Student in Bibliothek - © Gerd Altmann / Pixabay

Was bringt das Bachelor-Studium?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Einführung des Bakkalaureats ist eine überhastete Scheinlösung, die nur den Druck auf Studierende erhöht.

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Die Einführung des Bakkalaureats ist eine überhastete Scheinlösung, die nur den Druck auf Studierende erhöht.

Das österreichische Universitätssystem ist auch nach der Reform durch das Universitätsorganisationsgesetz 1993 nicht modern - soweit sind sich die Akteure einig. Bezüglich der Richtung, in die sich die Universitäten entwickeln sollen, scheiden sich aber die Geister. Die Einführung des Bakkalaureats wurde in den letzten Wochen als große Innovation gepriesen. Eine Vielzahl von Problemen soll damit gelöst werden.

Erstens die Debatte um lange Studienzeiten. Durch die Einführung des sechssemestrigen Kurzstudiums sollen mehr Menschen in kürzerem Zeitraum die Universität mit Brief und Siegel abschließen. Diese, im Idealfall umfangreich und praxisnah ausgebildeten, Bakkalaureatsstudierenden stehen früher für den Berufseinstieg bereit. Die Wirtschaft hat junge, billige AbsolventInnen, die frühzeitig ins ach so gefährdete Sozialsystem einzahlen. Positiver Nebeneffekt ist die Erhöhung der AkademikerInnenquote. Endlich Schluß mit der Peinlichkeit eine der niedrigsten Quoten in Europa zu haben, weil wir bisher nur AbsolventInnen des Magisteriums anführen durften. Auch die Universitäten sind glücklich, werden sie die meisten Studierenden schon nach sechs Semestern wieder los. Eine kleine, feine Elite kann man freilich zum wissenschaftlichen Nachwuchs heranbilden. Alles scheint eitel Wonne zu sein - leider nur bei oberflächlicher Betrachtung. Genaueres Hinsehen zeigt, daß die Universitäten den Intentionen des Gesetzgebers nicht gerecht werden, und die Studierenden letztlich "Modernisierungsverlierer" sind.

Lange Studienzeiten, die in der Tat für viele Studierende ein Problem sind, können nur durch Ausdehnung der Studienförderung, durch Entbürokratisierung und Verbesserung der Betreuungsverhältnisse bekämpft werden. Nicht absehbar ist, daß Bakkalaureatsstudierende bessere Studienbedingungen vorfinden. Sie werden unter höherem zeitlichen Druck, was immer auch finanziellen Druck bedeutet, studieren müssen. Was genau eine Bakkalaurea im Vergleich zu ihrer Kollegin der Magistra können oder lernen muß, darüber gibt das neue Gesetz keine klare Auskunft. Laut Regierungsvorlage sollen 70-90 Prozent der Inhalte schon im Bakkalaureat gelehrt werden. Ob vertiefende wissenschaftliche Arbeiten in diesem "Schnellsiedekurs" Platz haben, bleibt fraglich. Als höchst bedenklich muß die Möglichkeit klassifiziert werden, zwischen dem Bakkalaureat und dem Magisterium ein einjähriges Berufspraktikum einzuführen. Diese Regelung würde den Zugang zu weiterführender wissenschaftlicher Ausbildung stark einschränken. Evident ist, daß Menschen, die einmal ins Berufsleben einsteigen, nur schwer den Weg zurück an die Universität finden. Gerade für Frauen könnte hier eine weitere Hürde im System entstehen.

Wie der Arbeitsmarkt das Zertifikat Bakkalaureus/-a annimmt, ist nicht abzusehen, auch nicht wie das Wissenschaftsministerium die Arbeitsmarktrelevanz prüft. Sicher ist, daß über die A-Wertigkeit im Beamtendienstrecht noch lange gestritten werden muß, denn für den Finanzminister stehen erhebliche Mehrkosten an. Konsequent weitergedacht müßten alle Bereiche, in denen dreijährige postsekundäre Ausbildungen angeboten werden, diese Aufwertung genießen. Kolleg-Innen an den Fachhochschulen, den Pädagogischen Akademien und Sozialakademien dürfen gegenüber Bakkalaureatsstudierenden nicht benachteiligt werden.

Beliebtes Argument für das Bakkalaureat ist die Harmonisierung der europäischen Bildungssysteme. Eine gute Sache, doch das Bakkalaureat kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Bakkalaureat ist kein in Europa eindeutig definierter Begriff. Die Erfindung neuer Titel bringt jedenfalls keine Verbesserungen für österreichische Studierende. Nur ein qualitatives, offenes, kostenloses System kann die Begabungen der Jungen optimal fördern und garantiert internationale Konkurrenzfähigkeit.

Die Autorin ist Hochschulpolitische Sprecherin des Verbandes Sozialistischer Studentinnen Österreichs.

Das österreichische Universitätssystem ist auch nach der Reform durch das Universitätsorganisationsgesetz 1993 nicht modern - soweit sind sich die Akteure einig. Bezüglich der Richtung, in die sich die Universitäten entwickeln sollen, scheiden sich aber die Geister. Die Einführung des Bakkalaureats wurde in den letzten Wochen als große Innovation gepriesen. Eine Vielzahl von Problemen soll damit gelöst werden.

Erstens die Debatte um lange Studienzeiten. Durch die Einführung des sechssemestrigen Kurzstudiums sollen mehr Menschen in kürzerem Zeitraum die Universität mit Brief und Siegel abschließen. Diese, im Idealfall umfangreich und praxisnah ausgebildeten, Bakkalaureatsstudierenden stehen früher für den Berufseinstieg bereit. Die Wirtschaft hat junge, billige AbsolventInnen, die frühzeitig ins ach so gefährdete Sozialsystem einzahlen. Positiver Nebeneffekt ist die Erhöhung der AkademikerInnenquote. Endlich Schluß mit der Peinlichkeit eine der niedrigsten Quoten in Europa zu haben, weil wir bisher nur AbsolventInnen des Magisteriums anführen durften. Auch die Universitäten sind glücklich, werden sie die meisten Studierenden schon nach sechs Semestern wieder los. Eine kleine, feine Elite kann man freilich zum wissenschaftlichen Nachwuchs heranbilden. Alles scheint eitel Wonne zu sein - leider nur bei oberflächlicher Betrachtung. Genaueres Hinsehen zeigt, daß die Universitäten den Intentionen des Gesetzgebers nicht gerecht werden, und die Studierenden letztlich "Modernisierungsverlierer" sind.

Lange Studienzeiten, die in der Tat für viele Studierende ein Problem sind, können nur durch Ausdehnung der Studienförderung, durch Entbürokratisierung und Verbesserung der Betreuungsverhältnisse bekämpft werden. Nicht absehbar ist, daß Bakkalaureatsstudierende bessere Studienbedingungen vorfinden. Sie werden unter höherem zeitlichen Druck, was immer auch finanziellen Druck bedeutet, studieren müssen. Was genau eine Bakkalaurea im Vergleich zu ihrer Kollegin der Magistra können oder lernen muß, darüber gibt das neue Gesetz keine klare Auskunft. Laut Regierungsvorlage sollen 70-90 Prozent der Inhalte schon im Bakkalaureat gelehrt werden. Ob vertiefende wissenschaftliche Arbeiten in diesem "Schnellsiedekurs" Platz haben, bleibt fraglich. Als höchst bedenklich muß die Möglichkeit klassifiziert werden, zwischen dem Bakkalaureat und dem Magisterium ein einjähriges Berufspraktikum einzuführen. Diese Regelung würde den Zugang zu weiterführender wissenschaftlicher Ausbildung stark einschränken. Evident ist, daß Menschen, die einmal ins Berufsleben einsteigen, nur schwer den Weg zurück an die Universität finden. Gerade für Frauen könnte hier eine weitere Hürde im System entstehen.

Wie der Arbeitsmarkt das Zertifikat Bakkalaureus/-a annimmt, ist nicht abzusehen, auch nicht wie das Wissenschaftsministerium die Arbeitsmarktrelevanz prüft. Sicher ist, daß über die A-Wertigkeit im Beamtendienstrecht noch lange gestritten werden muß, denn für den Finanzminister stehen erhebliche Mehrkosten an. Konsequent weitergedacht müßten alle Bereiche, in denen dreijährige postsekundäre Ausbildungen angeboten werden, diese Aufwertung genießen. Kolleg-Innen an den Fachhochschulen, den Pädagogischen Akademien und Sozialakademien dürfen gegenüber Bakkalaureatsstudierenden nicht benachteiligt werden.

Beliebtes Argument für das Bakkalaureat ist die Harmonisierung der europäischen Bildungssysteme. Eine gute Sache, doch das Bakkalaureat kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Bakkalaureat ist kein in Europa eindeutig definierter Begriff. Die Erfindung neuer Titel bringt jedenfalls keine Verbesserungen für österreichische Studierende. Nur ein qualitatives, offenes, kostenloses System kann die Begabungen der Jungen optimal fördern und garantiert internationale Konkurrenzfähigkeit.

Die Autorin ist Hochschulpolitische Sprecherin des Verbandes Sozialistischer Studentinnen Österreichs.

Fakt

Erst Bakkalaureus, dann Master, dann Doktor

Die Novelle zum Universitätsstudiengesetz und damit das dreigliedrige Ausbildungssystem an Österreichs Universitäten soll noch vor der Sommerpause im Nationalrat beschlossen werden. Nach den Vorstellungen von Wissenschaftsminister Caspar Einem könnten schon im nächsten Jahr die ersten Maturanten mit einem Bakkalaureats-Studium beginnen, und bereits 2003 gäbe es die ersten österreichischen Bakkalaurii am Arbeitsmarkt.

Gegen das Durchpeitschen der Novelle regt sich jedoch in- und außerhalb der Unis heftiger Widerstand. Ein Grund für die Furche, Befürwortern und Gegnern Platz zur Debatte zu bieten.

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