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75 Jahre DIE FURCHE

Hilde Spiel - © Foto: picturedesk.com / Imagno / Barbara Pflaum
Wissen

Hilde Spiel: Parforcejagd durch das Universum

1945 1960 1980 2000 2020

Die Essayistin Hilde Spiel schreibt aus London über Fred Hoyle, den Astrophysiker und Volksbildner aus Yorkshire.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Essayistin Hilde Spiel schreibt aus London über Fred Hoyle, den Astrophysiker und Volksbildner aus Yorkshire.

Die Propheten unseres Jahrhunderts sind Astrophysiker. Sie tragen keinen Bart und kein wallendes Gewand, sondern Hornbrillen und einen schlecht gebügelten Straßenanzug. Wandeln sie unter uns, so erkennen wir sie nicht. Dennoch schweift ihr Blick, ganz wie der jener biblischen Weisen, weit hinaus über unsere irdischen Räume. Dennoch denken sie sich, wenn auch mit Hilfe von Meßinstrumenten, so nahe wie möglich an die Ewigkeit heran.

Mit Solarsystemen spielen sie wie mit Murmeln, und die Genesis wie die Apokalypse bedeuten für sie nur lokale Zwischenfälle in einem unfaßlich viel größeren Bereich. Sie sind die Erben der griechischen Naturphilosophen, des Anaximenes, Anaximander und Thales von Milet. In jüngere Zeit haben ihnen die rationalistischen Wissenschafter Pate gestanden. Trotzdem lassen auch ihre kühnsten Weltbilder heutzutage Platz für einen Gottesbegriff, selbst wenn sie sich beharrlich weigern, diesen zu definieren. Einer von ihnen ist Fred Hoyle, der englische Mathematiker und Kosmologe, dessen Werk über „Das grenzenlose All“ vor kurzem in deutscher Sprache erschien. Hoyle stammt aus Yorkshire, der rauhen und windgepeitschten Heidelandschaft, der auch die Geschwister Bronte und der behäbige J. B. Priestley entsprossen.

Die Propheten unseres Jahrhunderts sind Astrophysiker. Sie tragen keinen Bart und kein wallendes Gewand, sondern Hornbrillen und einen schlecht gebügelten Straßenanzug. Wandeln sie unter uns, so erkennen wir sie nicht. Dennoch schweift ihr Blick, ganz wie der jener biblischen Weisen, weit hinaus über unsere irdischen Räume. Dennoch denken sie sich, wenn auch mit Hilfe von Meßinstrumenten, so nahe wie möglich an die Ewigkeit heran.

Mit Solarsystemen spielen sie wie mit Murmeln, und die Genesis wie die Apokalypse bedeuten für sie nur lokale Zwischenfälle in einem unfaßlich viel größeren Bereich. Sie sind die Erben der griechischen Naturphilosophen, des Anaximenes, Anaximander und Thales von Milet. In jüngere Zeit haben ihnen die rationalistischen Wissenschafter Pate gestanden. Trotzdem lassen auch ihre kühnsten Weltbilder heutzutage Platz für einen Gottesbegriff, selbst wenn sie sich beharrlich weigern, diesen zu definieren. Einer von ihnen ist Fred Hoyle, der englische Mathematiker und Kosmologe, dessen Werk über „Das grenzenlose All“ vor kurzem in deutscher Sprache erschien. Hoyle stammt aus Yorkshire, der rauhen und windgepeitschten Heidelandschaft, der auch die Geschwister Bronte und der behäbige J. B. Priestley entsprossen.

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Es sind sonderbare Leute da oben im Moor. Sie sehen aus, als stünden sie mit beiden Beinen auf der Erde, doch mit dem Kopf wohnen sie in den Wolken. Mögen sie Schafzüchter, Wollweber oder Töpfer sein, mögen sie irgendeinem handgreiflichen Gewerbe nachgehen, sie sind zugleich Gottsucher, Sterngucker und heimliche Poeten. Fragt man etwa Hoyle, ob die Mathematik oder die Schönheit der Sterne ihn zur Astronomie getrieben habe, so erwidert er, es sei der Anblick des gestirnten Himmels gewesen. „Als kleiner Junge ging ich abends mit meinem Teleskop ins Moor und wäre am liebsten die ganze Nacht ausgeblieben.“ In seiner Heimat besuchte er die „Grammar School“, das Bildungsinstitut einfacher Leute.

Sein außerordentliches Talent führte ihn sodann nach Cambridge. Zwölf Jahre war er dort Dozent für Mathematik. Kürzlich wurde er zum Professor für Astronomie und experimentelle Philosophie ernannt, und im vergangenen März hat die „Königliche Gesellschaft“ -die englische Akademie der Wissenschaften – den erst Zweiundvierzigjährigen als Mitglied aufgenommen. Es geschah „in Würdigung seiner Studien über stellare Verbindungen, Kernreaktion in Sternen und kosmologische Theorie“, mit denen er 1950 auf sensationelle Weise in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Das Dritte Programm des britischen Rundfunks, dieses hervorragende Volksbildungsmittel, hatte Hoyle damals mit einer populären Vortragsserie über „Die neue Kosmologie“ betraut. Es war ein wahrer Geniestreich gewesen. Der junge Mann aus Yorkshire mit seiner tiefen, regional gefärbten, vertrauenerweckenden Stimme erschloß 300.000 Hörern die Geheimnisse des Universums.

Als der Erfolg dieser Sendungen anschwoll, übernahm sie der Home Service mit seinen Millionen von Hörern. Ueber Nacht entwickelte das englische Publikum einen Sinn für die Struktur und Beschaffenheit des Weltalls. Freilich legte Hoyle nicht nur bereits historisch gewordene Theorien, sondern seine eigene Deutung kosmischer Vorgänge so klar und einleuchtend dar, daß diesen, zum Teil gewagten und keineswegs unbestrittenen kosmologischen Hypothesen eine unerwartet große Anhängerschaft erwuchs.

Weitere Bewunderer drängten sich zu seinen Fahnen, als ein Universitätsverleger diese Radiovorträge unter dem Titel „Die Natur des Universums“ erscheinen ließ und in einem halbenJahr 80.000 Exemplare abgesetzt wurden. Hoyles geradezu astronomischer Ruhm mag seine Widersacher im selben Fachgebiet nicht wenig aufgebracht haben. Aber sein wissenschaftlicher Ernst, seine gewaltige Konzeption blieben unbestritten. Und als fünf Jahre später sein bisheriges Hauptwerk, „Das grenzenlose All“, erschien –auf englisch bezeichnender „The Frontiers of Astronomy“ betitelt –, sprach sich sogar der Königliche Astronom höchst anerkennend darüber aus.

Fragt man etwa Hoyle, ob die Mathematik oder die Schönheit der Sterne ihn zur Astronomie getrieben habe, so erwidert er, es sei der Anblick des gestirnten Himmels gewesen.

Hilde Spiel

Hoyles Theorie der „fortdauernden Schöpfung“, die er kurz vor dem Krieg gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Cambridger Dozenten Raymond Lyttelton, entwarf, geht von Annahmen aus, denen sich in anderer Form die meisten modernen Kosmologen, darunter auch der deutsche Physiker Pascual Jordan, angeschlossen haben. Ihnen zufolge taucht im Universum fortdauernd und spontan Materie auf. Noch vor fünfzig Jahren wäre diese Auffassung undenkbar gewesen. Weltraumphysiker vor Einstein hatten es als selbstverständlich betrachtet, daß zwar die Zeit unablässig neu erschaffen werde, aber der Raum keinerlei Merkmale besitze und das Universum seinem Ende zugehe.

Einstein verlieh dem Raum eine Struktur und einen endlichen Umfang. Aber erst seit Eddington der Ansicht Ausdruck gab, daß dieser begrenzte Raum dich ausdehne und das Universum im Wachsen begriffen sei, sind Theorien über das stetige Neuentstehen von Materie möglich geworden. Hoyle und Lyttelton erklären dieses durch einen stetig fortgesetzten Schöpfungsprozeß, in dessen Verlauf sich aus Wasserstoffgas –vielleichtdem Rohmaterial des Weltalls –Wolken bilden, die sich zu Sternen verdichten und auch ihrem Lauf immer Wasserstoff an sich ziehen, wo immer sie ihn auch finden.Bereits Eddington hatte ja angenommen, unsere Sonne bestünde fast völlig aus Wasserstoff, den in Helium zu verwandeln sie beständig am Werk sei. In einer Weiterentwicklung seiner Lehre meint Hoyle Erklärungen für eine Reihe von kosmischen Phänomenen, vor allem für den Ursprung und die Entwicklung der Planeten zu finden, die freilich der unter modernen Astronomen weite verbreiteten Explosionstheorie widersprechen.

Seine Broschüre „Die Natur des Universums“ enthält Hoyles Kosmologie in vereinfachter und leicht faßlicher Form. Hier hat er sich mit Verve und Enthusiasmus über alle jene Themen geäußert, die den Laien erstaunen und über die der Fachmann sich noch immer wundert: über den Ursprung und die Entwicklung der Gestirne, das Entstehen der Erde, und die Stellung des Menschen in einem Kosmos, der im Zunehmen begriffen ist. Er erklärt, welche Umwälzung im Wissen der Menschheit durch die neuen Teleskope hervorgebracht wurde, wie die Relativitätstheorie unser Weltbild verändert hat, welcher Nutzen und welche Schönheit der Mathematik innewohnt.

Er vertritt die Ansicht, daß in den 100 Millionen Milchstraßen des beobachtbaren Universums andere oder auch ähnliche Lebensformen existieren müssen. „Irgendwo“, sagt dieser rustikale Mann aus Yorkshire, „muß es eine Cricketmannschaft geben, die der australischen überlegen ist!“ Es ist ein im besten Sinne populärwissenschaftliches kleines Buch, an dessen Hand man in die unermeßlichen Räume und Aeonen so vertrauensvoll wandert wie durch Hoyles heimatliches Heidekraut.

In seinem Werk „Das grenzenlose All“ aber hat Hoyle weit mehr unternommen: eine Kosmologie, die nicht nur eine mögliche Erklärung der Vorgänge im Weltall unterbreitet, sondern bis an die Grenze zwischen Wissenschaft und Theologie vorstößt. Zwar sträubt er sich als logisch-positivistisch geschulter Naturwissenschafter gegen jegliche Spekulation und weist Fragen nach dem Sinn der Gravitation, der elektrischen Felder oder des Universums schlechthin als unbeantwortbar und daher bedeutungslos von sich. Doch wie alle Physiker kann er den Vorstoß in den Bereich der Metaphysik nicht lassen und gerät, sowie er dieses feindliche Gebiet betritt, häufig selbst in Gefahr, dogmatisch zu werden. So läßt er sich zur Behauptung verleiten, das Universum habe keinen Anfang und werde kein Ende nehmen.

Er hält es auch für wahrscheinlich, daß ein einziges Gesetz die kleinstenmit den größten Komponenten des Weltalls verbinde, ja daß alltägliche Ereignisse mit dem gewaltigen Kosmos eng verknüpft und nicht von ihm zu trennen seien. Das Wirken des Zufalls schließt er aus seinen Betrachtungen aus. Auch das Leben, meint er, sei kein Zufall. Diese Ansicht braucht man freilich nur positiv zu fassen, um zu merken, wie bei Hoyle – ganz wie übrigens bei Eddington und James Jeans – Gott bei der Hintertür wieder hereingelassen wird. Denn wenn das Gegenteil von Zufall Absicht ist, muß wohl eine Wesenheit oder ein Zweck angenommen werden, denen diese Absicht dient. Hier weiterzudenken hat Hoyle sich jedoch geweigert.

Stößt er aus seinen Astrosphären zur Erde herab, so bewegt er sich freilich nicht sicherer als ein Matrose, der nach langer Seefahrt wieder das Festland gewinnt. Denn seine beiden Bücher über nationalwirtschaftliche und soziologische Themen, „Ein Jahrzehnt der Entscheidung“ und „Der Mensch und der Materialismus“, die er zwischendurch veröffentlicht hat, fanden bei den Fachleuten dieser Gebiete kein williges Gehör.

Aber Hoyle verfolgt unbekümmert weiter, was immer ihm der Erforschung wert erscheint. „In der Wissenschaft liegt alle Spannung im Jagen, nicht im Erlegen.“ Auf der Parforcejagd durch das Universum sitzt er freilich fester im Sattel als beim Ritt über sein eigenes Gestirn.Kürzlich hat dieser erstaunliche Mann mit dem Gesicht einer pausbäckigen und wohlgelaunten Eule sich sogar am wissenschaftlichen Schauerroman versucht. Sein Roman „Die schwarze Wolke“, im September erschienen beschreibt das Herannahen einer vernunftbegabten Gaswolke an die Erde, gegen die ein Cambridger Astronom mit allen Behelfen einer riesigen Versuchsstation den Kampf aufnimmt. Kritiker haben dieses Buch als psychologisch aufschlußreichstes Dokument eines Weltraumphysikers bezeichnet. Hier äußere sich nicht nur der Größenwahn aller Naturwissenschaftler, ein Echo ihres eigenen, „sich ausdehnenden Universums“, sondern auch ihr Wunschtraum, alle Macht auf sich vereint zu sehen, wenn allein ihre Instrumente gegen irgendein kosmisches Unheil anzuwenden sind.

Mag sein! Die Bedeutung unserer modernen Propheten scheint dadurch nicht verringert. Auf ihre Weise heben sie den Menschen weit über seinen irdischen Zustand hinaus. Auf ihre Weise rühren sie an die Letzten Dinge, und dies mit beweiskräftigeren Mitteln, als die Visionäre und die Dichter sie besitzen.Nichts aber, was sie bisher erkundeten, hat außer Kraft gesetzt, was Schiller so zuversichtlich verkündet: Brüder –überm Sternezelt muß ein lieber Vater wohnen! Ob er nun ein Mathematiker ist, wie Sir James Jean sagte, ein Kindlein oder ein Patriarch mit einem weißen Bart –niemand weiß, daß es Gott n i c h t gibt, also muß es Ihn wohl geben. Es ist ein tröstlicher Gedanke. Besonders für wißbegierige Menschen, die zugleich gläubig sind.

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