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Reformen statt Gebühren

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Grundsätzliche Fragen nach dem Stellenwert von Bildung bleiben in Osterreich stets ausgespart.

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Grundsätzliche Fragen nach dem Stellenwert von Bildung bleiben in Osterreich stets ausgespart.

Der Hintergrund der meisten Vorschläge über eine mögliche Unireform sind monetäre (Einspar-)Überlegungen, nicht bildungspolitische. Was das bestimmende Thema werden wird, ist die Frage der Hochschulfinanzierung, und nicht weit davon entfernt die Frage, ob Studiengebühren die Lösung aller Probleme wären. Die ÖH spricht sich ganz klar gegen Studien-gebühren (in welcher Form auch immer) aus. Bildungsschecks sind nichts anderes als eine Schmalspurvariante von Studiengebühren. Wir stehen für den freien Hochschulzugang und sehen Bildung als Bürgerrecht, das allen zugänglich sein muß. Denn alle auf dem Tisch liegenden Gebührenvarianten stellen einen „sozialen Numerus Clausus” dar. Es kann nicht sein, daß wir Studierende dafür bezahlen müssen, daß die Regierung ihr jahrelanges Versagen in der Bildungspolitik vertuschen kann. Gebühren würden keine Probleme lösen, nur helfen, den jetzigen Status Quo ohne Veränderungen aber mit neuen Finanzmitteln zum Decken der Löcher aufrechtzuerhalten. Das Hauptproblem der zu langen Studienzeiten wird durch Gebühren sogar noch verstärkt. Denn die Gründe dafür sind neben den überfüllten Studienplänen vor allem in der mangelnden sozialen Absicherung zu suchen. Zwei Drittel der Studierenden arbeiten derzeit neben dem Studium, hauptsächlich, um*sich ihr Studium ganz einfach leisten zu können. Wer arbeiten muß, braucht länger - und die Spirale aus langen Studienzeiten durch Nebenjobs würde sich durch Studiengebühren noch wesentlich schneller zu drehen beginnen.

Die Probleme an den Universitäten sind vielschichtig: Den Studierenden Gebühren abzuverlangen wird die Situation nicht verbessern. Im Übrigen sind die Bedingungen an den Universitäten größtenteils so schlecht, daß es lächerlich wäre, dafür Geld zu verlangen. Die persönliche Betreuung ist längst ein Fremdwort, die räumliche Situation ist an vielen Unis katastrophal, und anstatt die Studierenden zu fördern, werden Steine in den Weg gelegt: Zuwenig Prüfungstermine werden angeboten, die Öffnungszeiten der

Uni-Institutionen sind unflexibel.

Gerade Studierende, die nebenbei arbeiten (müssen), um sich finanziell abzusichern oder Praxiserfahrungen zu sammeln, werden in keinster Weise unterstützt: Die Sekretariate der Institute sind oft nur an zwei Tagen pro Woche und dann nur zwischen 10 und 12 Uhr offen, viele Bibliotheken schließen schon um 16 Uhr und sind in den Ferien gar nicht geöffnet. Und wer arbeitet, um sich sein Studium zu finanzieren, wird noch doppelt bestraft. Denn wer mehr als 3.740 Schilling im Monat verdient, verliert auch noch seine letzten verbleibenden Sozialleistungen. ...

Offensichtlich ist, daß die soziale Absicherung der Studierenden immer unsicherer wird. Durch das Sparpaket 1996, das besonders die Studierenden traf, sind diese weit davon entfernt, sich das „Bummeln und Trödeln” im Studium leisten zu können. Einschnitte dürfen in Zukunft nicht mehr- bei den Studierenden gemacht werden.

Zuviel läuft an den Universitäten falsch, was schlußendlich den Studierenden zur Last fällt. Die Verwaltung muß vereinfacht werden, was durch neue Technologien kein Problem wäre. Muß man sich derzeit noch mit Papierkram herumschlagen, könnte eine Chipkarte oder das Internet die Bürokratisierung vermindern: Zum Beispiel Prüfungsanmeldungen oder das Abliefern von schriftlichen Arbeiten könnten elektronisch abgewickelt werden. Die Unis müssen endlich auf Effizienz geprüft werden, betriebswirtschaftliche Elemente wie Kostenrechnung und Controlling dürfen nicht mehr Fremdwörter für Univerwaltung bleiben. Das Verlagern von Studienrichtungen weg von den Universitäten bedeutet nur eine Verschiebung und Verlagerung von Problemen, keine Lösung und würde Zugangsbeschränkungen über die Hintertüre der stark kontin-gentisierten Fachhochschulen bedeuten.

Ein weiterer dringend nötiger Be-formschritt geht dahin, daß Üniver-sitätsangestellte in Zukunft nicht länger völlig willkürlich handeln dürfen: Ist man einmal Professor, muß man nie wieder Leistung vorweisen, kann letztendlich tun und lassen was man will. Wir fordern Professoren auf Zeit, also die Ab-

Schaffung der Pragmatisierung. Da die didaktischen Qualitäten vieler Lehrender außerdem völlig unzureichend sind, fordern wir, daß die geplante Evaluierung der Lehre durch die Studierenden neu überdacht wird. In der derzeitigen Form ist sie eine Farce, weil Studierende zwar ihre Meinung abgeben dürfen, das aber keine Konsequenzen zur Folge hat. Erst wenn der Betroffene mehrmals unterdurchschnittlich schlecht bewertet wurde, muß er mit dem Studiendekan (derzeit Vorsitzender der Studienkommission), ein klärendes Gespräch führen. Die ÖH möchte, daß sich mehrmalige negative Ergebnisse der Evaluierung auch auswirken, der Betroffene Schulungen im Bereich seiner Schwächen hält und sich schlußendlich auch Auswirkungen bei seiner Bezahlung zeigen.

Neben der Unireform muß das Hauptthema eine rasche und umfassende Studienreform sein. Durch das neue Universitätsstudiengesetz (UniStG), das seit 1. August in Kraft ist, müssen nun alle Studienkommissionen (bestehend aus gleichviel Studierenden wie Assistenten und derselben Anzahl an Professoren) in den kommenden fünf Jahren neue Studien-plane erstellen. Doch zu befürchten ist, daß diese Diskussion verschleppt und Reformen blockiert werden. Denn die meisten Studienpläne bedürfen nicht nur einer kosmetischen Reform, sondern eines radikalen Einschnitts. Und dieser Einschnitt schmerzt viele, geht es doch letztendlich um persönliche Pfründe und Einflußbereiche, die weggeschnitten werden müßten. Um diese Studienplanneugestaltung zu beschleunigen und den Reformdruck in den Universitäten zu erhöhen, aber auch um die Studierenden - die als einzige wirkliche Interessen an einer Umgestaltung der Unis haben - endlich fair zu behandeln, sollen diese genauso viele Rechte erhalten wie Lehrende. Deshalb fordern wir Semiparität, daß also eine Hälfte der Sitze den Studierenden überlassen wird, und die andere Hälfte von den Lehrenden übernommen wird. Denn die Unis brauchen rasche Veränderungen und der Druck für Reformen im System muß erhöht werden, um erfolgreiche Veränderungen durchführen zu können.

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