Politik

Inflation akademischer Abschlüsse

1945 1960 1980 2000 2020

GASTKOMMENTAR. Ideologisch motivierte Nivellierung und eine falsch verstandene Ökonomisierung haben zu einem Qualitätsverlust im Bildungsbereich geführt.

1945 1960 1980 2000 2020

GASTKOMMENTAR. Ideologisch motivierte Nivellierung und eine falsch verstandene Ökonomisierung haben zu einem Qualitätsverlust im Bildungsbereich geführt.

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten ist ein verstärkter Trend zur Akademisierung zu beobachten. Diese Entwicklung wurde dadurch befeuert, dass der Gesetzgeber auch privaten Einrichtungen die Möglichkeit eröffnete, akademische Grade zu verleihen. Etwa seit dem Millennium kommt es daher zu einem Wildwuchs an Studiengängen sowie an (pseudo-)akademischen Aus- und Weiterbildungsangeboten.

Dem liegt der Gedanke zu Grunde, dass man den Wert einer Ausbildung steigern könne, wenn man ihr ein aka demisches Mäntelchen umhängt – sei dies nun verdient oder nicht. Die Gründe liegen unter anderem darin, dass auf der einen Seite der Bildungsanbieter damit gutes Geld verdient, und dass auf der anderen Seite der in den Medien immer wieder zu Unrecht monierte Akademikermangel Österreichs auf diese Weise behoben werden soll. Selbstverständlich spricht nichts gegen eine tatsächliche Anhebung des Bildungsniveaus, soweit dies die moderne Wissensgesellschaft erfordert. Eine zwanghafte Akademisierung aller möglichen Berufsgruppen scheint mir allerdings der falsche Weg zu sein, zumal dabei die akademische Qualität auf der Strecke bleiben muss und wir außerdem mit einem Facharbeitermangel zu kämpfen haben. Pointiert formuliert, wirkt die momentane bildungspolitische Situation fast so, als ob nun jeder Akademiker werden wollte, aber niemand mehr „nur“ Arbeiter.

„Weiterbildungs-Master“

Angesichts der Vielzahl (pseudo-) akademischer Kurzstudien ist zu bezweifeln, dass diese ein anspruchsvolles wissenschaftliches Niveau bieten. Beispielsweise gibt es diverse Studienangebote, bei denen Personen ohne Matura, nur aufgrund einer Berufsausbildung und einiger Jahre Praxis, sofort zu einem bloß einjährigen berufsbegleitenden Masterstudium zugelassen werden. Dass es sich dabei lediglich um einen „WeiterbildungsMaster“ handelt, ist am akademischen Grad nicht zu erkennen, denn der Titel lautet gleich wie der einer staatlichen Universität – beispielsweise Mas ter of Science (MSc) oder Master of Arts (MA). Die generöse Verleihung von „Weiterbildungs-Masters“ begann in den Zeiten, als die staatlichen Universitäten noch generell Magistergrade verliehen und so der Unterschied zu Weiterbildungsstudien klar ersichtlich war. Durch den Bologna-Prozess, welcher seit dem Millennium eingeläutet wurde, vergeben aber nun auch staatliche Universitäten Mastergrade, wodurch das Chaos der akademischen Titel perfekt ist.
Hier besteht eine schreiende Ungerechtigkeit im Verhältnis zu Akademikern, die auf Kosten von Berufsjahren die Matura ablegen, dann ein mindestens dreijähriges Bachelorstudium und anschließend ein zweijähriges Masterstudium absolvieren. Dass ein einjähriger nebenberuflicher Weiterbildungslehrgang von seinem akademischen Niveau her nicht einmal annähernd an ein fünfjähriges Vollzeitstudium herankommt, bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Ein zentrales Problem besteht in der marktwirtschaftlichen Orientierung des Bildungsbereiches: Privatwirtschaftlich geführte Bildungseinrichtungen müssen ihre Kunden – nämlich Studenten – anwerben und auch behalten, um profitabel zu sein. Es besteht dabei die große Gefahr, dass dies nach dem Motto „wer zahlt, schafft an“ geschieht. Genau das führt zur Absenkung der Ansprüche sowohl bei der Zulassung zum Studium als auch in der Ausbildung selbst.

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten ist ein verstärkter Trend zur Akademisierung zu beobachten. Diese Entwicklung wurde dadurch befeuert, dass der Gesetzgeber auch privaten Einrichtungen die Möglichkeit eröffnete, akademische Grade zu verleihen. Etwa seit dem Millennium kommt es daher zu einem Wildwuchs an Studiengängen sowie an (pseudo-)akademischen Aus- und Weiterbildungsangeboten.

Dem liegt der Gedanke zu Grunde, dass man den Wert einer Ausbildung steigern könne, wenn man ihr ein aka demisches Mäntelchen umhängt – sei dies nun verdient oder nicht. Die Gründe liegen unter anderem darin, dass auf der einen Seite der Bildungsanbieter damit gutes Geld verdient, und dass auf der anderen Seite der in den Medien immer wieder zu Unrecht monierte Akademikermangel Österreichs auf diese Weise behoben werden soll. Selbstverständlich spricht nichts gegen eine tatsächliche Anhebung des Bildungsniveaus, soweit dies die moderne Wissensgesellschaft erfordert. Eine zwanghafte Akademisierung aller möglichen Berufsgruppen scheint mir allerdings der falsche Weg zu sein, zumal dabei die akademische Qualität auf der Strecke bleiben muss und wir außerdem mit einem Facharbeitermangel zu kämpfen haben. Pointiert formuliert, wirkt die momentane bildungspolitische Situation fast so, als ob nun jeder Akademiker werden wollte, aber niemand mehr „nur“ Arbeiter.

„Weiterbildungs-Master“

Angesichts der Vielzahl (pseudo-) akademischer Kurzstudien ist zu bezweifeln, dass diese ein anspruchsvolles wissenschaftliches Niveau bieten. Beispielsweise gibt es diverse Studienangebote, bei denen Personen ohne Matura, nur aufgrund einer Berufsausbildung und einiger Jahre Praxis, sofort zu einem bloß einjährigen berufsbegleitenden Masterstudium zugelassen werden. Dass es sich dabei lediglich um einen „WeiterbildungsMaster“ handelt, ist am akademischen Grad nicht zu erkennen, denn der Titel lautet gleich wie der einer staatlichen Universität – beispielsweise Mas ter of Science (MSc) oder Master of Arts (MA). Die generöse Verleihung von „Weiterbildungs-Masters“ begann in den Zeiten, als die staatlichen Universitäten noch generell Magistergrade verliehen und so der Unterschied zu Weiterbildungsstudien klar ersichtlich war. Durch den Bologna-Prozess, welcher seit dem Millennium eingeläutet wurde, vergeben aber nun auch staatliche Universitäten Mastergrade, wodurch das Chaos der akademischen Titel perfekt ist.
Hier besteht eine schreiende Ungerechtigkeit im Verhältnis zu Akademikern, die auf Kosten von Berufsjahren die Matura ablegen, dann ein mindestens dreijähriges Bachelorstudium und anschließend ein zweijähriges Masterstudium absolvieren. Dass ein einjähriger nebenberuflicher Weiterbildungslehrgang von seinem akademischen Niveau her nicht einmal annähernd an ein fünfjähriges Vollzeitstudium herankommt, bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Ein zentrales Problem besteht in der marktwirtschaftlichen Orientierung des Bildungsbereiches: Privatwirtschaftlich geführte Bildungseinrichtungen müssen ihre Kunden – nämlich Studenten – anwerben und auch behalten, um profitabel zu sein. Es besteht dabei die große Gefahr, dass dies nach dem Motto „wer zahlt, schafft an“ geschieht. Genau das führt zur Absenkung der Ansprüche sowohl bei der Zulassung zum Studium als auch in der Ausbildung selbst.

Eine zwanghafte Akademisierung aller möglichen Berufsgruppen ist der falsche Weg, zumal dabei die akademische Qualität auf der Strecke bleibt.

Eine zu starke Orientierung an Lehrveranstaltungs-Evaluierungen verstärkt diesen Effekt, denn anspruchsvolle Lehrpersonen werden von den Studenten tendenziell schlechter bewertet und so aus privatwirtschaftlich geführten Bildungseinrichtungen verdrängt. Dagegen profitieren diejenigen Lehrkräfte, welche in ihren Kursen unterhaltsam sind und nicht allzu viel verlangen. So dreht sich die Qualitätsspirale weiter nach unten. Um nicht missverstanden zu werden: die Orientierung an den Bedürfnissen und Interessen der Studenten ist per se nicht schlecht; sie sollte aber nicht – wie dies heute zu oft der Fall ist – zum Maß aller Dinge werden. Durch derartige Fehlentwicklungen und Auswüchse sind akademische Grade nicht mehr vergleichbar und verlieren an Wert und Wertschätzung. Dies gilt einerseits für den Arbeitsmarkt, andererseits aber auch für den internationalen akademischen Kontext, wo sich das österreichische Bildungssystem damit nichts Gutes tut. Von der Politik ist daher eine entsprechende Kurskorrektur zu fordern, denn Österreich benötigt umfassend gebildete Experten und keine inflationäre Vermehrung von Titelträgern.

Der Autor ist Bildungs-, Wirtschafts- und Organisations- wissenschafter und Sachverständiger für Bildungsangelegenheiten