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Die andere Seite der Heilkunst

Für den antiken griechischen Arzt Hippokrates war die Sache sonnenklar: "Wo auch immer die Kunst der Medizin geliebt wird, gibt es auch die Liebe für die ganze Menschheit." Was der Namenspatron des ärztlichen Eides hier zum Ausdruck bringt, ist heute doppelt bemerkenswert: Medizin ist erstens eine Kunst, und sie steht zweitens in zentraler Verbindung zu einer existenziellen Dimension des Menschseins - für die an sich die Philosophie und andere Geisteswissenschaften zuständig sind.

Blickt man noch weiter zurück, wird diese Spur erhärtet: Denn der Schamane, die älteste Figur des Heilkundigen in der Menschheitsgeschichte, entfaltete seine Therapie mittels Dichtung, Musik, Tanz und Performance zu einer Art von Gesamtkunstwerk.

Es ist diese uralte Verbindung, die zuletzt in Form der "Medical Humanities" einen neuen Platz auf der Forschungsagenda mancher Universitäten gefunden hat. Führend ist hier vor allem der angloamerikanische Raum. Aber auch in den romanischen Ländern werden nun die historischen, sozialen und kulturellen Dimensionen der ärztlichen Praxis erforscht. Besonders große Ambitionen zeigt die Universität Oxford in Großbritannien, wo Forscher aller drei Abteilungen (Medizin, Sozial- und Geisteswissenschaften) auf der "weltgrößten Plattform" für "Medical Humanities" zusammenarbeiten sollen, um bislang "einzigartige Ressourcen" verfügbar zu machen.

Der geisteswissenschaftliche Zugang steht ganz am anderen Ende eines Spektrums, das in der jüngeren Geschichte vom kometenhaften Aufstieg der Biomedizin geprägt war. Pharmakologische Therapien und High-Tech-Geräte, Gene und Moleküle dominieren heute die medizinische Welt.

Transkulturelle Kompetenz

Mit den "Medical Humanities" wird diese ärztliche Praxis nicht nur einer grundlegenden Reflexion unterworfen. Zudem greift die Erkenntnis um sich, dass auch Ideen aus Kunst und Geistesgeschichte zu therapeutischen Fortschritten führen können. Wiewohl die beiden Zugänge im Idealfall komplementär zusammenarbeiten, gibt es Spannungen zwischen den Lagern, zumal nun auch große Förderinstitutionen die "Medical Humanities" entdeckt haben.

Der Wellcome Trust etwa, die größte nicht-staatliche Förderquelle für biomedizinische Forschung Im Vereinigten Königreich (UK), will den neuen Forschungsbereich in der aktuellen strategischen Planung bis 2020 ausdrücklich mit berücksichtigen. "Ich merke eine ziemliche Feindseligkeit unter den Vertretern der nach wie vor dominanten Biomedizin", berichtete letztes Jahr etwa Colin Blakemore, Professor für Neurowissenschaften und Philosophie in London, in der Zeitschrift Times Higher Education.

In einer Zeit, die von Globalisierung und weltweiten Migrationsströmen gekennzeichnet ist, werden die "Medical Humanities" jedenfalls auch im Sinne der transkulturellen Kompetenz gebraucht. Denn kulturelle Unterschiede beim Dialog von Arzt und Patient können zu Diagnose- und Behandlungsfehlern führen.

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