System ohne Steuerung und Beziehung

In seinem Gastbeitrag begrüßt der Kommunikationswissenschafter Peter A. Bruck den Dialog an der Universität, zu dem die Regierung jetzt lädt. Soll der Dialog gelingen, braucht es Klarheit über die Kernprobleme der Universitäten. Gelingt der Dialog nicht, steigen Agitation und Zynismus .

Wissenschaftsminister Hahn hat den Weg vorwärts aus der Diskussion um die Besetzung des Audi Max gemacht und zu einem Hochschuldialog noch in diesem Monat eingeladen. Der Dialog kann jedoch nur dann etwas an der gegenwärtigen Lage ändern, wenn sich die Beteiligten den Kernproblemen stellen: der Steuerungsfähigkeit der Universitäten, der Bindungsverpflichtung der Studierenden, der Innovationsorientierung des Systems.

Der Sündenfall der Nationalratssitzung vom 24. September 2008 besteht nicht allein in der Änderung der Ausnahmeregelung der Studiengebühren, sondern in der Inszenierung einer öffentlichen Verblendungsorgie, die zu den Gipfeln von Hypokrasie in der aktuellen Tagespolitik gehört. Da sprachen Abgeordneten Sätze wie „Wir werden heute nach reiflichen Überlegungen mit größtem Verantwortungsbewusstsein Maßnahmen beschließen, die eine gute Zukunft für die Universitäten einleiten sollen“ (Steno-Protokoll, S. 292), wohl wissend, dass sie das Kernproblem der gegenwärtigen Uni-Misere durch ihre Beschlüsse nur massiv verschlechtern: die Steuerungslosigkeit.

Universitäten fehlt Planbarkeit

Mit großen Worten und ebensolcher Scheinheiligkeit wurde wissentlich und öffentlich an der Realität der Universitäten vorgeredet. Unter den Tagesordnungspunkten 14. und 15. beschloss der Nationalrat dann, den Universitäten des Landes auch die letzten regulären Möglichkeiten zu nehmen, die von Studierenden von ihnen geforderten Leistungen auch nur irgendwie mit den vorhandenen Ressourcen abzustimmen und damit auch erbringen zu können. Die Unis sind bekanntlich zurzeit der einzige Sektor unseres tertiären Bildungssystems, der diese Abstimmung nicht machen kann. Ein Irrwitz, der selbst den Bundeskanzler zum Entsetzen der ÖH zu Beginn dieser Woche zurückrudern ließ.

Die Diskussion um einen kostenloses Studienzugang wird jedoch gerade von ihm und seiner Partei weiterhin mit den Totschlagargumenten von sozialer Gerechtigkeit und von Studierenden mit studentischer Freiheit so ideologisiert, dass die von den Nationalratsbeschlüssen ausgelösten Konsequenzen nahezu vollkommen vernebelt werden: keine Organisation und daher auch keine Universität kann zielorientiert funktionieren, wenn die Nachfrage nach ihren Leistungen nicht geplant und die Ressourcen für diese Erbringung der Leistungen nicht gesteuert werden können. Diese Faktizität wäre in dem auch von Rektor Winckler geforderten Dialog mit Studierenden zu verdeutlichen. Denn eine Uni, die bis zum Ende der Inskriptionsfrist keine Idee haben kann, welches Studium von wie vielen Studierenden für wie lange und mit welcher Intensität belegt werden wird, kann die Lehre nicht planen und keine Bildung, die diesen Namen verdient, ermöglichen. Von Qualität ist da schon lange nicht mehr die Rede. Hier wird Realitätssinn verweigert, im Nationalrat genauso wie im Audi Max.

Der Sinn für das Machbare soll friedlich und diskursiv erarbeitet werden. Denn die Studentenproteste sind mehr als die in manchen Medien schon denunzierte, suppenkochende und maskiert sprayende Anarchie. Hier handelt es sich um soziale Innovationen an vielen Orten und auch von vielen kaum zusammenhängenden Gruppen, die anzuerkennen sind.

Die Selbstorganisation der Studierenden, der enorme Einsatz zu einem gemeinschaftlichen und nicht sofort hierarchisierenden Vorgehen, die Arbeitsgruppenorganisation und Informationsbeschaffung und -verbreitung haben eine Intensität und Breite, die mehr als nur begrüßenswert sind. Hier erarbeitet sich eine signifikante Teilgruppe der jungen Bevölkerung ihre Identität und das Selbstbewusstsein einer ganzen Generation.

Wer nicht zahlt, kann nicht fordern

Gerade deswegen sind der direkte Dialog mit den Studierenden und eine auf Realitäten ausgerichtete Auseinandersetzung wichtig. Wenn diese gelingen, hat Österreich sich einen gesellschaftlichen Wert geschaffen, der mehr zur „Standortqualität“ beträgt als viele besser kalkulierbare Parameter der so oft beschworenen „Wettbewerbsfähigkeit“.

Damit wäre auch ein weiterer, notwendiger Agendapunkt des Hochschulreformdialogs ein Thema: die Bindungsverpflichtung der Studierenden. Audi-Max-Besetzer, Grüne und andere ignorieren entscheidende, individuelle Aspekte von Studiengebühren/-beiträgen: die Notwendigkeit eines jeden Einzelnen, für sich klar zu priorisieren, wo sie oder er sich nachhaltig verpflichten und etwas erreichen will. Dort, wo Dinge nichts kosten, sind sie meistens auch nichts wert; die werden verschleudert und nicht sparsam, das heißt priorisierend genützt. Und noch wichtiger: eine Gegenleistung kann dann nicht direkt eingemahnt oder gefordert werden. Das führt genau zu jener Anomie im Uni-Lehrsystem, die die Studierenden dieser Tage beklagen, inklusive allen jenen Verantwortungslosigkeiten von Lehrenden, die die pathologischen Phänomene eines zugangsmäßigen Laissez-faire-Systems sein können.

Ohne Steuerung steigt Zynismus

Schließlich: in der Planung des Uni-Systems der kommenden Jahre müssen endlich auch die Anreize für Professorenschaft und Mittelbau neu geregelt werden. Zurzeit gibt es kaum professionelle und für die Karriere entscheidende Anreize, in der Lehre einsatzfreudig und kreativ zu sein und in der orientierten Forschung Innovationen zu produzieren und in den Markt zu bringen. Beides läuft nebenher und die Unis pflegen eine anreizmäßige Monokultur, in der Publikationen in wissenschaftlichen Top Journals nahezu der einzige gezählte Karriereparameter sind.

Bundesminister Hahn hat zur umfassenden Diskussion und klaren Entscheidung zu den größeren gesellschaftlichen Prioritäten für das österreichische Uni System eingeladen. Um erfolgreich zu sein, muss das Gesamte konkret ins Bild genommen und dürfen die Realitäten nicht verweigert werden. Jeder Politiker, der sich heute, morgen oder in den nächsten Tagen zur Uni-Situation äußert, sollte die Studierenden ernst nehmen – auch ins Audi Max gehen – und mit ihnen die Grenzen des Möglichen diskutieren, statt sich in leeren Lippenbekenntnissen lügenhaft anzubiedern.

Solange das Uni-System ohne interne Steuerungsmöglichkeiten ist, kann kein Kurs gefahren werden. Wenn Studierende Bindungen und Verpflichtungen verweigern, werden sie sich nicht bilden können. Wenn die internen Anreizsysteme nicht Lehre und Innovation berücksichtigen, wird inmitten der Irrationalitäten ein wissenschaftlicher Elfenbeinturm reproduziert werden. Damit werden auf der einen Seite Agitationen und auf der anderen der Zynismus der Betroffenen nur steigen und Hörsaalbesetzungen immer wieder mit bildungsromantischen Forderungen durch die Medien irrlichtern. Weiterbringen wird es das Land Österreich aber nicht.

* Peter A. Bruck, Kommunikationswissenschafter und Forschungsmanager in Salzburg und Wien, leitet die Research Studios Austria Forschungsgesellschaft

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