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Trotz 30.000.000.000 kein bißchen klüger?

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Industriellenvereinigung übergibt Forderungskatalog an die kommende Bundesregierung. Ein Hauptpunkt ist der 30 Mrd. schwere Markt für die Weiterbildung Erwachsener: das lebenslange Lernen

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Industriellenvereinigung übergibt Forderungskatalog an die kommende Bundesregierung. Ein Hauptpunkt ist der 30 Mrd. schwere Markt für die Weiterbildung Erwachsener: das lebenslange Lernen

Weiterbildung ist ein wichtiger Punkt in "Unternehmerland Österreich", einem Papier, das die Industriellenvereinigung als Forderungsprogramm an die neue Bundesregierung verstanden wissen will. Insgesamt werden - so Gerhard Riemer, Bildungsreferent der Industriellenvereinigung - "15 Ziele formuliert und 10 Projekte vorgeschlagen, die von der neuen Bundesregierung angegangen werden müssen, um auch in Zukunft Beschäftigung und Wohlstand in Österreich zu sichern."

Wie wichtig der Industriellenvereinigung die berufliche Weiterbildung ist, ersieht man an der Rangordnung innerhalb des Forderungskataloges an die kommende Bundesregierung. Dort findet man unter den 10 ausgewählten Projektvorschlägen unter Projekt 1: "Top Bildung für Erwachsene und Kinder".

Mit diesem Projekt soll Österreichs Bildungswesen unter den TOP-3 in Europa für Bildung und Weiterbildung positioniert werden. Neben Maßnahmenpaketen wie einer konsequenten Internationalisierung des Bildungswesens durch Forcierung der Fremdsprachenausbildung, einer Modernisierung und Flexibilisierung der Lehrlingsausbildung durch Bürokratieabbau und der raschen Einführung neuer Berufe, drängt die IV darauf, das Verhältnis zwischen Erstausbildung und Weiterbildung neu zu definieren.

Die Reihung "Erwachsene vor Kinder" mag ein Zufall sein. Unbestritten ist, daß derzeit rund 90% aller für die (Aus)-Bildungsbereiche vorgesehenen Mittel in die Erstausbildung fließen. Lediglich 10% werden für Weiterbildungsaktivitäten, also für das Updating von Wissen und Können aufgewendet. Angesichts neuer Herausforderungen ein Tropfen auf den heißen Stein - und dies, obwohl einerseits rund 70% des berufsrelevanten Wissens im Erwachsenenalter erworben wird, andererseits der Weiterbildungsbereich mit derzeit rund 30 Mrd. zu den am stärksten wachsenden Bereichen in der österreichischen Dienstleistungslandschaft zählt.

Wenn man sich vor Augen führt, daß mehr als 1/3 der Gesamtkosten, also etwa 10 Mrd. von Privaten aufgebracht wird, zeigt dies den Mangel an öffentlicher Unterstützung sehr deutlich. Die Unternehmen haben die Bedeutung der Investitionen in die Mitarbeiter erkannt und kommen für den größten Teil der Kosten auf (etwa 12 Mrd.), der Rest (ca. 5 Mrd.) verteilt sich auf Bund, Länder und Gemeinden.

Eine derartige stiefmütterliche Behandlung von Weiterbildung durch den Staat ist nicht mehr vertretbar und muß so schnell wie möglich korrigiert werden. Die OECD konstatiert Österreich im Bereich Weiterbildung eine Lücke von 15 Mrd. Schilling. Im Hinblick auf die raschen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft wird es in Zukunft unmöglich sein, von einer Ausbildung, die man in der Jugend erhalten hat, ein ganzes Berufsleben zu zehren. Einer laufenden Anpassung von Wissen und Fähigkeiten an die neuen Anforderungen der Arbeitswelt durch kontinuierliche Weiterbildung kommt in praktisch allen Berufen wachsende Bedeutung zu. Eine Fülle an Argumenten untermauert die Forderung nach einer Neuorientierung der Bildungspolitik: Das Tempo des Wissenswachstums Wissen veraltet immer rascher. Alle paar Jahre verdoppelt sich das Wissensangebot in vielen Bereichen. Ein Schritthalten ist unerläßlich und muß unterstützt werden. Auch durch Maßnahmen der öffentlichen Hand. Es kann nicht die Weiterbildung allein auf private und betriebliche Initiativen abgeschoben werden. Eine abnehmende Halbwertszeit von Fachwissen bedeutet, daß man nur durch kontinuierliche Weiterbildung am Ball bleiben kann Die Internationalisierung des Wissensmarketes Zwei große globale Strömungen prägen immer mehr den Wissens- und Informationstransfer. Einerseits die Internationalisierung der Wirtschaft, die interkulturelle Kompetenz verlangt. Also nicht nur Wissen über Neuwissen, sondern auch Wissen über kulturelle Eigenheiten der verschiedenen Weltregionen. Wissens- und Mentalitätstransfers sind gefordert.

Andererseits bietet die derzeitige Informations- und Kommunikationstechnologie jederzeitige Verfügbarkeit von Wissen und Information. Das Handhaben dieser Technologien muß den Österreicherinnen und Österreichern in Fleisch und Blut übergehen. Hierbei werden die Kinder immer mehr zu den Lehrern ihrer Eltern.

Die demographische Entwicklung der Bevölkerung: Ab 2010 werden deutlich weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Dies bedeutet, daß ab diesem Zeitpunkt die heute 35-40-jährigen das Innovationsloch stopfen müssen. Geistige Fitness ist dafür unabdingbar. Die grauen Panther sind gefordert. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, muß heute die Weiterbildung dieser 35-40jährigen extrem forciert werden.

Den meisten Unternehmen sind diese Herausforderungen bewußt. Durchschnittlich investieren Industrieunternehmen ca. 1,65% der Lohn- und Gehaltssumme in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Bei einem Drittel der Unternehmen liegt dieser Wert sogar bei über 2,5% der Personalkosten. Nun ist die öffentliche Hand gefordert, ihren Beitrag zur Zukunftssicherung zu leisten.

Konkret schlägt die Industriellenvereinigung vor: Eine stärkere Beteiligung des Staates bei der Finanzierung von Weiterbildung Grundsätzlich hat für die Weiterbildung zu gelten, daß die Finanzierung auch weiterhin zwischen Privaten, Unternehmen und öffentlicher Hand geteilt wird. Der Anteil der Weiterbildung, die vom Staat finanziert wird, muß jedoch sukzessive erhöht werden. Die aktuelle Steuerreform geht in die richtige Richtung. Die Politik hat richtig reagiert und ist offensichtlich gewillt, ihre Verantwortung besser wahrzunehmen: Unternehmen, die Weiterbildungsmaßnahmen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zukaufen, können für diese Aufwendungen einen Steuerfreibetrag von 9% geltend machen. Daß das nur ein erster Schritt sein kann, zeigt ein Blick nach Holland. Dort können Unternehmen einen Freibetrag von 20% für alle Weiterbildungsausgaben geltend machen; betrifft eine Weiterbildungsmaßnahme einen über 40jährigen kann ein Freibetrag von 40% in Anspruch genommen werden.

Ein eigenes Ministerium für Bildung und Wissenschaft Nach den Vorstellungen der IV sollen alle Bildungsmaßnahmen unter einem Dach zusammengefaßt werden. Eine Aufsplittung von Bildungsangelegenheiten wie bisher auf unterschiedliche Ministerien steht der Bedeutung, die diesem Gebiet für die Zukunft unseres Landes zukommt, entgegen. Dazu kommt, daß die meisten EU-Staaten über ein gemeinsames Ministerium für Schulen, Universitäten und Weiterbildung verfügen. Die Koordination von Bildungsfragen in der nationalen Politik und die Zusammenarbeit auf EU-Ebene würde durch ein Bildungsministerium deutlich erleichtert werden und zu Synergien führen.

Eine Imageoffensive für Weiterbildung Der breiten Bevölkerung muß bewußt gemacht werden, daß lebensbegleitendes Lernen der vielleicht wichtigste Weg zur Sicherung des Arbeitsplatzes und für beruflichen Erfolg ist und der einzelne für seine eigene "employability" verantwortlich ist. Jene Länder, die rechtzeitig in Weiterbildung investieren, werden im internationalen Wettbewerb erfolgreicher sein. Nicht nur die Fachminister, sondern die gesamte Bundesregierung - allen voran der Bundeskanzler - sollten nach dem Beispiel des EU- Jahres 1996 für lebenslanges Lernen eintreten und die notwendigen Maßnahmen setzen.

Im europäischen Vergleich kann sich das österreichische Bildungswesen sehen lassen. Es besteht aber die Gefahr, daß die Zeichen der Zeit und die Bedeutung der Weiterbildung übersehen werden. Die Bundesregierung ist gefordert, entsprechend zu handeln. Die vorliegenden Vorschläge aus dem IV-Papier Unternehmerland Österreich sind dafür wie geschaffen.

Dieser Beitrag wurde mit einem Druckkostenbeitrag gefördert.

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