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Sind die Universitäten "verrottet"?

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Wie gültig ist der Satz "Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei" in einer immer mehr am Markt orientierten Gesellschaft?

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Wie gültig ist der Satz "Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei" in einer immer mehr am Markt orientierten Gesellschaft?

Den meisten Institutionen wird heute eine Krise nachgesagt, die Universitäten machen da keine Ausnahme. Der alljährliche Österreichische Wissenschaftstag im Fin-de-siecle-Ambiente des Grandhotels Panhans auf dem noch immer nicht untertunnelten Semmering brachte heuer unter dem Titel "Die Wissenschaft und ihre Lehre" alles zur Sprache, was Lehrende und Lernende an den Hochschulen bewegt - von Fragen der Massenuniversität und Studienqualität (auch im Vergleich mit Fachhochschullehrgängen) bis zur grundsätzlichen Positionierung der modernen Wissenschaft zwischen Markt, Politik und eigenem Anspruch.

Den 160 Teilnehmern, von allen österreichischen Universitäten und aus dem Ausland angereist, wurde vom Veranstalter, der Österreichischen Forschungsgemeinschaft unter Präsident Heinrich Neisser und Generalsekretär Gottfried Magerl, ein anstrengendes Vortrags- und Diskussionsprogramm geboten, das mehr Fragen aufwarf als es Ansätze für Lösungen lieferte. "In der Diagnose stark, in der Therapie schwach" urteilten am Ende nahezu unisono Bernd Schilcher, Jurist an der Grazer Universität, und Werner Welzig, Germanist und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Wichtig: Evaluation Gleich zu Beginn stellte angesichts der zunehmenden Technisierung aller Lebensbereiche der Darmstädter Philosoph Gernot Böhme am Beispiel der modernen Medizin die Frage nach der Ethik in der Wissenschaft. Der Mensch werde als Maschine oder als ausschlachtbares Wrack angesehen. Es sei eine Definition nötig, wann die Technisierung des Menschen ihre Grenze erreicht habe. Böhme hält es für nötig, daß Schranken errichtet werden: "Wir müssen uns als Demokraten neu überlegen, wie Menschenwürde zu definieren ist."

Für den Berliner Kulturphilosophen Oswald Schwemmer ist der Lauf der Wissenschaft samt ihren Folgen kaum zu bremsen: "Die Lebenswelt von heute ist die Wissenschaft von vorgestern", erklärte er. Wie freudig kann man demnach der Lebenswelt von übermorgen entgegenblicken?

Wie sehr die Universitäten heute auf dem Prüfstand stehen, hob besonders Jürgen Lüttje, Präsident der Universität Hamburg, hervor: Sie müssen um ihrer Freiheit willen aus eigener Kraft die Gesellschaft von ihrer Qualität und ihrer Effizienz überzeugen, haben derzeit jedoch neben manchen Stärken eine Kommunikations- und Kooperationsschwäche. Die norddeutschen Universitäten arbeiten bereits seit Jahren mit konkreten Zielvereinbarungen und interner und externer Evaluation. Von 1. April 1994 bis Ende des laufenden Studienjahres werden zwölf Studienfächer und damit 57 Fachbereiche beziehungsweise Institute an mehreren Universitäten evaluiert sein. Den Aufwand für ein solches Verfahren, das alle zehn Jahre ablaufen und zwei Semester dauern sollte (eines intern, eines extern), beziffert Lüttje mit 50.000 DM (350.000 Schilling). Gutachter erhalten kein Honorar, nehmen aber selbst wertvolle Erfahrungen mit. Als sehr positiv sieht es Lüttje an, daß eine echte Streitkultur entwickelt wird.

Für ihn ist es wichtig, daß die Diskussion nicht auf die Lehre reduziert wird, denn es gehe um das Studium überhaupt, auch um das Prüfen. Nach Lüttjes Erfahrung wollen Studierende bewertet werden, sie beklagen oft die Feigheit der Lehrenden. Prüfungen können gerade dann, wenn sie nicht vom lehrenden, sondern einem anderen Professor, vorgenommen werden, eine gute Art der Evaluation sein. Zum Einwand in der Diskussion, das Neue müsse sich oft in Minderheiten gegen den jeweiligen Mainstream durchsetzen und werde nicht durch Evaluation gefunden, meinte Lüttje, gerade externe Evaluation sei als Minderheitenschutz wichtig.

Eine Zukunftsperspektive eröffnete Donald Langenberg, Kanzler des Universitätenverbundes von Maryland, der 13 Institutionen der Forschung und Wissenschaft mit 130.000 Studierenden umfaßt. Er verwies auf ein Wort von Erich Fromm, die Gesellschaft sollte nicht nur für die Bildung von Kindern, sondern auch von Erwachsenen Verantwortung tragen. Beim Studium seien die Zeiten, wo man praktisch alles verkaufen konnte, vorbei. Die Studierenden, vor allem die älteren, suchen nach ganz bestimmten Angeboten und belegen oft zugleich Kurse in verschiedenen Einrichtungen.

Ein Hochschulabschluß mag für Arbeitgeber nach wie vor wichtig sein, ist aber sicher nicht so entscheidend wie bestimmte Qualifikationen: Sprachkenntnisse oder die Fähigkeiten, ein Team zu leiten und Probleme zu lösen. Ist schon jetzt fast die Hälfte der Studierenden über 25 Jahre alt, so schätzt Langenberg, daß es in 20 Jahren - bei doppelter Studentenzahl - drei Viertel sein werden. Für ihn kam die neue Technologie zur rechten Zeit. Maryland bietet via Internet Fernstudien. 5.000 der Studenten - die Zahl hat sich in den letzten drei Jahren verdreifacht - waren noch nie in Maryland. Langenberg sieht zwar Gefahren - "Was geschieht, wenn die Universität im Cyber Space verschwindet?" -, aber er meint, daß das Leben am Campus, der Besuch der Bibliothek attraktiv bleibt. Wichtig sei Interaktion, reines Zusenden von Studienmaterial via Internet und auf Video komme nicht an.

Vorrang für Bildung Jüngere Studenten bedürfen eher der konkreten Anleitung, um einmal ein Basiswissen zu erhalten, ältere suchen gezielte Angebote. Gerade erwachsene Studenten aus der beruflichen Praxis beleben fachliche Diskussionen. Langenberg berichtete zur allgemeinen Erheiterung, wie er ein Jus-Seminar miterlebte, an dem lauter muskelbepackte Zwei-Meter-Männer teilnahmen. Es stellte sich heraus, daß es Angehörige der Kriminalpolizei von Chicago waren, die mit vielen praktischen Erfahrungen zu einer wertvollen Diskussion beitragen konnten.

Eine rasche Ausbreitung von "Online-Universitäten" erwartet der Salzburger Romanist Hans Goebl in naher Zukunft nicht. Er hält es für wichtig, daß die Einheit von Forschung und Lehre zumindest in der Institution Universität gesichert bleibt, wenn schon nicht in allen dort tätigen Personen. Goebl hält auch die Lehrerausbildung an den Universitäten für sehr wichtig, weil die Lehrer dann auch in Ausübung ihres Berufes Kontakt zu moderner Forschung behalten.

Für Vorrang der Bildung gegenüber einer reinen Berufsausbildung plädiert der Grazer Soziologe Manfred Prisching und sieht auch in den hohen Drop-out-Raten der Universitäten keinen negativen Indikator. Die Fachhochschulen hält er für total verschult. Er räumt zwar ein, daß die Wissenschaft gegenüber ökonomischen Forderungen offener werden müsse - "Gebt dem Markt, was des Marktes ist!" -, warnt aber, zu viel Kundenorientierung könne bei einer "RTL-Universität" enden. Seitens der Industriellenvereinigung betonte deren Generalsekretär Lorenz Fritz, die Industrie sei der Wissenschaft beim Begreifen moderner Veränderungen - Prozeßdenken ersetzt funktionales Denken - weit voraus. Für ihn gehört die Erstausbildung gekürzt und - hier spürte man eine Parallele zu Langenbergs Bericht - die Weiterbildung als zweiter großer Markt ausgebaut. Schlüsselqualifikationen seien auszubilden: Kreativität, soziale Kompetenz, Verantwortungsbereitschaft, Sich-verständlich-ausdrücken-Können, mindestens zwei Fremdsprachen. Auslandsaufenthalte, Jobs neben dem Studium und in den Ferien sollten selbstverständlich werden. Wie er die Lage hierzulande einschätzt, faßte Fritz in einem Zitat von Julius Meinl, "dem Dritten", zusammen: "Österreich ist noch zu jeder Verspätung zurechtgekommen."

Was die Politik von der Wissenschaft erwarte, war das Thema des langjährigen SPD-Politikers, Kommunikationswissenschafters und nunmehrigen Rektors der Universität Erfurt, Peter Glotz. Er hatte einmal die deutschen Universitäten "verrottet" genannt. Glotz hält eine Hochschulreform mit einem neuen Dienstrecht für nötig. Europas Universitäten seien zurückgeblieben, man sollte einzelne privatisieren und sich neue Finanzierungsformen einfallen lassen. Wissenschaft nur nach Nutzeffekt zu betrachten, wäre jedenfalls ein fataler Irrtum. Die moderne Gesellschaft brauche auch die Philosophie und die Kunst. Mit einem Zitat von Karl Jaspers aus dem Jahr 1932 umriß Glotz den Ernst der Lage: "Mit der Universität sinken Gesellschaft und Staat ab."

"Auf nach Bremen!"

Für den Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann erfüllen zwar die Universitäten unter Bedachtnahme auf alle Rahmenbedingungen ihre Aufgabe noch immer recht passabel, er plädiert aber dafür, wieder ein "Philosophicum" einzuführen: "Ohne eine wissenschaftstheoretische Vorlesung als Pflicht mutieren Universitäten zu verträumten Berufsausbildungsstätten." Die Politik müsse Rahmenbedingungen setzen, es sei über die Studienfinanzierung und eine schärfere Auslese in der Eingangsphase nachzudenken. Universitäten als Dienstleistungsunternehmen oder Studenten als deren Kunden anzusehen, lehnt Liessmann ab.

Werner Welzig merkte in seinem kritischen Schlußwort an, ein Wissenschaftsminister könnte von dieser Veranstaltung mit der Einstellung weggehen: "Die wissen selbst nicht, was sie wollen." Überaus gelungen und pointiert servierte Welzig dann das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten als eine Geschichte von Solidarität und einem neuen Anfang und betonte, wie leicht es sein könne, Räuber in die Flucht zu schlagen. So endete dieser Wissenschaftstag 1998 unter Beifall und Gelächter in dem Schlachtruf: Auf nach Bremen!

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