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Buchladen - © Foto: Wolfgang Schwens
Feuilleton

Literatur in Zeiten von Corona

1945 1960 1980 2000 2020

Viel wurde in den letzten Wochen über die „Kulturnation" gesprochen, wenig wurde für die Kulturschaffenden getan. Wie geht es denn der Literaturbranche?

1945 1960 1980 2000 2020

Viel wurde in den letzten Wochen über die „Kulturnation" gesprochen, wenig wurde für die Kulturschaffenden getan. Wie geht es denn der Literaturbranche?

Viel wurde geredet von der Kulturnation in den vergangenen Wochen. Hörbar wurde die Situation der Kultur vor allem in Wortmeldungen von verzweifelten Kulturschaffenden. Sichtbar wurde, wie sehr die stolze Rede von der Kulturnation im Widerspruch steht zum Stellenwert, den die Politik Kunst und Kultur in Österreich tatsächlich einräumt. Das kommt nicht überraschend. Schließlich spielte auch in den vergangenen Wahlkämpfen Kultur gar keine Rolle mehr, selbst die Medien machten beim Verschweigen fröhlich mit, indem sie in Politikerinterviews und Elefantenrunden nach der Bedeutung von Kultur gar nicht erst fragten.

Viel wurde geredet von der Kulturnation in den vergangenen Wochen. Hörbar wurde die Situation der Kultur vor allem in Wortmeldungen von verzweifelten Kulturschaffenden. Sichtbar wurde, wie sehr die stolze Rede von der Kulturnation im Widerspruch steht zum Stellenwert, den die Politik Kunst und Kultur in Österreich tatsächlich einräumt. Das kommt nicht überraschend. Schließlich spielte auch in den vergangenen Wahlkämpfen Kultur gar keine Rolle mehr, selbst die Medien machten beim Verschweigen fröhlich mit, indem sie in Politikerinterviews und Elefantenrunden nach der Bedeutung von Kultur gar nicht erst fragten.

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Das Virus hat den Stellenwert von Kunst und Kultur unübersehbar gemacht. So werden etwa in der Covid­-19-­Lockerungsverordnung im Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich (in der 197. Verordnung vom 30. April) erst an achter Stelle Theater, Konzertsäle und ­-arenen, Kinos, Varietés und Kabaretts genannt – nach Schaustellerbetrieben, Freizeit­ und Vergnügungsparks, Bädern, Tanzschulen, Wettbüros, Automatenbetrieben, Spielhallen und Kasinos, Tierparks und Zoos, Schaubergwerken und Einrichtungen zur Ausübung der Prostitution. Veranstaltungsorte wie Literaturhäuser bleiben überhaupt ungenannt.

Kulturschaffende wurden vertröstet wie kaum eine andere Branche, die Geldtöpfe, aus denen Freischaffenden geholfen werden sollte, blieben für diese oft unerreichbar, die empörten Stimmen wurden deutlicher und lauter. Da begann man den Wert der Kultur zu betonen, meinte damit die Wertschöpfung und hoffte, damit eine Sprache gefunden zu haben, die diese Regierung versteht.

Dass man mit der tatsächlich enormen Umwegrentabilität der Kultur argumentieren muss, um die Bedeutung von Kunst und Kultur für eine Gesellschaft und für die Demokratie zu betonen und damit die Regierung aufzuwecken, ist ein Armutszeugnis.

Doch dass man mit der tatsächlich enormen Umwegrentabilität der Kultur argumentieren muss, um die Bedeutung von Kunst und Kultur für eine Gesellschaft und für die Demokratie zu betonen und damit die Regierung aufzuwecken, ist ein Armutszeugnis. Nicht für die, die in der Not so argumentieren. Aber für die, denen erst mit dem Blick auf die Zahlen Kultur wichtig wird. Diese Argumentation führt zudem dazu, dass ein Bereich erst recht wenig Beachtung findet: die Literatur.

Krise trotz Buchverkauf

Auf den ersten Blick mag es erstaunlich wirken, dass auch die Literaturbranche so schwer getroffen wurde. Immerhin wäre doch die Zeit der Schließungen ideal gewesen, um endlich wieder zu lesen, immerhin hörte man vom Buchverkauf, durch Zustelldienste während des Lockdowns und in den Läden sofort nach deren Öffnung. Aber wie der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vermeldete, ist im April der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 31,8 Prozent eingebrochen. Am wenigsten betraf es das Kinder-­ und Jugendbuch mit minus 17,4 Prozent, den größten Umsatzverlust verzeichnete die Reiseliteratur: minus 81,8 Prozent.

Die Frühjahrsproduktion hätte auf der Leipziger Buchmesse präsentiert werden sollen, diesem so wichtigen Schaufenster für den deutschen Buchmarkt. Keine Buchmesse bedeutet auch: weniger Berichterstattung, weniger Interviews, weniger Präsenz der Bücher in den Medien. Verlage blieben auf ihren Titeln sitzen. Viele haben nun für Herbst angepasste und das heißt: verkleinerte Programme herausgebracht. Und selbst wenn Bücher dann doch verkauft werden: Autorinnen und Autoren können davon nicht leben. Sie brauchen Honorare, also Veranstaltungen und Lesungen.

Das Netzwerk „mitsprache“ der österreichischen Häuser der Literatur startete gemeinsam mit der IG Autorinnen Autoren eine Umfrage. Innerhalb weniger Tage haben 260 Autorinnen und Autoren geantwortet. Für 37,7 Prozent machen Auftrittshonorare mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus. Für über 80 Prozent sind seit den Covid­-19­-Maßnahmen Auftritte ersatzlos ausgefallen, für mehr als drei Viertel der ausgefallenen Veranstaltungen wurde keine honorierte Alternative gefunden. 85 Prozent der Autorinnen und Autoren verfügen daher seit den Maßnahmen über weniger als die Hälfte des erwarteten Einkommens.

Bleibendes Problem: die Rechtsunsicherheit. Wer haftet eigentlich, wer ist verantwortlich, wenn dann doch etwas passiert?

Angesichts eines üblicherweise ohnehin geringen Durchschnittseinkommens eine gefährliche Entwicklung. Angebliche Hilfsmaßnahmen wie der Härtefall-­Fonds verlangen Voraussetzungen, die bei Autorinnen und Autoren meist nicht gegeben sind. Es fehlt eine Hilfe, die gezielt auf deren spezifische Situation eingeht. Daher haben, so zeigt die Umfrage, nur wenige um Hilfe beim Härtefall-Fonds (rund ein Viertel) und beim Covid­-19­-Fonds des Künstlersozialversicherungsfonds (13,4 Prozent) angesucht. Eine positive Antwort erhielten beim Härtefall­-Fonds 50,7 Prozent, beim Covid-­19­-Fonds nur 44 Prozent.

Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, fordert daher, „die volle Funktionsfähigkeit der Unterstützungsfonds mit relevanten Unterstützungsleistungen für Autor/inn/en herzustellen“. Er schlägt vor, „einen für die Literatur vorgesehenen Anteil“ aus dem Covid-19-­Fonds herauszulösen und die Aufgabe der Unterstützung von Autorinnen und Autoren der Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana zu übertragen, die mit ihrem Sozialfonds sofort zur Stelle war.

Unsichere Zeiten

Rudolf Anschober und Andrea Mayer, die neue Staatssekretärin für Kunst und Kultur, gingen in ihrer Pressekonferenz am 25. Mai auf die Bitten der Veranstalter ein, die Regeln im Kulturbetrieb jenen der Gastronomie anzupassen. Unter den Bedingungen können allerdings die Räume nicht gefüllt werden, und in Buchhandlungen gilt immer noch die Zehn-Quadratmeter­-pro-­Kunde­-Regel. Für die BuchWien laufen die Vorbereitungen, aber wie wird sie stattfinden können? Unsichere Zeiten für Verleger und Autoren. Dramatiker verdienen am Kartenverkauf der Theater, werden also auch in Zukunft bei weniger Zuschauerplätzen immense Einbußen erleben.

Bleibendes Problem: die Rechtsunsicherheit. Wer haftet eigentlich, wer ist verantwortlich, wenn dann trotz aller Sicherheitsmaßnahmen etwas passiert? Es braucht klare rechtliche Vorgaben, sonst droht im Fall des Falles ein jahrelanger Rechtsstreit. Doch in der Pressekonferenz wiederholte der Gesundheitsminister den dieser Frage ausweichenden Appell an die „Eigeninitiative“. Welche Ironie, dass sich Montagnacht beim Ansehen des „Kulturmontag“ in der ORF-­TVthek just die Werbung der Rechtsanwälte vorab einspielte.

Andrea Mayer, die Vertreter der Kulturbranche bereits zwei Tage nach ihrem Antritt versammelt hat, weiß um die finanziellen Nöte der Kulturschaffenden und ­initiativen, wie sie in der Pressekonferenz auch betonte: Sie arbeite intensiv an Möglichkeiten. Vom Bundeskanzler ist bisher kein gesteigertes Interesse an Kunst und Kultur überliefert. Der Bundespräsident hingegen äußerte sich bei der Amtsübergabe an die neue Staatssekretärin deutlich: „Kunst und Kultur sind ein Wert an sich.“ Und weiter: Es gehe auch um uns, das Publikum. Ja, so könnte man den Bereich Literatur ergänzen: Es geht auch um uns, die Leserinnen und Leser. Man sollte diese und künftige Regierungen endlich auch nach ihrem Umgang mit Kultur bewerten.