Digital In Arbeit
Bildung

Großes Aufräumen mit den Lebenslügen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle präsentierte ein von Experten erstelltes Reformkonzept für einen Hochschulplan. Konfrontationen folgen.

Nur wenige Berichterstatter und Kommentatoren bemerkten die klein gesetzte und fein platzierte Zeile auf der Titelseite des Reformkonzeptes für einen Hochschulplan: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis - Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen. Ob sich das im konkreten Fall erfüllt, ist zumindest fraglich. Denn so sehr das vorgelegte Papier den Bedarf und die Vorschläge für Reformen konkret und begründet aufzeigt, so ablehnend fielen manche der ersten, etwas reflexartig gehaltenen Reaktion aus.

Genau das scheint einer der drei Autoren, Eberhard Menzel geahnt zu haben. Als der Präsident der Fachhochschule Westliches Ruhrgebiet am Dienstag dieser Woche neben Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und Ko-Autorin Andrea Schenker-Wicki (Universität Zürich) die Expertise präsentierte, sagte er zu Töchterle: "Einige unserer Empfehlungen werden Sie leicht umsetzen, einige unter Protest, und bei einigen werden Sie gar nicht denken, das zu tun.“ Tatsächlich räumt das Papier mit einer Serie von Lebenslügen im österreichischen Universitätsystem auf.

Kompliziert, teuer & ineffektiv

Die österreichische Hochschul- und Forschungslandschaft sei "stark fragmentiert“. Wegen unterschiedlicher Regelungen sei es "nicht einfach“, das System zu steuern, es entstünden "Transaktionsaktionskosten“, die "häufig mit Ineffizienzen verbunden sind“. Weil der strategische Rahmen fehle, sei es schwierig herauszufinden, ob die richtigen Instrumente und Maßnahmen gewählt worden seien, um die Ziele zu erreichen. Das System sei zudem durch Reportingpflichten und damit verbundene Redundanzen belastet. Es fehle an Möglichkeiten, alle Finanziers und Beteiligte an der Hochschul-Entwicklung zu beteiligen und zu koordinieren sowie an der Finanzierung zu beteiligen. Zudem bestünden konkret an den - in der subjektiven Wahrnehmung und im Quervergleich mit Deutschland und der Schweiz - unterfinanzierten Universitäten einige Mängel.

So liege der Anteil ausländischer Studenten in Österreich deutlich über dem Durchschnitt der OECD- und der EU-Staaten. Eine Schieflage in der Finanzierung der Universitäten zulasten eines kleinen Staates und zugunsten eines großen sei die Folge. Zudem: Gut ein Drittel, rund 100.000 Studenten, würden nur einen Tag pro Woche oder noch weniger Zeit an den Universitäten zubringen. Während üblicherweise pro Semester gut 30 ECTS-Punkte zu schaffen sind, erreiche dieses eine Drittel an Inskribierten nur acht ECTS-Punkte. Niemand weiß, wo diese Studiosi stecken, sie seien "jedenfalls nicht im System“, würden dieses aber jedenfalls belasten und überdies die Datenlage verfälschen. Das Betreuungsverhältnis von Lehrenden zu Studierenden betrage insgesamt 1:35, ohne dieses nicht anwesende Drittel hingegen 1:20. Der Aufwand pro erfasstem Studenten betrage 12.500 Euro, ohne dieses Drittel läge er rechnerisch bei 20.000 Euro. Doch damit nicht genug.

Entlarvt wird von der Expertise die Behauptung, der freie - gemeint ist damit der unentgeltliche - Zugang zu Universitäten diene sozialer Gerechtigkeit. Stimmt nicht, stellen die drei internationalen Experten fest: An den Fachhochschulen, die Studiengebühren verlangten, sei die soziale Durchmischung höher als an den Universitäten. Doch für tiefgreifende Reformen und neue Strukturen in der Hochschullandschaft gibt es, so die Autoren, noch weitere gute Gründe.

Die OECD-Studie "Wachstum in verschiedenen europäischen Regionen“ zeige deutlich, dass Investitionen in Bildung den höchsten Return on Investment (ROI) erbringen. Es folgen die Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie die Präsenz wissensintensiver Betriebe. Wegen der "zentralen Bedeutung von hoch qualifiziertem Humankapital für Innovation“ müsse Österreich "vermehrt in Bildung und Forschung investieren“, wenn das Land an der modernen Wissenschaftsgesellschaft teilhaben und weiterhin erfolgreich sein möchte. Genau deshalb erfüllten die Experten - zu den beiden Zitierten ist noch der bei der Präsentation nicht anwesende Rektor der Uni Basel, Antoinio Loprieno, zu nennen - ihre Aufgabe konkreter Vorschläge. Die Zeit dränge überdies, meinten die Fachleute. Noch befinde sich der Sektor auf "hohem Niveau“, aber "weiteres Abwarten und ein Versuch, die Probleme auszusitzen“, würden zu einem "Abrutschen in die Mittelmäßigkeit“ führen. Denn es könne auch nicht sein, dass zusätzlich zu den bestehenden 80 unterschiedlichen Programmen zur Förderung von Forschung durch den Bund "für jedes neue Problem ein neues Programm aufgesetzt wird“.

Vorschläge für neue Einnahmen

Eine Hochschulkommission solle auf strategischer Ebene entscheiden. Sie sei aus Bundesministerien, Bundsländern und Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung zu bilden. Die Koordination sollte eine Hochschulkonferenz vornehmen. Auf operativer Ebene sollten die Hochschulen wie bisher autonom agieren. Für die Forschung sei eine ähnliche Struktur der Governance einzurichten.

An der Finanzierung sollen sich die Heimatländer ausländischer Studiosi beteiligen (Einnahmen von 180 Millionen Euro), die Bundesländer mit 100 Millionen Euro, die Wirtschaft mit zumutbaren 110 Millionen Euro und nicht zuletzt die Studierenden selbst mit 500 Euro pro Semester, was weitere 220 Millionen Euro erbrächte. Für die Studenten bedeute dies lediglich ein knappes Zehntel an Mehraufwand, über das Studium gerechnet lediglich 2,4 der damit erzielbaren Monatseinkommen.

Die Fachhochschulen sollen nicht 11 sondern 40 Prozent aller Studierenden betreuen, zugleich die Qualifikation ihres Personals erhöhen. Doktoratsstudien sollten den Universitäten vorbehalten bleiben. Ein Auswahlverfahren soll es im Falle von Bachelor-Studiengängen nur geben, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, für Master- und PhD-Studien sollen die Universitäten das Recht haben, ihre Studierenden auszuwählen und Kapazitäten festzulegen.

Wissenschaftsminister Töchterle zeigte sich erfreut über die Klarheit der Vorschläge - und beginnt nun die politischen Gespräche.

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle präsentierte ein von Experten erstelltes Reformkonzept für einen Hochschulplan. Konfrontationen folgen.

Nur wenige Berichterstatter und Kommentatoren bemerkten die klein gesetzte und fein platzierte Zeile auf der Titelseite des Reformkonzeptes für einen Hochschulplan: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis - Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen. Ob sich das im konkreten Fall erfüllt, ist zumindest fraglich. Denn so sehr das vorgelegte Papier den Bedarf und die Vorschläge für Reformen konkret und begründet aufzeigt, so ablehnend fielen manche der ersten, etwas reflexartig gehaltenen Reaktion aus.

Genau das scheint einer der drei Autoren, Eberhard Menzel geahnt zu haben. Als der Präsident der Fachhochschule Westliches Ruhrgebiet am Dienstag dieser Woche neben Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und Ko-Autorin Andrea Schenker-Wicki (Universität Zürich) die Expertise präsentierte, sagte er zu Töchterle: "Einige unserer Empfehlungen werden Sie leicht umsetzen, einige unter Protest, und bei einigen werden Sie gar nicht denken, das zu tun.“ Tatsächlich räumt das Papier mit einer Serie von Lebenslügen im österreichischen Universitätsystem auf.

Kompliziert, teuer & ineffektiv

Die österreichische Hochschul- und Forschungslandschaft sei "stark fragmentiert“. Wegen unterschiedlicher Regelungen sei es "nicht einfach“, das System zu steuern, es entstünden "Transaktionsaktionskosten“, die "häufig mit Ineffizienzen verbunden sind“. Weil der strategische Rahmen fehle, sei es schwierig herauszufinden, ob die richtigen Instrumente und Maßnahmen gewählt worden seien, um die Ziele zu erreichen. Das System sei zudem durch Reportingpflichten und damit verbundene Redundanzen belastet. Es fehle an Möglichkeiten, alle Finanziers und Beteiligte an der Hochschul-Entwicklung zu beteiligen und zu koordinieren sowie an der Finanzierung zu beteiligen. Zudem bestünden konkret an den - in der subjektiven Wahrnehmung und im Quervergleich mit Deutschland und der Schweiz - unterfinanzierten Universitäten einige Mängel.

So liege der Anteil ausländischer Studenten in Österreich deutlich über dem Durchschnitt der OECD- und der EU-Staaten. Eine Schieflage in der Finanzierung der Universitäten zulasten eines kleinen Staates und zugunsten eines großen sei die Folge. Zudem: Gut ein Drittel, rund 100.000 Studenten, würden nur einen Tag pro Woche oder noch weniger Zeit an den Universitäten zubringen. Während üblicherweise pro Semester gut 30 ECTS-Punkte zu schaffen sind, erreiche dieses eine Drittel an Inskribierten nur acht ECTS-Punkte. Niemand weiß, wo diese Studiosi stecken, sie seien "jedenfalls nicht im System“, würden dieses aber jedenfalls belasten und überdies die Datenlage verfälschen. Das Betreuungsverhältnis von Lehrenden zu Studierenden betrage insgesamt 1:35, ohne dieses nicht anwesende Drittel hingegen 1:20. Der Aufwand pro erfasstem Studenten betrage 12.500 Euro, ohne dieses Drittel läge er rechnerisch bei 20.000 Euro. Doch damit nicht genug.

Entlarvt wird von der Expertise die Behauptung, der freie - gemeint ist damit der unentgeltliche - Zugang zu Universitäten diene sozialer Gerechtigkeit. Stimmt nicht, stellen die drei internationalen Experten fest: An den Fachhochschulen, die Studiengebühren verlangten, sei die soziale Durchmischung höher als an den Universitäten. Doch für tiefgreifende Reformen und neue Strukturen in der Hochschullandschaft gibt es, so die Autoren, noch weitere gute Gründe.

Die OECD-Studie "Wachstum in verschiedenen europäischen Regionen“ zeige deutlich, dass Investitionen in Bildung den höchsten Return on Investment (ROI) erbringen. Es folgen die Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie die Präsenz wissensintensiver Betriebe. Wegen der "zentralen Bedeutung von hoch qualifiziertem Humankapital für Innovation“ müsse Österreich "vermehrt in Bildung und Forschung investieren“, wenn das Land an der modernen Wissenschaftsgesellschaft teilhaben und weiterhin erfolgreich sein möchte. Genau deshalb erfüllten die Experten - zu den beiden Zitierten ist noch der bei der Präsentation nicht anwesende Rektor der Uni Basel, Antoinio Loprieno, zu nennen - ihre Aufgabe konkreter Vorschläge. Die Zeit dränge überdies, meinten die Fachleute. Noch befinde sich der Sektor auf "hohem Niveau“, aber "weiteres Abwarten und ein Versuch, die Probleme auszusitzen“, würden zu einem "Abrutschen in die Mittelmäßigkeit“ führen. Denn es könne auch nicht sein, dass zusätzlich zu den bestehenden 80 unterschiedlichen Programmen zur Förderung von Forschung durch den Bund "für jedes neue Problem ein neues Programm aufgesetzt wird“.

Vorschläge für neue Einnahmen

Eine Hochschulkommission solle auf strategischer Ebene entscheiden. Sie sei aus Bundesministerien, Bundsländern und Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung zu bilden. Die Koordination sollte eine Hochschulkonferenz vornehmen. Auf operativer Ebene sollten die Hochschulen wie bisher autonom agieren. Für die Forschung sei eine ähnliche Struktur der Governance einzurichten.

An der Finanzierung sollen sich die Heimatländer ausländischer Studiosi beteiligen (Einnahmen von 180 Millionen Euro), die Bundesländer mit 100 Millionen Euro, die Wirtschaft mit zumutbaren 110 Millionen Euro und nicht zuletzt die Studierenden selbst mit 500 Euro pro Semester, was weitere 220 Millionen Euro erbrächte. Für die Studenten bedeute dies lediglich ein knappes Zehntel an Mehraufwand, über das Studium gerechnet lediglich 2,4 der damit erzielbaren Monatseinkommen.

Die Fachhochschulen sollen nicht 11 sondern 40 Prozent aller Studierenden betreuen, zugleich die Qualifikation ihres Personals erhöhen. Doktoratsstudien sollten den Universitäten vorbehalten bleiben. Ein Auswahlverfahren soll es im Falle von Bachelor-Studiengängen nur geben, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, für Master- und PhD-Studien sollen die Universitäten das Recht haben, ihre Studierenden auszuwählen und Kapazitäten festzulegen.

Wissenschaftsminister Töchterle zeigte sich erfreut über die Klarheit der Vorschläge - und beginnt nun die politischen Gespräche.