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Akademiker im Aktionismus-Fieber

Die Protestwelle gegen das neue Universitätsgesetz 2002 ebbt nicht ab. Bis zum geplanten Parlamentsbeschluss im Juli scheint Hochspannung an den Hohen Schulen garantiert.

Manche sehen die Ultima Ratio im Streik. Andere nehmen das Kabarett als letztes Mittel und ertränken ihre Sorgen in schwarzem Humor. Und einzelne, gottlob wenige, entladen ihren Ärger durch böse Scherze - jenseits der Grenze zur nationalsozialistischen Wiederbetätigung. So geschehen vergangenen Montag in Graz, als drei Fahnen mit einschlägigen Motiven an der Fassade des universitären Hauptgebäudes prangten. Daneben hing ein Transparent: "Ein Volk, ein Reich, ein Unirat" war darauf zu lesen. Auch in ihrem "Bekennerbrief" bewiesen die Akteure zweifelhaften Humor: Eine Gruppierung mit dem Namen "Rat für Technokratieentwicklung" wollte mit dieser Performance den "totalitären Charakter von Gehrers Reformuniversität" aufzeigen. "Solche Aktionen sind nicht zu akzeptieren", beeilte sich Vizerektor Franz Kappel zu erklären und distanzierte sich namens der Universität Graz von der anonymen und nicht genehmigten Protestaktion. Desgleichen tat die Hochschülerschaft.

Ob bei Hohlköpfen oder zu Recht besorgten Betroffenen: Das Emotionalisierungs-Potenzial des Gesetzesentwurfs zum Universitätsgesetz 2002 scheint ungebrochen. Erst vergangenen Mittwoch war es in der Aktuellen Stunde der Grünen im Hohen Haus zu saloppen Wortmeldungen gekommen, sprach doch Parteichef Alexander Van der Bellen von einer "verhunzten Uni-Reform". Wenige Häuser weiter an der Wiener Alma Mater legte eine Studentin als schlechte Gehrer-Kopie symbolisch und fototauglich die Universitäten in Ketten.

Das allgemeine Aktionismusfieber hält auch nach dem Ende der Begutachtungsfrist am 19. April und nach Eingang von bislang rund 380 (überwiegend kritischen) Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf an. Diesen Mittwoch sollte es in einem Warnstreik der Hochschullehrer gipfeln. Der Entwurf, so der bescheidene Gewerkschaftsvorwurf, führe zu einer "völligen Fremdbestimmung der Universitäten, zur politischen Einflussname und Lenkung von außen, zum Ende der Freiheit von Lehre und Forschung, zu autoritären und ineffizienten Strukturen ohne adäquate Mitgestaltungsmöglichkeiten aller Gruppen von Uni-Angehörigen sowie zum Abbau wissenschaftlichen Lehr- und Forschungspersonals im Ausmaß von 30 bis 50 Prozent." Auch der Kompromissvorschlag von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) vom vergangenen Samstag, wonach bei der Besetzung des geplanten Universitätsrats im Streitfall nicht die Regierung drei der fünf Mitglieder bestellen solle, sondern die Universität selbst, konnte die gewerkschaftlichen Gemüter nicht kühlen: Der Warnstreik findet statt.

Weiter als anderswo geht er an der Wirtschaftsuni Wien: Dort bekundeten die habilitierten Assistenten (außerordentliche Professoren und Dozenten), ab sofort keine Diplomprüfungen mehr durchzuführen und keine Diplomarbeiten oder Dissertationen mehr anzunehmen. Im kommenden Wintersemester, so die Mittelbau-Vertreter, sei im Ernstfall auch mit "Dienst nach Vorschrift" zu rechnen. "Streik muss eben weh tun", stellte die Vorsitzende der Hochschullehrer-Gewerkschaft, Andrea Kdolsky, unmissverständlich klar.

An den Hohen Schulen leidet man derzeit tatsächlich. So wurde etwa von der Österreichischen Hochschülerschaft an der Universität Graz während der momentanen Protestwoche die Beratungstätigkeit für Studierende eingestellt. Da das Universitätsgesetz "schlecht durchdacht, überhastet und mit den falschen Zielen für eine moderne Universität ausgerichtet ist", ziehe man es vor, so der ÖH-Vorsitzende der Uni Graz, Jörg Kapeller, die Fragenden stattdessen mit Information zur Uni-Reform zu versorgen. Mehr studentisches Mitgefühl legt man an der Technischen Universität Graz an den Tag: Im Bewusstsein dessen, "dass die Studierenden die einzig wirklich Leidtragenden dieses Streiks seien", habe man auf ähnliche Aktionen verzichtet.

Ausgeprägtes Unwohlsein über die momentanen akademischen Zustände verspüren auch die grundsätzlichen Befürworter der Universitätsreform. So wurde Bildungsministerin Gehrer vergangenen Montag von Studierendenvertretern der VP-nahen AktionsGemeinschaft (AG) der längste Beschwerdebrief der Welt überreicht. Auf 152,5 Metern Briefpapier, welche die Ministerin fotogen durchschritt, waren mehr als 1.000 kritische Hinweise über fehlende Prüfungstermine oder Übungsplätze verzeichnet.

Schwebezustand

Änderungen am Status quo sehnen nicht zuletzt auch die Universitäts-professoren herbei. Freilich formulieren sie ihre Wünsche nicht auf der Straße, sondern im Café. Auch ein Warnstreik liegt ihnen fern. "Wenn schon jemand glaubt, streiken zu müssen, soll er das in seiner dienstfreien Zeit tun", ätzt Wolfgang Zach, Vorsitzender des Universitätsprofessorenverbands und Professor für Englische Sprache und Literatur an der Uni Innsbruck. Grundsätzlich sei vor einer "undifferenzierten Ablehnung des Gesetzesentwurfs" zu warnen.

Dennoch wird Zach von drei Wünschen beseelt: Anders als im Entwurf müsste die Aufgabe des Universitätsrats tatsächlich auf Controlling reduziert bleiben, und der Rektor müsste zweifellos ein Professor sein. "Der darf nicht aus der dritten Managementebene von Maggi kommen." Dass auch die Sehnsucht nach ausreichender finanzieller Ausstattung der Professuren besteht, um die "internationale Kompatibilität" zu sichern, versteht sich von selbst.

Größer noch als diese Sehnsucht ist bei den Professoren jene nach Normalität. "Der momentane Schwebezustand darf nicht lange dauern, denn er wird politisch ausgenützt", fürchtet man. Erst dieser Tage sei an der Uni Wien ein Plakat mit einem radikalen, alten Spruch aufgetaucht: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"

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