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„Höhepunkt des Protests kommt erst“

Seit vergangenem Donnerstag besetzen Studierende den größten Hörsaal der Uni Wien – mit wachsender Unterstützung. Der Beginn einer Massenbewegung? Eine Reportage von Regine Bogensberger

Am siebenten Tag wurde nicht geruht – im Gegenteil, es sollte nochmals lauter werden: Die Studierenden, die seit vergangenem Donnerstag den größten Hörsaal der Universität Wien, das Audimax, samt weiteren Räumen besetzt halten, riefen am Mittwoch zu einer großen Demonstration in Wien auf. Die zahlreichen Forderungen auf einen Nenner gebracht: Freie Bildung für alle.

Gerüchten, wonach die Besetzung des Hörsaals bald zu Ende gehen würde, erteilten Studenten am Dienstag eine deutliche Absage: „Ich wage zu behaupten, dass der Höhepunkt der Aktion noch bevorsteht“, meinte Stefanie, 27, Studentin der Politikwissenschaft. „Wir spüren, dass der Rückhalt wächst“, sagten Studentinnen, die in der Presseabteilung arbeiten.

Tatsächlich kommen Solidaritätsbekundungen von anderen heimischen Universitäten und ausländischen Gruppen. Besetzungen werden von den Unis Graz, Linz und Klagenfurt gemeldet. Auch Lehrende unterstützen die Forderungen, unter anderem die IG externe Lektoren und freie Wissenschaftlerinnen sowie die bundesweite Interessensvertretung von Universitätslektoren. Grün-Politiker geben Durchhalteparolen ab. Studentenvertreter mehrerer Fachhochschulen gingen aber auf Distanz. Kommt es zu einer neuen Massenbewegung? Studenten und Studentinnen, die seit Tagen stundenweise und auch über Nacht im Hörsaal diskutieren oder feiern, schlafen oder ausharren, hoffen es, manche sind davon überzeugt.

Studentenkantine für Besetzer

Das Engagement nehme zu, so die Einschätzung einiger Studenten – ähnlich verhält es sich auch mit der Qualität der Organisation: In einer Garderobe neben dem Audimax wurde eine Kantine eingerichtet. Auf Gaskochern und in großen Kochtöpfen wird etwa Gemüseeintopf gekocht. Kühlschränke wurden eingebaut. Das Pressebüro ist gut organisiert.

Am Dienstag Vormittag ist der Hörsaal gut besucht. Es werden einzelne Fragen diskutiert und dann zur basisdemokratischen Abstimmung gebracht – wenn auch nicht immer auf nachvollziehbare Weise. Dazwischen erfolgt ein Aufruf, Lebensmittel wie passierte Tomaten und Oregano zu spenden – für das Mittagessen der Besetzenden. Dann betritt ein Professor das Podium und ersucht, den Hörsaal 24, der zum Schlafen benutzt wird, für eine Lehrveranstaltung freizugeben. Es wird hitzig diskutiert: Man müsse doch aus Imagegründen dafür sein, dass Studierende zu ihrem Unterricht kommen, sagen die einen, während andere fürchten, dass die Besetzung dadurch gefährdet sei. Bei der Abstimmung geht es chaotisch zu. Ob man dafür oder dagegen ist, bleibt unklar.

Für die Universität Wien bedeutet die Protestaktion einigen Aufwand: Normalerweise würden täglich mehrere Lehrveranstaltungen im großen Hörsaal stattfinden. Studenten müssen nun ins „Austria Center Vienna“ ausweichen. Für die Universität würden durch die Verlegungen 16.000 Euro an Mehrkosten pro Tag entstehen, so eine Sprecherin der Universität. Die Uni-Führung erwarte daher baldige Gespräche zwischen Studierenden und dem Wissenschaftsministerium. Eine polizeiliche Räumung sei zurzeit nicht geplant. Am Dienstag früh hatten sich Gerüchte unter den Studenten breitgemacht, dass die Polizei den Hörsaal räumen würde, was sich dann aber als Falschmeldung erwies. Noch stehen offizielle Gespräche zwischen Noch-Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) und Vertretern der Studenten aus dem Audimax aus. Hahn hatte angekündigt, sich am Donnerstag mit Vertretern der ÖH treffen zu wollen. Diese Ankündigung sorgte für Ärger unter den Protestierenden. Sie seien nicht die ÖH, hieß es. Noch größeren Ärger entfachte die Nachricht, dass Johannes Hahn nächster EU-Kommissar werden soll. Es wird befürchtet, dass er seine als schlecht befundene Arbeit nun in Brüssel fortsetzen werde. Hahn betonte indes im Ö1-Morgenjournal am Mittwoch, dass es ihm gelungen sei, das Budget für die Unis um 17 Prozent zu erhöhen. Beides gehe nicht: Freier Uni-Zugang für alle und Erfolge im Ranking der weltbesten Unis, sagte Hahn.

Rund um das besetzte Audimax will noch niemand an das Ende der Aktion denken: Studenten sind unsicher, welche Ziele erreicht werden müssten, um die Besetzung als erfolgreich zu beenden. „Es muss eine große gesellschaftliche Debatte über Bildung entfacht werden“, meint die 25-jährige Publizistik- und Anglistikstudentin Sabine. Andere wollen ein konkreteres Resultat sehen. Noch will man der Skepsis über die Umsetzbarkeit der Forderungen keinen Raum geben.

Die Forderungen der Studierenden sind breit angelegt (siehe Kasten): Die Universitäten brauchen mehr Geld. Es darf keine Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren geben. Ganz oben auf der Liste der Kritikpunkte steht aber vor allem einer: Überfüllte Lehrveranstaltungen bei beliebten Studien. Lena, 20, hat eben mit dem Studium der Publizistik begonnen. „Ich bin schon eine Stunde vor Beginn einer Vorlesung beim Hörsaal und bekomme trotzdem keinen Sitzplatz mehr“, erzählt sie. Sie werde sich weiterhin an diesen Protesten beteiligen, auch eine Nacht hat sie schon im besetzten Hörsaal verbracht.

Wut im Bauch

Sie erlebe das Studieren nur mehr als „Massenabfertigung“, beklagt Corinna, die im siebten Semester Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Sogar bei Seminaren würden an die 200 Studenten teilnehmen. Das Klima unter den Studierenden bei solch überfüllten Lehrveranstaltungen sei von „großer Wut“ geprägt, sagt die 22-Jährige. Ihr Vorschlag: Es brauche ein gemeinsames Finanzierungsmodell für die Universitäten innerhalb der EU. Es sei sehr schwierig, Forderungen zu formulieren, räumt sie ein, da über alle abgestimmt werden müsse. Angst, dass der Protest in Kürze ohne konkrete Resultate versanden könnte, hat sie aber nicht. „Das Durchhaltevermögen ist groß.“ – Und der Protest wurde zudem auch zum Event. Ein Hauch von Revolution liegt in der von Zigarettenrauch erfüllten Luft des Uni-Hauptgebäudes.

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