus heutiger Perspektive schwer sagen.

DIE FURCHE: Wie wird sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahren verändern? Welche Trends gibt es da?
Astleithner: Die Digitalisierung war das dominierende Thema in den vergangenen Jahrzehnten und wird es auch weiterhin bleiben. Die Frage ist: Welche Akteure haben künftig Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse? Die Gefahr ist, dass die bereits stattfindende Polarisierung in der Erwerbsarbeit weiter zunimmt: Schlecht bezahlte Routinetätigkeiten, die von niedrig Qualifizierten ausgeführt werden, auf der einen Seite. Spitzenjobs, die mit hoher Identifikation mit der Arbeit, langen Arbeitszeiten und viel Autonomie einhergehen, auf der anderen. Die hohe Arbeitslosigkeit unter niedrig Qualifizierten wird eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung sein. Hinzu kommt das stärker werdende Thema der Überforderung in einem System der Freiheit und der Selbstverantwortung, das sich noch dazu rasend schnell wandelt.

Franz Astleithner ist Soziologe, Volkswirt und Lektor an der Uni Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Arbeitsverhältnisse und Arbeitszeitflexibilisierung.