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Dem Studieren auf der Spur

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Durchhaltevermögen und Einsatz sind nötig, will man später hoch hinaus: ein Blick in den Alltag von Studierenden einer Fachhochschule und der Universität.

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Durchhaltevermögen und Einsatz sind nötig, will man später hoch hinaus: ein Blick in den Alltag von Studierenden einer Fachhochschule und der Universität.

Morgenstund hat Gold im Mund" heißt es an der FH Joanneum in Graz: Beate und Bernd sitzen bereits in der Vorlesung und schreiben eifrig mit. Auch Joachim ist längst im Büro und konstruiert die Tiefgarage für den neuen Sparmarkt in Lustenau. Währenddessen beendet Stefan gerade seinen Job als Hausmeister und legt sich nochmals für ein Stündchen aufs Ohr. Auch Katharina schlummert noch selig, bevor sie ihr Wecker um halb neun daran erinnert, dass ihr erstes Seminar an diesem Tag um 9 Uhr 30 beginnt. Richard schließlich ist auf dem Weg ins Büro der Österreichischen Hochschülerschaft.

Was einem erst auf den zweiten Blick auffällt: Sie alle - Bernd, Beate, Joachim, Stefan, Katharina und Richard - studieren. Sehr unterschiedlich allerdings. Denn sie absolvieren ihr Studium weder an der gleichen Institution, noch studieren sie auf die gleiche Art und Weise. Die ersten drei haben einen relativ jungen Ausbildungsweg eingeschlagen: die Fachhochschule (FH). Das zweite Trio studiert hingegen traditionell an der Universität.

Keine Zeit für Politik Bernd Pressl ist im sechsten Semester des Studiums Fahrzeugtechnik/Automotive Engineering. Im Zentrum dieses Studiengangs am Grazer Joanneum steht das Gesamtsystem Automobil. Als Studierendenvertreter hat er ein eigenes Büro, das sich sehen lassen kann. Groß, hell und modern ausgestattet, ist es gewissermaßen ein Sinnbild für den gesamten Gebäudekomplex, in dem die FH untergebracht ist. An den Wänden der Hörsäle und Gänge hängen überall Konstruktionspläne von Automobilkomponenten, hie und da ein schwarzes Brett und knallrote Türen brechen die High-Tech Atmosphäre. "Die Studierendenvertretung beschränkt sich auf administrative Aufgaben", erklärt er. "Für politisches Engagement bleibt keine Zeit mehr." Er und seine Kollegen kommen auf durchschnittlich 50 bis 60 Stunden Arbeitszeit die Woche. Die Hälfte davon müssen sie bei den einzelnen Lehrveranstaltungen anwesend sein. Die restliche Zeit wird gelernt oder an Projekten gearbeitet. Solch ein Zeitaufwand gilt auch für Beate Dörflinger. Sie studiert Industriedesign an der FH Joanneum. 16 bis 18 Personen von ungefähr 150 Bewerbern schaffen den Sprung über das anspruchsvolle Aufnahmeverfahren in dieses Studium. "Man büßt für vier Jahre viele Freiheiten ein und Studentenleben gibt's so gut wie keines", gesteht sie. "Aber es zahlt sich aus, denn die Qualität der Ausbildung ist sehr hoch und die Jobaussichten sind vor allem international gesehen gut." Ab dem dritten Semester müssen die Studierenden dieses Studiengangs jedes Semester ein Projekt durchführen. Dieses reicht von der Konzeptphase bis hin zum endgültigen Design eines Produkts. "Vor allem in der Endphase eines solchen Projekts wird Tag und Nacht gearbeitet", erzählt Beate, während wir das "Studio" durchqueren, in dem die Studierenden ihre Arbeitsplätze haben. Entlang des Gangs sind Projektstücke ausgestellt - von formvollendeten Schneeschuhen bis hin zu futuristischen Rasierapparaten. Dass die Praxis groß geschrieben wird, spürt man an allen Ecken und Enden - geht man mit offenen Augen durch die FH. "Neben fundiertem theoretischen Hintergrundwissen und einer guten Sprachausbildung legen wir Wert auf âlearning by doing'", erklärt Werner Tripolt, FH-Professor für Versuchstechnik und Fertigung. Wir befinden uns mittlerweile im "Prüffeld", wo Motoren nach Strich und Faden getestet werden und wo im Auftrag der Industrie geforscht wird. Die Studierenden zerlegen dort Motoren, führen Messungen durch oder "begreifen" die Karosserie des neuesten Mercedes.

Von der Praxis im umfassendsten Sinn kann Joachim Nägele vom Management Center Innsbruck (MCI) ein Lied singen. Er hat ein FH-Wirtschaftsstudium begleitend zu seinem 40-Stunden-Job als Bautechniker begonnen. Den Freitag und Samstag verbringt er im nüchtern-gläsernen Bau des MCI. "Die FH bewegt sich mehr am freien Markt", ist er überzeugt. Er versteht sich demgemäß als Kunde eines Bildungsanbieters. Der absolute Bonus einer FH sei, dass sie zeitlich klar abgesteckt ist und der organisatorische Rahmen vorgegeben wird. "Jene, die fertig werden, werden in der Zeit fertig", betont auch Tripolt. Und Beate bestätigt, dass jene die aufhören, es in den ersten Semestern tun: entweder der Leistungsdruck ist zu groß oder das Studium einfach das falsche. "Der Rest beißt sich durch beziehungsweise wird von den Kollegen mitgezogen. An der Uni braucht man vielmehr Motivation, um sich durchzuboxen."

An der Alma Mater weht jedenfalls ein anderer Wind. Das spürt man nicht nur, wenn man die zumeist altehrwürdigen Gebäude betritt. "Man muss sich alles selbst einteilen und organisieren", schildert Katharina ihren Studienalltag an der Uni und seufzt dabei. Es gibt keine fixen Stundenpläne, höchstens Empfehlungen, wann was zu absolvieren ist. Sie studiert in Graz Germanistik und Kulturmanagement. "Einerseits ist das ja nicht so schlecht, weil man Freizeit genießen kann, wann man will. Andererseits bedeutet es aber eine Menge Selbstdisziplin, um die Zeit nicht zu vertrödeln."

Im fröhlich-chaotisch anmutenden Zimmer der ÖH an der Technischen Universität Graz (TU) ist man der gleichen Meinung. Lockere Stimmung füllt den Raum des schon in die Jahre gekommenen Gebäudes. Vieles wirkt hier ein bisschen improvisierter. Gelassen ist man dort auch was Jobprognosen betrifft. "Bei uns studieren die Leute zwar oft um vieles länger als die vorgeschriebene Studienzeit", erklärt Richard Hirschmann, "das liegt aber daran, dass die meisten im zweiten Studienabschnitt bereits in der Industrie zu arbeiten beginnen und es nicht mehr so leicht schaffen, das Studium nebenher abzuschließen." Wann die Studierenden ihre Lehrveranstaltungen und ihre Prüfungen absolvieren bleibt an der TU im Grunde jedem selbst überlassen. Den durchschnittlichen Aufwand fürs Studium beziffert der Student des Wirtschaftsingeneurwesens mit 35 Stunden pro Woche. Vor großen Prüfungen mehr. Für Richard ist klar, dass ein Studium an der TU im Vergleich zur FH die umfassendere Ausbildung bietet. "Wir werden dazu ausgebildet, Dinge zu hinterfragen, unerwartet auftauchende Probleme zu lösen und flexibel zu denken", meint er. Es gehe vor allem am Studienanfang um theoretische Grundlagen. Erst im weiteren Verlauf des Studiums wird die Theorie durch Projekte und vorgeschriebene Industriepraktika mit der Praxis vernetzt. Spaß macht dem 24-jährigen außerdem die Arbeit als Vorsitzender der Fakultätsvertretung. Dadurch könne er das Studium mitgestalten und sich politisch engagieren.

Zeit, um neben dem Uni-Studium zu arbeiten findet auch Stefan Moshammer. Als Hausmeister bessert er seine Finanzen auf. Darüber hinaus bleibt ihm neben dem Studium genügend Zeit, um Leichtathletik zu trainieren und das Grazer Nachtleben zu genießen, erzählt er bei einer Tasse Tee in seiner Studentenwohnung. Der angehende Betriebswirt schätzt am Uni-Studium vor allem die unterschiedlichen Möglichkeiten sich zu spezialisieren. "Man lernt einfach viele Seiten der BWL kennen. Das ist ein Vorteil, wenn man nicht von Beginn an genau weiß, was man beruflich machen möchte", erklärt er. Ziemlich leicht sei es außerdem möglich gewesen, im Ausland zu studieren, was ihm vor allem persönlich viel gebracht hätte. Schwieriger sei es hingegen Kontakte mit der Wirtschaft zu knüpfen. Ohne persönlichem Engagement komme man zu keiner Praxis, die Theorie überwiege einfach in den Vorlesungen und Übungen.

Auch Katharina hat sich um einen Nebenjob bemüht, um ihr Studium praktisch zu ergänzen. Sie arbeitet für eine Firma, die Kulturevents organisiert. Dass sich dadurch das Studienende hinauszögern wird, stört sie dabei nicht. Besonders stressig ist für sie die Zeit am Beginn des Semesters. Neben Arbeiten und Prüfungen muss sie sich nämlich außerdem noch um Plätze in den Pflichtlehrveranstaltungen rangeln. "Manche Studienrichtungen sind eben ebenso vollgestopft mit Leuten wie unsere Bibliothek mit Büchern", schmunzelt sie, während wir einen Blick in diese werfen.

Einigermaßen zufrieden sind alle Sechs mit ihrer Studienwahl beziehungsweise der Wahl der Bildungseinrichtung. Klar ist für sie schlussendlich, dass Anstrengung und persönliches Engagement der Grundstein zu jeder Karriere sind - neben jeder fachlichen Qualifikation. Und dass man den Studienalltag leichter bewältigt, wenn man das macht, was einem Spaß bereitet.

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